Die Kino-Kritiker

«Guardians of the Galaxy Vol. 2»

von   |  4 Kommentare

Knallbunt, saulustig und extrem exzentrisch: Trotz einiger Kleinigkeiten, die etwas Feinschliff gebraucht hätten, ist «Guardians of the Galaxy Vol. 2» eine beeindruckende Marvel-Weltraumsause.

Filmfacts «Guardians of the Galaxy Vol. 2»

  • Regie: James Gunn
  • Produktion: Kevin Feige
  • Drehbuch: James Gunn; basierend auf den Comics von Dan Abnett & Andy Lanning
  • Darsteller: Chris Pratt, Zoe Saldana, Dave Bautista, Michael Rooker, Karen Gillan, Pom Klementieff, Elizabeth Debicki, Chris Sullivan, Sean Gunn, Kurt Russell
  • Musik: Tyler Bates
  • Kamera: Henry Braham
  • Schnitt: Fred Raskin, Craig Wood
  • Laufzeit: 136 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
2014 prophezeiten diverse Hollywood-Analysten, dass die Glückssträhne der Marvel Studios erstmals brechen wird: Kinogänger weltweit mögen es akzeptiert haben, dass sich Donnergott Thor, ein arroganter Millionär mit selbstgebauter, fliegender Rüstung und ein Supersoldat, der im Zweiten Weltkrieg gedient hat und im Heute die Welt vor allen möglichen Bedrohungen bewahrt, ein Filmuniversum teilen. Aber ein farbenfrohes Science-Fiction-Spektakel über einen im Weltraum groß gewordenen Erdling, ein blauhäutiges, tätowiertes Kriegeralien, einen sprechenden Waschbären mit Waffenfetisch, eine grünhäutige Amazone und einen lebenden Baum mit begrenztem Vokabular? Inszeniert und geschrieben von dem freakigen Filmemacher, der die Shakespeare-Exploitationkomödie «Tromeo & Julia» und die blutige, rotzige Superheldendekonstruktion «Super - Shut up, Crime!» verantwortete? Das kann aus wirtschaftlicher Sicht nur schiefgehen!

Aber wie es gerne Mal geschieht: Die Analysten, die wagemutige Ideen etablierter Filmmarken kritisch betrachtet haben, irrten sich – «Guardians of the Galaxy» wurde von positiven Kritiken und herausragender Mundpropaganda begleitet mit 773,3 Millionen Dollar zu einem der erfolgreichsten Filme des Jahres 2014. Drei Jahre und vier Filme aus dem sogenannten Marvel Cinematic Universe später kommt mit «Guardians of the Galaxy Vol. 2» eine Fortsetzung daher, die nunmehr als garantierter Erfolg gehandelt wird – und der Regisseur und Autor James Gunn eine noch größere Dosis Exzentrik mitgibt als dem ersten Einsatz seiner frechen Heldentruppe.

Ruht unter der coolen Attitüde, dem denkwürdigen Soundtrack und den feschen Sprüchen des Erstlings ein sehr konventioneller Handlungsbogen, ist «Guardians of the Galaxy Vol. 2» im besten Sinne aufgekratzter: Statt eines stringenten "Rettet die Galaxie"-Plots breitet Gunn vor seinem Publikum mehrere charakterbezogene Miniplots aus, die er ineinander verschränkt und mit diversen schrägen Ideen überzieht.

Fragten zweiflerische Wall-Street-Anleger vor Teil eins, ob Kinogänger Marvel einen schießwütigen Waschbären und ein prügelndes Baumwesen abkaufen werden, zuckt «Guardians of the Galaxy Vol. 2» nicht mit der Wimper, einen lebenden Planeten ins Zentrum dieses Films zu packen und die Guardians, deren Gruppendynamik in Teil eins so hervorragend ankam, über weite Teile des Films zu trennen. Und das neue Mixtape, das die Helden dieses Films rauf und runter hören, besteht zumeist aus Liedern mit komplexeren Melodien und sperrigeren Emotionen als vom "Awesome Mix Vol. 1" gewohnt – vorbei sind die Zeiten, in denen die eingängige Hook eines Oldies den Weltraumirrsinn zugänglicher gestaltet. Einfach nochmal den Erstling mit wenigen kosmetischen Veränderungen abzuliefern, kann man Gunn also keineswegs vorwerfen.

Wenige Monate nach Teil eins, in einer nicht all zu fernen Galaxis ...


Die Geschichten von «Guardians of the Galaxy Vol. 2» beginnen wenige Monate nach den Ereignissen aus Teil eins: Nachdem sie die Galaxie vor dem megalomanischen Schurken Ronan beschützt haben, touren die Guardians als käufliche Helden durch das Universum. Bei ihrem jüngsten Einsatz zeigen sich jedoch Risse in dieser Ersatzfamilie: Der wieder zum Kleinkind gewordene Baum Groot taugt bestenfalls als Maskottchen etwas. Gamora (Zoe Saldana) wechselt einfach so, ohne Star-Lord (Chris Pratt) vorzuwarnen, ihre Hauptwaffe. Das alles wortwörtlich nehmende Muskelpaket Drax (Dave Bautista) zeigt nun, da sich der Krieger den restlichen Guardians näher fühlt, weniger Einfühlungsvermögen denn je. Und Rocket stößt mit seinem immer frecher werdenden Humor seinen Heldenkollegen und Auftraggebern unentwegt vor den Kopf.

Bei all dieser Dysfunktionalität innerhalb der Gruppe ist es kein Wunder, dass sie den Zorn einer Auftraggeberin auf sich ziehen: Hohepriesterin Ayesha (Elizabeth Debicki) ruft ihr Volk auf, die Guardians zu zerstören – und heuert sogar den blauhäutigen Weltraumpiraten Yondu (Michael Rooker) an, der eine schwierige Vergangenheit mit den Guardians hat. Als Star-Lord während der Flucht vor den Verfolgern der Guardians zudem einen geheimnisvollen, charmanten Mann trifft, der sich als Ego (Kurt Russell) vorstellt und behauptet, sein Vater zu sein, ist das (Gefühls-)Chaos perfekt …

Der erzählerische Schritt, auf die bewährte Gruppendynamik aus «Guardians of the Galaxy» zu verzichten, erweist sich rasch als ergiebige Idee: Dass James Gunn nach und nach die Guardians aufsplittet und in unterschiedlichen Kombinationen wieder zusammenführt, hält diese Truppe frisch – der Dialogwitz zwischen Drax und Gamora ist schlichtweg ein ganz anderer als der zwischen Rocket und Star-Lord oder in der großen Gruppe. So bringt Gunn einem diese Figuren auch auf unverbrauchte Weise näher – der Umgang der Guardians untereinander, wenn sie sich nur noch in kleinen Trüppchen befinden, verrät viel mehr über sie als die klassische "Heldenzusamenführungsgeschichte" aus Teil eins. Jedoch münden diese charakterspezifischen Momente nicht nur in jede Menge herrlicher Situationskomik und Dialogwitz, sondern auch in einige arg zugespitzte dramatische Momente.

Scherze, Action, Emotionen und kleine Schönheitsfehler


Dass Gunn die wildere, lautere, schrägere Fortsetzung seines Kassenschlagers von 2014 zugleich auch emotionaler und dramatischer gestaltet, ist per se ein willkommener Schritt. Und wenn die ruhigeren Momente funktionieren, dann sind sie dank des überaus engagierten Ensembles und dem erzählerischen Vorlauf hervorragend. Jedoch scheint Gunn zwischenzeitlich sein Publikum zu unterschätzen. Zwar haut er ihm selbstbewusst jede Menge verrückter Sci-Fi-Mythologie um die Ohren, doch wenn es um Gefühlsregungen geht, dann verlässt er sich mehrfach nicht nur auf die Mimik und Gestik seiner Schauspieler sowie die emotionale Musik, sondern verbalisiert selbst den deutlichsten Subtext in expliziten Formulierungen. Je nachdem, welcher der Helden und Anti-Helden in welchem Kontext wortwörtlich sagt, was in ihm vorgeht, passt die Holzhammermethode durchaus zu den Guardians – manche Aussprachen zwischen den Figuren wären allerdings ergreifender, würden vereinzelte Dinge zwischen den Zeilen bleiben, statt mit Anlauf dem Publikum ins Gesicht geschleudert zu werden.

Diese Überdeutlichkeit, mit der Gunn vorgeht, trübt wohlgemerkt nur vereinzelte Szenen. Unterm Strich geht die Rechnung auf, das Sequel stärker auf die Befindlichkeit der einzelnen Figuren zu fokussieren, statt erneut auf die Frage, ob die Guardians einen nur mäßig denkwürdigen Schurken aufhalten werden: Das Finale ist eine tolle Mischung aus charakterbezogenen Situationen und rasanter Action in knallbunter Optik – und somit fast so rührend wie spektakulär. Aber auch der Hinweg zum großen Finale ist ein visueller Wohlgenuss: Ob ranziger Rotlichtplanet oder Egos strahlend sonnige, lebendige Heimat in liebreizender Wasserfarbenästhetik – das Produktionsdesign ist herausragend und macht dieses Sci-Fi-Actionabenteuer, trotz zwei, drei wackliger Raumschiffanimationen, zum Marvel-Film mit der einprägsamsten, coolsten Optik. Auch das 3D ist hier besser als jemals zuvor in einem Marvel-Studios-Film.

Dies bedeutet aber nicht, dass die Schauwerte die Akteure überstrahlen – die alten Guardians sind so gut wie in Teil eins (oder in Zoe Saldanas Fall sogar besser, weil es mehr zu tun gibt). Allerdings bekommen sie im Kampf um Coolnesspunkte Konkurrenz durch alte Widersacher, die dieses Mal etwas stärker in den Fokus rücken, sowie durch neue Nebenfiguren. Michael Rooker ist als schroffer Yondu der heimliche Mittelpunkt des Films, Pom Klementieff stiehlt als empathisches Wunderwesen jede Szene, in der sie auftaucht, die im ersten Film noch untergegangene Karen Gillan begeistert als Thanos' schlagkräftige Adoptivtochter, Elizabeth Debicki glänzt in ihren wenigen Szenen und Kurt Russell hat als Ego eine geradezu göttliche Strahlkraft. Teil drei kann nicht schnell genug kommen!

Fazit: Launiger, knalliger und emotionaler als Teil eins – wenngleich die einfühlsam gemeinten Dialogpassagen gelegentlich noch Feinschliff gebraucht hätten: «Guardians of the Galaxy Vol. 2» ist eine sympathische, bombastische Weltraumsause mit hoher Gag-Trefferquote und kleineren, größtenteils verzeihlichen Schönheitsfehlern. Die Guardians wären stolz auf ihren Film, zweifelsohne.

«Guardians of the Galaxy Vol. 2» ist ab dem 27. April 2017 in vielen deutschen Kinos zu sehen – in 2D und galaktisch gutem 3D.

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Es gibt 4 Kommentare zum Artikel
Blue7
24.04.2017 13:19 Uhr 1
Kommt in Deutschland nach dem Abspang noch weitere 5 Szenen wie in den Staaten. So selbstverstädnlich ist das hier im Lande ja nimmer.
Sid
24.04.2017 13:49 Uhr 2
Die 5 Szenen sind quer über den ganzen Abspann verteilt (1 direkt zu Beginn, 3 währenddessen, 1 zum Abschluss). Und ja, da bekommt Deutschland alles, was den Amis auch vergönnt ist.
Sentinel2003
24.04.2017 14:20 Uhr 3
Ich hab zwar Fast & Furios 8 noch nicht gesehen, finde es aber traurig, das tatsächlich es keine Szenen "nach dem Abspann" geben soll, wie bei den Vorgänger Filmen?? Da fragt man sich dann schon, falls es dann wirklich Vin Diesel veranlasst haben soll, diese zu kippen, warum nur?
Kingsdale
25.04.2017 12:11 Uhr 4
Das Vin Diesel etwas geschnitten hat ist ein dämliches Gerücht und nix dran. Man kann davon ausgehen, das zu Fate of the Furious (Fast 8) eine Extended-Version auf BluRay erscheinen wird, da es noch ein paar andere kleinere Lücken gibt.

Bei den Guardians gibs nix zu meckern, auch der wird wieder ein Riesen-Erfolg und ich bin schon sehr gespannt, wie sie sich dann in Avengers 3 zu den anderen Helden gesellen.

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