Die Kritiker

«Lena Fauch - Du sollst nicht töten»

von

Ein furchtbar suggestiver Plot macht aus dem Film eine intellektuelle wie narrative Zumutung.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Veronika Ferres als Lena Fauch
Stephan Kampwirth als Thomas Lammers
Nicholas Reinke als Buschhausen
Markus Boysen als Benedikt Kuda
Natalia Belitski als Susi Maßmann
Simon Licht als Riederer
Bettina Mittendorfer als Melanie Knapp

Hinter der Kamera:
Produktion: Hager Moss FIlm
Drehbuch und Regie: Martin Weinhart
Kamera: Clemens Messow
Produzentin: Kirsten Hager
Die deutsche Fernsehfilmkultur hat ein eigentümliches Genre hervorgebracht: den Mitfühlkrimi. Jene sonderbare Gattung, in der die schematische Was-haben-wir-bis-jetzt- und Wo-waren-Sie-gestern-Abend-Dramaturgie mit in Pathos getauchten emotionalen Grundsatzfragen unterfüttert werden soll. Bestes Beispiel: der neue «Lena-Fauch»-Film.

Fauch (Veronika Ferres) ist Polizeiseelsorgerin und hat den Tod ihres Mannes, der als Polizist vor drei Jahren im Dienst erschossen worden ist, noch immer nicht verwunden. In „Du sollst nicht töten“ vermischt sich ihre unaufgeräumte Biographie mit ihren dienstlichen Aufgaben: Bei einer Geiselnahme im Supermarkt erschießt der Täter einen Polizisten, bevor er fliehen kann. Die Kollegin des tödlich Verwundeten, Susi Maßmann (Natalia Belitski), hätte die Gelegenheit zum „finalen Rettungsschuss“, der Liquidierung des Geiselnehmers als Ultima Ratio, gehabt, ließ sie aber in der Schockstarre verstreichen.

Hätte sie den Täter erschossen, wäre der Kollege noch am Leben, poltert ihr Dienstvorgesetzter, der ansonsten dadurch auffällt, dass er Tatverdächtige durch einen gezielten Stoß vom Treppenabsatz übel zurichtet, bevor er sie vernimmt. Dass Maßmann es sogar ablehnt, bei Übungen mit Farbpatronen auf Kollegen zu schießen, stützt ihn in seiner Argumentation, dass sie für den Polizeidienst völlig untauglich ist. Mitfühlerin Fauch widerspricht: Dass sie nicht geschossen hat, könne man ihr nicht vorwerfen, ethisch sei das ja alles ganz schwierig. Bei den Kollegen stoßen solche Äußerungen freilich nur auf entsetztes Kopfschütteln.

Diese grundsätzliche Thematik, an der sich „Du sollst nicht töten“ abarbeiten will, wird in diesem Film leider nicht intelligent diskutiert. Fauchs religiöses Mantra vom Fünften Gebot soll hier ernsthaft als ein sinniger, logisch vollständiger Kontrapunkt zum allgemein akzeptierten Rechtsgut gesetzt werden, dass als letzte Möglichkeit, um Schaden von Unschuldigen abzuwenden, auch die Tötung des Täters eine veritable Lösung ist. Denn leider werden alle Charaktere, die Lena Fauchs säuseligen Mitfühl-Monologen sinnige Argumente entgegenhalten, als negative Figuren geführt: Als vom Korpsgeist versiffte Rambos, als gefühlskalte Verwaltungsmenschen, als ethisch untragbare Opportunisten.

Das ist eine logische Konsequenz, wenn man einen Mitfühlkrimi und eben keinen Mitdenkkrimi machen will – und das Ergebnis ist fürchterlich suggestiv, weil die sinnige Hälfte der Debatte de facto ausgespart wird. Stattdessen die Conclusio: Wer im Zweifel, um Unschuldige zu schützen, einen Täter töten will, ist ein Rambo oder ein ethisch verkommener Wicht, nur weil er über den moralphilosophischen Sandkasten einfacher Bibelzitate hinausdenkt. Auch vor dem Hintergrund manch anderer intellektueller Zumutungen in öffentlich-rechtlichen Fernsehfilmen ist das eine besonders starke.

Doch „Du sollst nicht töten“ ist nicht nur eine inhaltliche Zumutung, sondern auch eine narrative, da sich der Duktus stets im Pathetischen ergießt: Ein durchbohrender Schrei, wenn die Nachricht vom toten Familienvater überbracht wird, soll Emotionalität vortäuschen, während die Amalgamierung von Lena Fauchs aufgesagten Kalender- und Bibelsprüchen ein bisschen so tun soll, als erzähle man hier etwas von Belang. Im Kern mag das die Ambition gewesen sein – doch man hat das ethische Dilemma so verwässert, vereinfacht und reduziert, bis nur noch diffuse Gefühle übrig sind und kein einziger brauchbarer Gedanke.

Erstaunlich ist dagegen, dass die inhaltlich schwächste Rolle – Polizisten Susi, die es aus ethischen Gründen ablehnt, bei Übungen mit Farbpatronen auf Kollegen zu schießen – von der stärksten Darstellerin verkörpert wird: Was sie aus dieser verkorksten Figur noch alles an einnehmenden Details holt – da zieht man den Hut.

Veronika Ferres – ihre (teilweise unfaire) Reputation für absolute Mittelmäßigkeit dahingestellt – hält sich derweil angenehm zurück, ohne sich dem übertrieben emotionalisierenden Duktus zu entziehen, den dieser Film fordert, und verwahrt sich gleichzeitig allzu plumper Überzeichnungen. Auch ihr gelingt es, Ansätze in jener Lena Fauch zu finden, die über die theologische wie ethische Kindergartendebatte hinausgehen, die das Drehbuch führen will.

Das ZDF zeigt «Lena Fauch – Du sollst nicht töten» am Montag, den 5. September um 20.15 Uhr.

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