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«Legion»: Eine Marvel-Serie wie noch keine zuvor

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Inspiriert von einer obskuren «X-Men»-Comicfigur erschafft «Fargo»-Showrunner Noah Hawley eine desorientierende, psychedelische, ideenreiche, hoch dramatische und atmosphärische Serie über die verwirrenden Grenzen zwischen psychischer Krankheit und ungeahnten Möglichkeiten.

Cast und Crew

  • Showrunner: Noah Hawley
  • Basierend auf: «Legion» von Chris Claremont, Bill Sienkiewicz
  • Darsteller: Dan Stevens, Rachel Keller, Jean Smart, Aubrey Plaza, Jeremie Harris, Amber Midthunder, Katie Aselton, Bill Irwin
  • Musik: Jeff Russo
  • Produktion: Noah Hawley, Lauren Shuler Donner, Bryan Singer, Simon Kinberg, Jeph Loeb, Jim Chory, John Cameron, Brian Leslie Parker
Wer Superheldengeschichten als Genre mit eng gesteckten Grenzen betrachtet, hat einfach noch nicht genug davon verfolgt. Ähnlich wie nicht sämtliche Science-Fiction entweder in der Schublade «Star Trek» oder in der Schublade «Star Wars» steckt oder jeder Liebesfilm wahlweise ein enger «Pretty Woman»-Verwandter ist oder intensiv an «Romeo & Julia», so ist auch nicht jeder Superheldenstoff entweder «Marvel’s The Avengers» oder Christopher Nolans «The Dark Knight». Gewiss, die großen Mainstreamerfolge der vergangenen Jahrzehnte lassen sich weitestgehend irgendwo auf einem bekannten Raster verordnen. Der einsame, nachdenklich-wütende Held gegen den fiesen Superschurken, der ihm auf irgendeine Weise ähnelt. Der vermeintliche Normalo mit übernatürlichen Fähigkeiten, die ihm Macht und Verantwortung einbringen. Das ungleiche Heldenteam gegen die Frage, ob es der neusten Herausforderung gewachsen ist. So oder so: Spektakuläre Kämpfe stehen vorne in der ersten Reihe der Einschaltgründe.

Nach Jahrzehnten der aufwändigen Superheldenfilme und Jahren der ambitionierteren Superhelden-Realserien erfindet sich das Genre allerdings häufiger auch im Rampenlicht neu – ähnlich, wie es in den Comics schon längst immer wieder mutierte. Allein innerhalb der stetig wachsenden Riege an Fernsehserien, die auf Marvel-Comicschöpfungen basieren, wächst die gebotene Bandbreite neuerdings enorm an: War «Daredevil» noch eine typische Superheldengeschichte, nur langsamer und grimmiger als im Normalfall, präsentierte sich «Jessica Jones» als smarte Film-noir-Abwandlung, die sich elegant dem Thema des sexuellen Missbrauchs annahm.

Die neue FX-Serie «Legion» wiederum ist zwar von einer der Hunderten an X-Men-Figuren aus dem Marvel-Comic-Archiv inspiriert, hat tonal sowie inhaltlich jedoch nahezu gar nichts mit den bekannten Kinofilmen zu tun. Ebenso wenig bewahrheiten sich (wenigstens in den der Presse bislang vorliegenden Episoden) die Gerüchte, dass die in Zusammenarbeit zwischen Fox und Marvel Television entstandene Serie ins 'Marvel Cinematic Universe' gehört, der Film- und Kinoheimat der von Robert Downey Junior, Chris Evans und Co. gespielten «Avengers»-Versionen.

Noah Hawley, der Kopf hinter der gefeierten Anthologieserie «Fargo» und der Showrunner dieser Comicadaption, widmet der Mutantenfigur David Haller stattdessen eine (zumindest derzeit) völlig für sich stehende Serie, deren Genre irgendwo zwischen beklemmenden Thriller, desorientierender Stilübung und psychologischen Drama angesiedelt ist. Der von Dan Stevens («Downton Abbey», demnächst im Disney-Realfilm «Die Schöne und das Biest» zu sehen) gespielte Protagonist wurde in jungen Jahren als schwer schizophren diagnostiziert und daher von einer Psychiatrie zur nächsten weitergereicht. Nun in seinen frühen 30ern angelangt, ist er verschlossen, scheint mit seinem Schicksal abgeschlossen zu haben und lässt sich von der Routine in seiner Klinik zermürben.

Einzig seine geschwätzige beste Freundin Lenny (Aubrey Plaza), die aufgrund der Nebenwirkungen ihres schweren Drogen- und Alkoholmissbrauchs ebenfalls eingewiesen wurde, ist mit ihrem Galgenhumor ein leichter Quell der Freude in Davis Leben – zumindest bis er eines Tages eine neue Patientin erblickt: Die ebenso bildhübsche wie zurückhaltende Syd (Rachel Keller), zu der sich David aus unerklärlichen Gründen hingezogen fühlt, selbst wenn sie ihm stets Rätsel aufgibt. Als er ihr einmal endlich etwas näher kommt, drängt sich ihm die Frage auf, ob er vielleicht gar nicht psychisch erkrankt und hoffnungslos verloren ist, sondern über ihn überwältigendes Potential verfügt, das es zu bändigen gilt …

Die Serie eröffnet mit einer optisch brillanten, unter die Haut gehenden Montage, die in wenigen, eindrucksvollen Bildern zeigt, wie David aufwächst, anfängt, mit seinem Verstand zu kämpfen und letztlich den Lebensmut verliert. Diesen Mix aus beeindruckend und bedrückend behält Hawley, der in der mehr als einstündigen Auftaktfolge Regie führt, für den Rest der Serienpremiere bei. Er erzählt die Story sozusagen aus der Sicht seines verwirrten, sich selbst keine Chance auf ein lebenswertes Dasein gebenden Protagonisten, der mit den Stimmen in seinem Kopf und seinem verlorenen Zeitgefühl zu kämpfen hat. Und so erschafft Hawley einen der eindrucksvollsten Serienpiloten der jüngeren TV-Vergangenheit.

Die Erzählung springt umher, die gegenwärtige Serienrealität verschwimmt unentwegt mit Rückblicken und Vorschauen, mit Davids Träumen, verfälschten Erinnerungen, Halluzinationen und tagträumerischen Gedanken. Angesichts der elliptischen Erzählweise und den gelegentlich sehr sprunghaften Szenenübergängen mutet die erste Stunde von «Legion» sehr an einen David-Lynch-Film an – nur nicht ganz so albtraumhaft, dafür mit einer schneidigen, britischen 60er-Jahre-Eleganz: Die Retroausstattung und Vintagekleidung erinnert an die Mysteryserie «The Prisoner – Der Gefangene», die frühen Beatles-Filme und eine Ästhetik, die The Who mit Pink Floyd kreuzt – gefiltert durch eine Wes-Anderson-Linse sowie etwas Stanley-Kubrick-Schaurigkeit. Wer «High-Rise» aufgrund seiner Ästhetik mochte, wird den «Legion»-Auftakt lieben.

Und so wird «Legion» in seiner ersten Stunde zu einem beklemmenden, dennoch sehr kurzweiligen, desorientierenden Kaleidoskop, einer fragmentarisch erzählten Story eines Psychiatriepatienten, der sich und sein Umfeld mehr denn je hinterfragen muss. Hawley experimentiert munter herum, sprenkelt zwischendurch sehr blutige Anblicke in seine Geschichte, streut dramaturgisch gerissen Hinweise, wie es weitergehen könnte. Wann immer die Story klarer wird, wirft Hawley an anderer Stelle brennende Fragen auf – von einer sehr künstlich aussehenden, aufgesetzten Action-Plansequenz kurz vor Schluss abgesehen, sind Regieführung und Erzählweise extrem versiert und auf verspielte Weise zielsicher.

Umso bedauerlicher, dass Folge zwei dann deutlich konventioneller daherkommt. Es gehört wohl einfach zum TV-Alltag hinzu: Es gibt Serien mit miesem Piloten, die danach zügig Fahrt aufnehmen. Und es gibt Serien mit einer fantastischen Pilotfolge, die danach aber erstmal wieder etwas Tempo und Ideenvielfalt rausnehmen. «Legion» gehört in das zweite Lager, Serienliebhaber sollten sich also nach dem Auftakt darauf einstellen, dass es nicht durchweg in diesem Stil weitergeht, um nicht zu arg enttäuscht zu werden.

Aber auch nach dem Piloten bleibt sich «Legion» (wenigstens in den drei der Presse vorliegenden Folgen) insofern treu, als dass es nicht zu einer „Held jagt Schurken“-Serie wird. Stattdessen nimmt das Publikum unmittelbar an Davids schleichendem Prozess teil, seine psychische Verfassung neu zu sortieren – was erschreckende Erkenntnisse, traumatische Erinnerungen und auch aufmunternde Fortschritte beinhaltet. Das alles ist, auch wegen der sich ändernden Szenerie und einem Abflauen der Mindfuck-Momente, nicht mehr so atemberaubend wie im Piloten, allerdings noch immer weit über dem Durchschnitt für Superheldenserien. Und wer weiß, vielleicht wird es, sobald David sein volles Machtpotential ausschöpft, wieder auch ähnlich fesselnde Weise so irre wie zum Serienbeginn?

«Legion» ist beim deutschen Pay-TV-Sender FOX ab dem 9. Februar 2017 wöchentlich donnerstags um 21 Uhr zu sehen.

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