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Jan Böhmermann: Der filetierte Gaukler

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Sein größter Erfolg, seine größte Niederlage: Die Staatsaffäre hat Jan Böhmermann ins Rampenlicht gespült, viel stärker, als es Harald Schmidt je gelungen ist. Bald läuft Böhmermanns Vertrag beim ZDF aus. Wie sieht die Zukunft des interessantesten Entertainers in Deutschland aus?

"Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um die Meinungsfreiheit geht. Doch stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai WeiWei aus mir gemacht." Ein Interview, das in diesen Tagen in der „ZEIT“ erscheint, schlägt ein neues Kapitel der Causa Böhmermann auf. Wieder einmal. Jetzt spricht er selbst, der Angeklagte. Der Satiriker, der einem grandios inszenierten Streich eine ganze Staatsaffäre heraufbeschwörte. Das hat selbst Harald Schmidt nicht geschafft, Böhmermanns Ziehvater und ehemaliger Zyniker der Nation. Dessen Wort hatte Gewicht. Jetzt steht Böhmermann vielleicht schon einer Stufe mit Schmidt. Kein anderer entblößt die medialen (Falsch-)Spielregeln besser als er.

Zeit also, über die Zukunft des wohl wichtigsten Entertainers der jung-aufgeklärten Generation nachzudenken. Der Generation, die sonst sagt, sie gucke Serien statt Fernsehen – bei Böhmermann aber trotzdem regelmäßig einschaltet, wenn auch nur in der Mediathek. Sein Vertrag läuft Ende des Jahres aus. Ausgerechnet in der vorletzten «Sanft & Sorgfältig»-Sendung vor ihrem abrupten Ende diskutierte Böhmermann die Situation: Wo will er hin mit seiner Produktionsfirma? Was macht das ZDF mit ihm, was könne man ihm anbieten? „Wir machen ja so Gedankenspiele, zu welchem Sender könnte man denn gehen?“

Böhmermann: Der neue Vertrag kommt zur rechten Zeit


Das Beste, was Böhmermann beim letzten Vertrag 2014 rausschlagen konnte, war: Freitagnacht gegen 0.00 Uhr, «NeoMagazin Royale» als Wiederholung. Er drängte damals schon zu guten Sendeplätzen im Hauptprogramm, doch nach wie vor fehlt die richtige Lücke im vollgepackten Schema. 2016 ist die Situation nicht anders als vor zwei Jahren. Fakt ist aber, dass Böhmermann seinen Marktwert zuletzt ungemein gesteigert hat. Die direkte Quote mag dies vielleicht nicht widerspiegeln, wohl aber Mediathek-Aufrufe, YouTube-Zahlen, Podcast-Abos, Schlagzeilen in der Presse, Artikel im Feuilleton. Und nach der Staatsaffäre ist Böhmermann jeder gesellschaftlichen Gruppe zumindest ein Begriff: den Hipstern sowieso, aber auch den BILD-Lesern, den Helene-Fischer-Fans, den Fußballfans im Stadion. Böhmermann ist allgemeines Gesprächsthema geworden. Ergo: Sein Bekanntheitsgrad ist höher als je zuvor, seine Relevanz ohnehin. Es ist der beste Zeitpunkt, um in Vertragsverhandlungen zu gehen. Eigentlich.

Damit sei angedeutet, dass der Status Quo nicht aufrechterhalten wird. Es wäre eine Überraschung, würde das «NeoMagazin Royale» auch im nächsten Jahr in der Freitagnacht versendet bzw. donnerstagsabends bei ZDFneo platziert. Denn Böhmermanns Karriere folgt einer klaren Strategie, und er schreckt nicht vor harten Entscheidungen zurück. Seine von Fans geliebte Fernseh-«LateLine» beendete er abrupt, zu viel Sparte. Bei «Sanft & Sorgfältig» schlich sich nach dreieinhalb Jahren die Routine ein, außerdem war die Bezahlung mies – so hört man. Der Schritt zu Spotify ist ähnlich konsequent wie seine früheren Entscheidungen.

Das «NeoMagazin Royale» kommt Böhmermanns Vorstellung einer idealen Show schon relativ nahe. Der Entertainer kennt sich aus mit der amerikanischen Late-Night-Branche, verfolgt Fallon, Kimmel und Co. Demnächst soll er in einer US-Late-Night zu Gast sein, das german media wunderkind. Sein großes Ziel: Es in Deutschland mit diesem Genre auch noch einmal zu versuchen. Daran, woran schon viele gescheitert sind und an das sich noch viel mehr gar nicht trauen. Die Tagesaktualität ist ein wichtiges Element einer guten Late-Night-Show – und die bekommt man kaum, wenn man nur einmal pro Woche sendet.

Eine neue Heimat für den Satiriker?


Aber gibt es einen Fernsehsender, der es sich leisten will, dieses Experiment einzugehen? Die nahe liegende Antwort heißt ProSieben. Mit «TV Total» war der Sender bis zuletzt zufrieden, die Quoten waren ordentlich, das Format eine Art Aushängeschild. Es zeigte, dass Late-Night – zumindest als Verschnitt – auch heute noch funktionieren kann. Böhmermann spricht die ProSieben-Zielgruppe an, und anders als Raab beherrscht er die Spielregeln der digitalen Selbstvermarktung. Mit ihm würde man sich einen Entertainer einkaufen, der Millionen Klickzahlen bei YouTube und entsprechend hohe Relevanz in der jungen Zielgruppe garantiert. Dass ProSieben das Genre in irgendeiner Form weiter bespielen will, zeigt auch der neueste Versuch «Studio Amani». Und würde Böhmermann 2017 auf Sendung gehen – vielleicht dienstags bis donnerstags –, würde ihn auch niemand mehr als Nachfolger von Raab filetieren. Die Wogen haben sich bis dahin soweit geglättet, dass ProSieben das Risiko eingehen und einen «Anke Late Night»-Fehler vermeiden würde.

Die einfache, vielleicht bequeme Lösung ist ein Verbleib beim ZDF. Der öffentlich-rechtliche Sender bleibt erster Ansprechpartner. Böhmermann weiß die öffentlich-rechtlichen Vorzüge zu schätzen, setzt sich für das duale Rundfunksystem ein. Auch die Rückendeckung der Verantwortlichen in der Staatsaffäre werden ihm gefallen. Aber das sind nebensächliche Pluspunkte, die bei einem guten Angebot der Privaten schnell über Bord geworfen werden könnten. Wichtiger wird ihm die Perspektive sein, die das ZDF bieten kann. Und die ist suboptimal – Stichwort Lanz, Stichwort Welke, Stichwort «Aspekte». Einen guten Late-Night-Sendeplatz wird Böhmermann aller Voraussicht nach auch 2017 beim ZDF nicht bekommen.

Was noch bliebe? Sat.1 hat er bei «Sanft & Sorgfältig» irgendwie ins Spiel gebracht, und irgendwie auch nicht. „Dann könnte man noch zu Sat.1 gehen. Aber dann gucken wir uns immer an und sagen: Nee, Sat.1? Nee…“ Zumindest hat der Sender eine glorreiche Vergangenheit in Sachen Late-Night. Doch die Durststrecke von Sat.1 ist mittlerweile sehr lang, und zuletzt hat man kaum mehr Showstars gemacht, eher aufs Abstellgleis geführt. Luke Mockridge ist die positive Ausnahme. Zumindest klang in seinen Radiodiskussionen nicht durch, dass das «NeoMagazin Royale» enden solle, im Gegenteil: Böhmermann weiß auch um die Verantwortung als Star einer Produktionsfirma, die Menschen beschäftigt.

Vermutlich wird es am Ende sein wie bei allem, was Böhmermann anfasst: eine Überraschung. Hoffen wir nur, dass er sich nicht anpasst und selbst glattbügelt, um dem Mainstream zu gefallen. Es muss ja nicht gleich wieder eine Staatsaffäre sein.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Sentinel2003
05.05.2016 14:00 Uhr 1
Tja, ist wirklich die Frage: bleibt er beim ZDF oder geht er....wohin aber??

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