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«Weinberg»: Medizin für die kränkelnde deutsche Serie?

von   |  2 Kommentare

Kaum eine deutsche Serie erhält hierzulande eine richtige Chance im Free-TV. Die, die sie bekommen, scheitern häufig. Das auf VOX startende «Weinberg» hält nun dagegen.

Für Kreative gibt die deutsche Serienlandschaft immer wieder neue Gründe zum Jammern auf. In einem Land, in dem immer mehr Formate krachend zu floppen scheinen, nehmen die meisten Senderverantwortlichen Abstand von allzu großen TV-Experimenten. Als solche zählen fiktionale Serien dieser Tage traurigerweise, denn trotz des grandiosen Aufstiegs des Sendeformats in den USA, schaffte man es in Deutschland in den vergangenen Jahren kaum, eine Serienkultur zu etablieren – insbesondere im Bereich der Drama-Serien. Da hätte man RTL, das mit «Alarm für Cobra 11» einst ein langlebiges Ausnahmeformat schuf, dass dieser Tage jedoch auch schwächelt. Mit «Der Lehrer» schenkten die Kölner einem Format ihr Vertrauen, das zunächst einen schweren Stand hatte, dann aber ebenfalls zum Publikumsliebling avancierte. So kann es gehen. Doch auch RTL machte mit neuen Comedy-Serien am Donnerstagabend in den vergangenen Jahren einige Bauchlandungen, die andere Sender gewarnt haben.

Bei Sat.1 sind «Der letzte Bulle» und «Danni Lowinski» mittlerweile Geschichte, bezüglich «Pastewka» hält sich der Bällchensender weiterhin bedeckt. Einen Achtungserfolg verbuchte dafür zuletzt «Club der roten Bänder» bei VOX, das gerade fulminant in seine zweite Staffel startete. Ansonsten ist das deutsche Fernsehen eine Serienwüste, in der auch ZDFneo es mit ein paar Experimenten im Comedy-Sektor bisher nicht schaffte eine Oase für die sehr wohl existierenden Serienliebhaber in der Republik zu schaffen. Ohnehin strahlten die Versuche des Privatfernsehens und des digitalen Spartensenders nicht den Glanz der US-Produktionen aus, die Serien zuletzt so populär machten. Und wenn dies mal der Fall ist, wie im Falle von RTLs international gefeiertem «Deutschland 83», werden derartige Formate vom deutschen Publikum stiefmütterlich behandelt.

Innovationen, Anspruch und Style fand man zuletzt eher im Pay-TV, wo das kleine TNT Serie, das ebenfalls vorrangig syndizierte Ware sendet, im Rahmen seiner kleinen Möglichkeiten zwei serielle Leckerbissen hervorbrachte. Zunächst die in drei Staffeln laufende Dramedy «Add a Friend» als modernes Kammerspiel, das sich kritisch mit allerlei Formen von Internetkonversationen befasst. Hauptdarsteller Ken Duken tritt bald auch in ZDFneos erster eigener Drama-Serie «Tempel» als Protagonist auf.

Und dann wäre da noch ein vielleicht noch außergewöhnlicheres Format, das schaffte, was zuletzt wohl kaum einer zu träumen wagte: Eine deutsche Pay-TV-Serie, die vom deutschen Privatfernsehen übernommen wurde. So geschehen mit TNT Series «Weinberg», einer düsteren und stimmungsvollen Mystery-Serie, die in der tiefsten deutschen Provinz spielt. Ein Erfolg, den sich die Serie aufgrund ihres Muts und ihrer unverkennbaren Handschrift mehr als verdient hat und die hoffentlich auch ein Ausrufezeichen in der deutschen Serienwelt setzt. Denn auch mit «Weinberg» schaffte man es, mit vergleichsweise geringen Mitteln, eine intelligente und packende serielle Erzählung zu schaffen.

Nach der Idee von Jan Martin Scharf und Arne Nolting, die zusammen auch «Club der roten Bänder» verantworteten und damit den großen Serienerfolg der letzten Jahre, erzählt «Weinberg» die Geschichte eines namenloses Manns, der mit einer Kopfverletzung auf einem von Nebel umwobenen «Weinberg» aufwacht. An seine Identität kann er sich nicht erinnern, sein Trauma verschärft der Fund einer Leiche direkt neben ihm. Eine bildhübsche junge Frau, festlich gekleidet, blutüberströmt. Um dem Mord nachzugehen, begibt sich der Unbekannte an das am Fuß des Weinbergs liegende und verschworene Dorf Kaltenzell an der Ahr. Schnell bemerkt er, dass das Dorf nicht so verschlafen ist, wie es den Anschein hat, sondern das die Bewohner einige dunkle Geheimnisse verbergen.

Wenig verwunderlich, dass im Pay-TV die großen Reichweiten im Rahmen der linearen Ausstrahlungen ausblieben: Bereits der Auftakt verlief mit rund 20.000 Zuschauern alles andere als spektakulär, im weiteren Staffelverlauf fielen die Quoten sogar in den nicht messbaren Bereich. Doch auch aufgrund einer ansprechenden Online-Kampagne und einer geschickten Social Media-Strategie entwickelte sich das Mystery-Format schnell zum Geheimtipp unter Serienfans und auch die Kritiker und die Branche waren angetan. Ende Oktober 2015 gab VOX bekannt, «Weinberg» ins Free-TV holen zu wollen. 2016 wurde die Serie, wie «Add a Friend» auch, mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

TNT Serie verzeichnete mit «Weinberg» also einen weiteren Erfolg im harten deutschen Seriengeschäft, der auch anderen Sendern und Produzenten Mut machen sollte. Ende September beendete der Bezahlsender die Arbeiten an seinem neuen Format «4 Blocks», das in sechs Episoden eine Geschichte um Freundschaft und Familie, Verrat und Schuld im Milieu eines arabischen Clans in Berlin-Neukölln erzählen wird. Im kommenden Frühjahr plant TNT Serie die Ausstrahlung der dritten Eigenproduktion. Es bleibt abzuwarten, ob deutsche Fernsehschaffende auch den Grimme-Preis 2017 kampflos TNT Serie überlassen wollen.

VOX zeigt die ersten beiden «Weinberg»-Episoden ab dem 9. November an drei aufeinanderfolgenden Abenden jeweils in Doppelfolgen. Los geht es am Mittwoch um 22.10 Uhr.

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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
Sentinel2003
09.11.2016 16:35 Uhr 1
Ich habe einen Versuch gestartet mit den ersten 2 oder 3 Folgen....das war mir echt viel zu öde!
Neo
10.11.2016 01:34 Uhr 2
Och, nicht übler als mancher Standard-Ami-Kram.

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