Popcorn & Rollenwechsel

Das PV-Völkchen

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Jeder Mikrokosmos hat seine ureigenen Konstellationen. Und jeder Berufsstand hat seine Stereotypen. So auch der des Filmkritikers. Kolumnist Sidney Schering hat sie bei Pressevorführungen ausfindig gemacht.

Pressevorführungen. Kurz „PVs“ genannt. Wenn sie stattfinden, treffen sie alle aufeinander: Filmkritiker jeglicher Art. Ob neu im Geschäft oder erfahren, engagiert oder entnervt. Und wie es nun einmal so ist: Wo viele Menschen aufeinandertreffen, zeichnen sich bestimmte Schemata ab. Hier eine Auswahl an Typen, die bei PVs so aufkreuzen:

Der Blockbuster-Fanboy


T-Shirt-Träger. Auch im Winter. Er kennt alle Franchises in- und auswendig: Wie hieß doch gleich das Bond-Girl in «Lizenz zum Töten»? Er weiß es! Wie viel Prozent von «The Dark Knight Rises» zeigen Batman in Aktion? Er weiß es! Wie lauten die Titel der nächsten zehn Marvel-Filme? Er weiß es! Und in 85 Prozent der Fälle, ach was, in „110 Prozent!!!“ der Fälle findet der Blockbuster-Fanboy die großen Unterhaltungsfilme auch total super! Zu PVs von Filmen, deren Budget unter 150 Millionen Dollar liegt, taucht er dafür nur in Ausnahmefällen auf, und die Werke findet er auch in 77 Prozent der Fälle „ziemlich lahm!“ Daher ist er der natürliche Feind des folgenden PV-Besucher-Typus …

Der Arthouse-Snob


Elegant gekleidet, mit einem Hauch von Hipster, besticht er mit seinem Wissen hinsichtlich technischen und filmhistorischen Vokabulars, jedoch vergisst er, dass solche cineastischen Meilensteine wie «Casablanca» oder «Ben Hur» ebenfalls große Erfolge bei der Masse waren. Denn alles, was nach 1977 mit hohen Budgets an den Start ging und das breite Publikum begeistert hat, ist für ihn „verachtenswertes Opium fürs Volk“. Was für eine Doppelmoral! Aber ihn juckt es nicht: Er sieht in Marvel-Filmen Werke mit „faschistoiden Tendenzen“, in Pixar-Filmen nur „buntes Trallala“ und wehe, man spricht ihn nach der Vorführung eines Remakes darauf an, dass das Konzept einer Neuverfilmung „so schlimm nun auch nicht“ sei. Für ihn findet Qualität nur in Filmen mit Budgets im sechsstelligen Bereich oder darunter statt. Ein gutes Werk verzichtet im Idealfall auf eine lineare Narrative und bricht eine Konvention nach der anderen. Ausgenommen sind Big-Budget-Filme, die völlig an den Kassen untergegangen sind. «Lone Ranger» und «Jupiter Ascending» sind natürlich „verkannte Kunst“, die „der dumme Pöbel nicht zu goutieren wusste“. Die Filme findet der Blockbuster-Fanboy übrigens alle mies, und eines Tages werden sich der Fanboy und der Snob wegen dieser Produktionen prügeln, das ist ja wohl klar …

Der Nischenfreund


Vor der Vorführung erzählt er seinen Kollegen, ganz gleich ob sie sich gut kennen oder nicht, welche B- und C-Streifen vergangener Jahrzehnte er sich gestern so angeguckt hat. Und er fragt alle, ob sie die zufällig auch gesehen haben. Gerne spielt er auch besonders perverse Sexszenen oder ungewöhnlich eklige Gewaltspitzen nach, Sound-Imitationen inklusive. Nach der Vorführung ist es dann der Nischenfreund, der allen Anwesenden erläutert, welche obskuren Nischenfilme so ähnlich sind, wie die so eben gezeigte Produktion. „Nur mit mehr Sex!“ oder „Nur brutaler!“ sind dabei gern verwendete Sätze. Und besonders happy ist der Nischenfreund, wenn er einen 70er-Jahre-Videotheken-Film aus der Mongolei kennt, der „brutaler UND mehr sexy“ ist als «Das Tagebuch der Anne Frank». „Aber sonst ganz genau dasselbe!“

Der, der alles an der PV genießt. Bis auf den Film …


Zumeist ist diese Form des PV-Besuchers älteren Semesters: Er schreitet fröhlich lächelnd zur Pressebetreuung, umarmt sie, stellt Fragen wie „Und, wie geht es deinem Sohn, dem Tobias, ist er schon aus dem Urlaub zurück?“ und tratscht über Gott und die Welt. Zumindest, bis die Bedienung hinter der Kinotheke um seine Aufmerksamkeit buhlt: „Ach, Jürgen, danke, dass du mich fragst, ja, ich hätte gern dasselbe wie immer. Obwohl, nein, heute doch keinen Milchkaffee, sondern einen Milchkaffee mit einem Schuss Espresso. Sag mal, wie läuft’s mit deiner Freundin, der Lena? Hat ihr dein Geschenk neulich gefallen?“ Dann werden alle Kritiker fröhlich begrüßt, die er schon länger kennt. Er fragt nach Privatem, fragt kulinarische Tipps ab, spricht über Urlaubspläne und ist überhaupt der liebe, nette Onkel in Person. Bis die Pressebetreuung kurz den heutigen Film zum Gesprächsthema macht. „Bah, das klingt mal wieder eher doof!“, heißt es. Der liebe, sich alles merkende Onkel ist dann auch immer der Letzte, der den Saal betritt. Gern auch mal 15 Minuten nach Filmbeginn, weil er sich draußen mit Jürgen noch über Lena und ihre neue Frisur unterhält. Zumeist gehört dieser Kritiker auch zu den Ersten, die den Saal wieder verlassen – oft 75 Minuten nach Filmbeginn, „denn ich glaub, ich kann mir den Rest schon zusammenreimen.“ Nur ein Typus flieht noch früher aus der Vorführung, sollte er denn mal wieder da sein …

Der Störenfried


Er ist nur alle paar Wochen da, aber wenn er das Foyer betritt, dann blicken sofort alle zu ihm und stöhnen halblaut auf: „Oh neeeee!“ Der Störenfried pöbelt auch sofort die Pressebetreuung an, was denn der Scheiß soll, eine Pressevorführung um 10 Uhr morgens zu beginnen: „Wer soll denn so früh aufstehen?!“ Alternativ wird die Wahl des Kinos bemängelt, das als Schauplatz auserkoren wurde. Oder aber der Störenfried zetert direkt über beide Aspekte der PV. Und kommt ihm bloß nicht mit dem Film: „Ach, der Regisseur ist doch eine totale Niete! Die Hauptdarstellerin, was für eine hässliche Bratze! Am Trailer erkennt doch jeder, wie saublöd das Drehbuch ist!“ Und so geht es in einer Tour weiter, ganz gleich, ob ihm noch jemand zuhört. Er bestellt sich auch stets zwei Gratisgetränke an der Theke, denn wenn er sich schon hierher bequemt, will er auch was davon haben. Im Saal setzt er sich stets genau in die Mitte, wo er dann während des Films eine Papiertüte vom Bäcker geräuschvoll aus seinem Rucksack kramt und den Inhalt genüsslich wegknuspert – woraufhin er die leere Tüte in aller Seelenruhe zusammenknüllt. Diese Prozedur wiederholt sich dann mit einer zweiten Bäckertüte, zu Beginn langer Filme eventuell gar ein drittes Mal. Dann ist er endlich gestärkt, um laut zu lachen, wenn es nichts zum Lachen gibt, oder um im Fünf-Minuten-Takt genervt aufzustöhnen. Drei, vier „Boah, ey …“-Ausrufe pro Film sollten auch drin sein. Gelegentlich bringt der Störenfried sogar seine Clique mit, die sich dann über sieben Sitze verteilt gemeinschaftlich über den Film, Gott und die Welt auslässt. „Psssst!“ versteht die Störenclique selbstredend als Bitte, etwas lauter zu sein, damit mehr Menschen an diesen anregenden Gesprächen teilhaben können. Immerhin: Laut tönend hauen diese Deppen irgendwann ab, um dann für 30 bis 40 Minuten die Pressebetreuung voll zu schimpfen, welchen Kack sie denn mitgebracht hat ...

Die gesichtslose Masse


Jeder PV-Standort hat sie: Die Handvoll von Kritikern, die in kein Schema fallen. So anstrengend der Störenfried ist, so unauffällig sind diese Kollegen. Sie sagen kaum etwas vor der Vorführung, sie verschwinden kurz nach der PV, sie geben keine hörbaren Reaktionen während des Films ab. Bei manchen von ihnen ist nicht einmal der volle Name bekannt. Sie sind die Statisten des Kritikeralltags.

Und wie es sich gehört: All diese Stereotypen sind toll. Ohne sie wäre das Kritikersein schnöde und öde. Wir brauchen diese illustren Gestalten (und das anonyme Füllmaterial), denn sonst wäre es in PVs ziemlich öde.

Nur den Störenfried und seine Clique braucht niemand. Sollen die doch in Zukunft beim Bäcker um die Ecke ihre Tratschrunde abhalten!

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