Hingeschaut

«Match Factor»: Jürgen von der Lippe müsste stolz sein

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Die Geschichte der deutschen Datingshow ist eine Geschichte der Mißverständnisse und Langzeiterfolge. ProSieben versucht es nun erneut - mit Dutzendware oder kreativer Energie? Wir haben hingeschaut.

Alles auf die Bäume - das TV kuppelt bis zum Morgengrauen


Würde man eine schnelle Straßenumfrage zum Thema Datingshows machen, man würde voraussichtlich immer wieder dieselben Antworten erhalten: «Herzblatt» (1987 bis 2006), «Nur die Liebe zählt» (1993-2011, 2014), vielleicht noch «Geld oder Liebe» (1989 bis 2001) würden diese Liste voraussichtlich anführen. Und doch ist der Markt der deutschen Datingshow im Gegenteil ein äußerst unübersichtlicher.

Ob längst vergangene oder nur kurzzeitige Formate wie «Dating Day» (2003), «Straßenflirt» (1993-1994), «Catch the Millionaire» (2013-2014) oder das experimentelle «Dating im Dunkeln» (2011), erfolgreichere Versuche wie Andreas Türcks «Lovestories» (1999-2002), «Der Bachelor» (seit 2003) oder «Die Bachelorette» (seit 2004) oder gar neuere und immer schrägere Ideen wie «Adam sucht Eva» (seit 2014 und ab diesem Oktober sogar mit C-Promis) – es gibt garantiert immer noch eine Sendung, die man vergessen hat. Und sei es «Bauer sucht Frau» (seit 2005) oder die diversen Formate, die Partner für Auswanderer, Schwiegertöchter und –söhne oder Menschen mit Übergewicht suchen. Der Markt ist groß und es regiert leider Masse statt Klasse.

Aber wie es im Leben nun einmal ist – immer wenn man denkt, da geht nichts mehr, kommt von irgendwo noch ein Formatlein her. Diesmal handelt es sich dabei um «Match Factor,» eine Eigenentwicklung unter der Federführung des ausstrahlenden Senders ProSieben gemeinsam mit UFA Show & Factual, deren Portfolio sich mit «Das Supertalent», «Wer weiß denn sowas?», «Bauer sucht Frau», «Familienduell», «DSDS» oder «Ruck Zuck» durchaus vielfältig und verlässlich liest.

Ein Thore für alle Fälle


Wie bei jedem neuen Format, steht man irgendwann vor der Frage nach dem Moderator. Wählt man einen alten Haudegen oder einen frischen Sympathieträger? Bringt man jemanden zurück, der schon vergessen schien, oder setzt man ganz auf die Karte des tagesaktuell positiv belegten Stars?

ProSieben wählte letzteren Weg und holte Thore Schölermann (31) an Bord, der durch seine Arbeit bei «taff» und «Die perfekte Minute» sowie an «The Voice of Germany» und «The Voice Kids» und seine Schauspielrolle in «Verbotene Liebe» als Christian Mann (mit einer Unterbrechung seit 2006) bekannt, beliebt und angesagt ist. Dass er zusätzlich auch Rohrkrepierer wie «Scream! If you can – Wer Angst hat, verliert…» betreute, fällt da nicht weiter ins Gewicht.

Verkopft, verstaubt, verschenkt?


Von zu simplen Spielregeln (ausziehen und schauen, was passiert) oder einem Reglement, das nur der Gastgeber versteht (Jürgen von der Lippe bei «Geld oder Liebe»), wollte man hier nichts wissen. In einer durchaus neuartigen Kombination aus wissenschaftlichem Unterbau und federleichten Spielen versuchte man, mehrere Interessengruppen zu ihrem Recht kommen zu lassen: Die Voyeure und die hintergründig interessierten.

Die Show stellt die spannende Frage, was unser Auswahlverfahren in Sachen Partner lenkt, wie wir uns bei Dates verlieben oder wodurch unser Interesse erkaltet – und warum?

Zu diesem Zweck präsentiert man Single-Männer, die auf vierzehn potentielle Partnerinnen treffen – doch nur sieben stellen laut wissenschaftlich fundierten Tests überhaupt einen passenden Partner dar (Matches), die anderen sieben (No-Matches) entsprechen zum Beispiel ausschließlich den optischen Anforderungen. Ehrensache, dass der Kandidat diese Vorauswahl nicht kennt. Wovon wird er sich letztlich beeinflussen lassen? Welchem Weg wird er folgen? Dem der visuellen Wahrnehmung oder jenem der Gefühlswelt oder einer rationalen inhaltlichen Betrachtungsweise?

Nach einem bunten Reigen im Studio – der selbstverständlich nie eine echte Dating-Erfahrung wiederspiegeln kann – entscheidet schließlich der Kandidat und erfährt erst danach die wissenschaftliche Bewertung der Fachleute. Klingt durchaus interessant und weder zu verkopft, noch angestaubt oder komplett verschenkt. Doch soweit nur die Theorie.

Der süße Felix möchte im Singleparadies abgeholt werden


Der Protagonist des Abends: Felix, 27 Jahre, durchtrainiert, solide und doch verwegen, gutaussehend und leider seit über einem Jahr Single. Für ihn galt es, aus vierzehn balzwilligen Ladys die Eine herauszufiltern, die nicht nur seiner eigenen Meinung nach zu ihm passt, sondern auch laut wissenschaftlichen Auswertungen. Die Tatsache, dass UFA Show & Factual das Format produziert hat, sah man dabei schon in den ersten Momenten anhand der durchgestylten Bühne, die aus allen Poren DSDS in klein zu schreien schien.

Neben Thore Schölermann präsentierte dann man auch direkt dessen Assistentin – eine augenscheinlich an Eve aus dem Pixar-Meisterwerk «Wall-E» angelehnte Computerdame, die für Regelkunde und einige Fakten einspringen durfte. Die «Herzblatt»-Susi einer neuen Generation sozusagen.

Augenkontakt, Plappern, Rumgezappel, Bett


Im ersten Durchgang musste Felix die Damen direkt nach kurzem Augenkontakt (aus)sortieren – und obwohl diese Aufgabe eher elegisch inszeniert daherkam, konnte man hier bereits den eigenen Spaß daran entdecken, seine Einschätzung vorauszuahnen und zu kommentieren. Ein klares Plus für eine Show dieser Art und auch eindeutig eine Kernkompetenz der Produktionsschmiede.

Es folgten eine Plauderrunde, die herrlich verkrampft daherkam und weitere Mädels in den Feierabend entließ, eine Tanzrunde, die zumindest eine Spur weit zum Fremdschämen einlud und schließlich das unvermeidliche Treffen im Bett. Je später der Abend, desto schlüpfriger? Gar nicht mal – die Bettgespräche zeigten vielmehr eine gesunde Portion Charme und Knistern, das die Regie mit angemessener Distanz wirken ließ.

Für das große Finale musste der Casanova des Abends dann aus drei Damen wählen - zwei davon Matches, eine ein No-Match. Dass er sich bei dieser 2:1-Chance für je ein Match und ein No-Match entschied, bildete dabei das wahre Leben potent ab. Die Liebe sucht und wandelt auf unbestimmten und kaum definierbaren Wegen und schert sich im Zweifelsfall eben doch nur wenig um die graue Theorie.

Den Bogen zu «Herzblatt»-Susi spannte man dann in der Schlußphase auch noch einmal überdeutlich, als die Stimme aus dem Off das Erlebte in aller Kürze Revue passieren ließ - Felix, jetzt musst du dich entscheiden: Wer soll deine Eine sein? Er entschied sich nach langen Blicken in die Augen der beiden Damen für Alina, laut Wissenschaftlern ein absolutes Match - vielleicht hat er ja mehr Glück mit seiner Entscheidung, als es den Kollegen vom «Bachelor» bisher hold war.

Hübsch nebenbei, wie die Produzenten den Flow der Show an den eines echten Kennenlernens anpassten - ein Blick, ein kurzer Smalltalk, ein prüfender Blick aus der Distanz auf das Objekt der Begierde bis hin zum näheren Kennenlernen an einem intimeren Ort - das Konzept kommt durchgehend durchdacht, stimmig und authentisch daher und bietet sicher Stoff für einige Ausgaben - um für eine potentielle zweite Staffel dann vielleicht die Geschlechterkonstellation einfach umzudrehen. Wäre ja nicht das erste Mal im Dating-Show-Sektor.

Fazit


Eine positive Überraschug - ProSieben hat mehrere beliebte Formate durch den Wolf gedreht, mit einer großen Retro-Kelle «Geld oder Liebe» zu einem durchgestylten und sympathischen Produkt zusammengezimmert und noch hier und da mit interessanten Ideen aufgepeppt. Schölermann ist dabei zwar kein neuer von der Lippe, moderiert aber zurückhaltend und souverän, die Präsentation ist unaufgeregt und höchstens verspielt voyeuristisch. Dazu weht eine Spur «Traumhochzeit» durch die Kulissen - Keine schlechte Mischung, die man sich gut für einige Wochen anschauen kann. Inhaltlich könnte «Match Factor» nebenbei noch beweisen, dass es auch 2016 nicht nur laut und überinszeniert, sondern noch mit Herz und Charme geht. Jetzt müssen nur die Zuschauer mitspielen.

«Match Factor» läuft vorerst noch zweimal donnerstags um 20.15 Uhr bei ProSieben.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
BungaBunga
16.09.2016 00:59 Uhr 1
Joa von der Grundidee her ganz nett, ich persönlich bin sehr affin was Flirt und Datingformate angeht, sofern da auch ein Realfaktor besteht. Mir ist hier nicht ganz klar, besteht da jetzt eine Vorgabe, wie viele Damen er pro Runde abwählen muss ? Weil sonst wäre es ja möglich, dass der Kandidat direkt in der ersten Runde alle rauswirft, dann wäre die Show schnell vorbei. Bei einigen Runden ist mir auch nicht klar, wie die bitte als Entscheidungsgrundlage dienen sollen, bsp. das mit dem Tanzen was soll das denn. Soll der Kandidat dann ermessen am Tanzstil ob eine Beziehung möglich wäre ? Schwwachsinnig und Überflüssig diese Runde. Insgesamt ist das zu oberflächlich gehalten, die Entscheidung kann meist ja doch nur anhand von Symphatie und optischer Erscheinung erfolgen, weil die entsprechende inhaltliche Tiefe fehlt. Entsprechend sind die Begründungen meist auch schwer zu kommunizieren oder es gibt meist keine. Warum es dann nochmal eine Runde braucht wo man sich gefühlt lange in die Augen schaut ist auch unklar. Der Schnitt war überwiegend miserabel gesetzt.

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