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Nora Tschirner: 'Es gibt genug langweilige, gehaltlose Interviews'

von   |  2 Kommentare

Multitalent Nora Tschirner spricht im Quotenmeter.de-Interview über den Reiz des Synchronsprechens und darüber, was Interviewtouren von Schauspielern abverlangen.

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Ein weiterer unangenehmer Aspekt des Schauspielberufs ist, laut einigen Ihrer Kollegen, die Promo- und Pressearbeit, weil es vom eigentlichen Beruf Zeit wegnehmen würde und dann noch immer die ewiggleichen Fragen gestellt werden. Ausnahmen gibt’s nur gelegentlich, etwa Ihr «SMS für Dich»-Auftritt bei «Circus HalliGalli», wo kaum ein Wort über den Film verloren, dafür aber ein Spiel gespielt wurde. Wie ist Ihr Verhältnis zu diesem „Drumherum“ zum eigentlichen Schauspieljob?
Es ist vielleicht nicht mein allerliebster Lieblingsteil dieses Berufs, da mir diese Öffentlichkeitsarbeit schlicht ein wenig Angst macht, ab und an. Sie leuchtet mir aber ein und: Ich sehe mich da in der Verantwortung, gute Interviews abzuliefern, unabhängig von der Redundanz oder Qualität meiner Interviewpartner. Wenn mein Gegenüber also eher dröge ist, mach ich halt selbst Halligalli. Für mich gibt es nicht dieses „Üüüh, büörks … Kein Bock!“ Ich denke mir: Wenn man etwas macht, dann richtig. Ich sehe das so: Das Ziel dieses Drumherums ist es, dass das potentielle Publikum eine Beziehung zu den Machern eines Films aufbaut und von dem Projekt erfährt, in das sehr viele Menschen, sehr viel Leidenschaft gesteckt haben. Das kann durch die üblichen Promofragen passieren, durch Boulevardfragen oder, wie Joko und Klaas das richtig verstanden haben, auch durch etwas Originelles und Absurdes. Das hilft dem Film – und wenn ich einen Film gern gemacht habe und toll finde, will ich ihm die Chance ermöglichen, sein Publikum zu finden.

Und wenn ich doch mal merke, dass ich wie leergefegt bin und wirklich gar keinen Enthusiasmus für diesen Teil aufbringen kann, dann muss ich in die Offensive gehen und vielleicht mal einen Ruhetag einlegen. Und wenn ich nicht wirklich hinter einem Projekt stehe, dann sag ich lieber konsequent gar nichts. Aber nörgelig beim Pressetag rumzuhängen, kann irgendwie keine Lösung sein.

Wir erzählen manchmal komplette Unwahrheiten – und das stört am Ende niemanden, weil es letztlich nur um Unterhaltung geht.
Nora Tschirner
Macht diese Einstellung den Interviewzirkus einfacher?
Natürlich gibt’s da Tage und Interviews, an denen es schwerer fällt, einem Film die Hilfe zu geben, die ich ihm leisten möchte. Meine Lösung dafür, wenn ich in schlechter Tagesform bin und keine Lust habe, ernste Antworten zu geben, ist daher: Ich mach einen kompletten Fasching draus. Perfektioniert habe ich das so richtig, seit ich mit Christian Ulmen durch die Interviews tingle. Wir erzählen manchmal komplette Unwahrheiten – und das stört am Ende niemanden, weil es letztlich nur um Unterhaltung geht. Und ich liebe Unterhaltung sehr, ich sehe in ihr meinen persönlichen Arbeits-Auftrag.

Nervig wird es, wenn du dieses Geschenk der Unterhaltung jemanden anbietest, der zuvor nur läppische Fragen gestellt hat, und er nicht auf dieses Megaangebot eingeht. Statt zu erkennen: „Okay, wow, die pfeffert hier einen Mordsunterhaltungswert rein, ich mach mal mit“, heißt es gelegentlich: „Ja, ne, sorry, also, können Sie das hier bitte nochmal ernst beantworten. Das ist nämlich sehr wichtig, ich muss jetzt wissen, ob in «Die fette Hoppe» echte Würste zu sehen sind …“ Da bekomme ich dann so ein richtiges „Kein pardon!“-Gefühl. Wenn ich dann noch zusammen mit Christian interviewt werde, legen wir gerne nochmal eine Absurditätsschippe oben drauf.

Das ist von uns aber nie persönlich gemeint. Wir wollen keine Moderatoren oder Journalisten blamieren. Unsere Haltung ist nur: Es gibt genug langweilige, gehaltlose Interviews. Wieder: Wenn man etwas macht, soll man es richtig machen. Entweder mit wirklichem Nährwert, so dass man ernsthaft bei einem Thema weiterkommt und etwas erkenntnisreich erörtert. Oder es ist so ein absurder Quatsch, dass man beim lesen, zugucken oder zuhören so richtig Spaß hat. Aber ich muss keine seichten, nichtssagenden Zwischenlösungen suchen.

Mir ist wichtig, mit welcher Energie jemand fragt, dass man spürt, ob derjenige wirklich die Antworten wissen und sich mit dir austauschen will. Ab dem Moment, in dem ich merke, dass mein Gegenüber tatsächlich diese „Bindung“ mit mir eingeht, werte ich Fragen auch nicht mehr. Dann gibt es für mich keine doofen Fragen oder welche, von denen ich mich angegriffen fühle.
Nora Tschirner
Ich will mich ja nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, dennoch passiert es mir ebenfalls, dass ich bei Interviewterminen mit den Augen rolle und denke: „Echt jetzt, das fragst du und stiehlst damit uns allen die Zeit?!“ Bei einer Pressekonferenz mit Robert Downey Junior wurde er zum Beispiel von einem Kollegen gefragt: „Was hatten Sie heute zum Frühstück?“
Klar, glaube ich gern, dass das bei den anderen Journalisten total gut ankam. (lacht) Trotzdem kann selbst aus solch einer Frage was richtig gutes entstehen. Downey Junior muss dann halt nur da sitzen, sich dramatisch nach vorne lehnen und sagen: „Achtung! Ich hatte heute Einhornleber …“. Manchmal würde ich mir wünschen, so eine absurd-nichtige Frage gestellt zu bekommen, weil die dich in dem Moment völlig unerwartet trifft. Letztlich: Mir ist wichtig, mit welcher Energie jemand fragt, dass man spürt, ob derjenige wirklich die Antworten wissen und sich mit dir austauschen will. Ab dem Moment, in dem ich merke, dass mein Gegenüber tatsächlich diese „Bindung“ mit mir eingeht, werte ich Fragen auch nicht mehr. Dann gibt es für mich keine doofen Fragen oder welche, von denen ich mich angegriffen fühle. Ich fühle mich stattdessen angegriffen, wenn ich abliefere, der Andere aber beleidigt ist, weil die Antworten nicht der Vorstellung entsprechen, die er sich vorher in den Kopf gesetzt hat. Ein Interviewer muss – wie ich – loslassen können, die Verbindung eingehen, die entstanden ist, statt zu nörgeln: „Das habe ich jetzt aber nicht kommen sehen! Ich will lieber die Antworten, die ich hab kommen sehen!“

Dann gibt es wiederum Fälle, in denen Interviewer und Interviewter auf einer Wellenlänge sind, es aber am Publikum vorbeiführt. Anekdote dazu: Jonah Hill und eine französische TV-Moderatorin haben sich in einem «War Dogs»-Promogepräch richtig, richtig derbe geneckt. Ich habe mir das Interview angesehen. Beide sahen so aus, als hätten sie ihren Spaß dran, sich niederzumachen! Die Berichterstattung machte aus der Moderatorin aber die böse, beleidigende Hexe und es gab einen entsprechenden Shitstorm …
Wer Shitstorm machen will, macht halt Shitstorm. Das ist überflüssig und dämlich, aber Fakt. Da sind wir dann auch nicht mehr verantwortlich für, dass sowas richtig ankommt. Das ist dann wiederum die Verantwortung der Rezipienten. Und ich finde: Wenn man keine Lust hat, sich auf solche Späße einzulassen, dann ist das legitim, aber nicht das Problem der zwei Leute, die das Gespräch geführt haben. So etwas muss ja nicht jedermanns Geschmack sein. Aber wenn mir ein „anormales“ Interview nicht gefällt, sage ich: „Hm, verstehe ich nicht, vielleicht verstehe ich nachher ein anderes“, und lass es so stehen. Sich darüber aufzuregen, ist merkwürdig in meinen Augen.

Wer grummeln will, findet immer was zu grummeln. Das gab es schon immer und wird es immer geben. Heute ist es nur viel transparenter und deswegen erschrecken wir erst mal. Früher saßen Grummler alleine in der Eckkneipe im Schummerlicht, durch das Internet können wir jetzt alle daran teilhaben, wenn sie rummaulen. Aber ich lass sowas einfach nicht in mein Leben.
Nora Tschirner
Was können oder sollen Journalisten einerseits und Schauspieler, Regisseure und Co. andererseits unternehmen, um solchen überflüssigen Shitstorms vorzubeugen?
Nichts. Um Gottes Willen. Ich schätze, gezielt Shitstorms zu unterbieten, funktioniert sowieso nicht. Es gab immer irgendwelche grummeligen Leute, die tief in ihrem Inneren der wütende Opa sind, der alles doof findet – die Leute können übrigens in Wahrheit auch Anfang 20 sein, das spielt keine Rolle. In ihnen ist dieser dauernd unzufriedene, grantige Nörgler, der seinem Umfeld und der Welt die Schuld für sein eigenes Leid gibt. Das ist zwar traurig und erregt in den meisten Fällen mein Mitgefühl. Aber es wäre töricht und sinnlos, das verhindern zu wollen. Wer grummeln will, findet immer was zu grummeln. Das gab es schon immer und wird es immer geben. Heute ist es nur viel transparenter und deswegen erschrecken wir erst mal. Früher saßen Grummler alleine in der Eckkneipe im Schummerlicht, durch das Internet können wir jetzt alle daran teilhaben, wenn sie rummaulen. Aber ich lass sowas einfach nicht in mein Leben. Außer ich sitze direkt daneben, dann würde ich je nach Kräftehaushalt vielleicht einfach ein Bier bestellen und fragen, was denn eigentlich los ist. Und dann aber auch: zuhören.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

«Störche – Abenteuer im Anflug» ist ab dem 27. Oktober 2016 in vielen deutschen Kinos zu sehen – mit Nora Tschirner als eine der Synchronstimmen.

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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
Sentinel2003
26.10.2016 14:58 Uhr 1
Tolles Interview!!
Nr27
26.10.2016 16:30 Uhr 2
Yep, sehr unterhaltsam und interessant zu lesen (von beiden Seiten). Ich weiß schon, warum ich die gute Nora so mag ... ;)

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