Die Kino-Kritiker: «The Revenant»

Der blutige Rachewestern «The Revenant» ist die reinste Folter – und das dank «Birdman»-Regisseur Alejandro G. Iñárritu und einem oscar(über)reifen Leonardo DiCaprio nur im positivsten Sinne.

Filmfacts «The Revenant - Der Rückkehrer»

  • Kinostart: 6. Januar 2016
  • Genre: Western/Drama
  • FSK: 16
  • Laufzeit: 156 Min.
  • Regie: Alejandro G. Iñárritu
  • Drehbuch: Mark L. Smith, Alejandro G. Iñárritu
  • Darsteller: Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter, Forrest Goodluck
  • OT: The Revenant (USA 2015)
Im diesjährigen Winter scheint Hollywood das oftmals als angestaubt verurteilte, dennoch aber in unregelmäßigen Abständen erneut mit etwas Leben befeuerte ur-amerikanische Westerngenre mal wieder für sich entdeckt zu haben. Der noch am 31. Dezember 2015 gestartete «Jane Got A Gun» bildete hierfür zwar einen eher durchwachsenen Auftakt, doch mit Quentin Tarantinos «The Hateful 8» und Alejandro G. Iñárritus «The Revenant - Der Rückkehrer» stehen uns noch zwei heißersehnte Streifen von absoluten Meisterregisseuren ins Haus, die ihren Zuschauern passend zur Jahreszeit sogar ein winterliches Setting darbieten.

Während wir uns auf Tarantinos achten Film hierzulande noch bis zum 28. Januar 2016 gedulden müssen, weht der kalte Wind von «The Revenant» nun bereits ab dieser Woche durch die deutschen Lichtspielhäuser. Mit seiner neuesten Arbeit Ist dem Mexikaner Iñárritu nur ein Jahr nach seinem völlig zu Recht gepriesenen Pseudo-One-Take-Ausnahmewerk «Birdman» bereits direkt der nächste große Wurf gelungen, auch wenn sein Westernprojekt längst nicht so revolutionär wie sein vierfacher Oscarabräumer daherkommt.

Im Jahre 1823 sind die einst von Übersee gekommenen Siedler noch immer fleißig dabei, den amerikanischen Kontinent zu ergründen. Eine Gruppe von Trappern und Jägern unter der Führung von Captain Andrew Henry (Domhnall Gleeson) ist zu jener Zeit in der unwirtlichen Wildnis von Louisiana unterwegs, um sich kostbare Pelze zu beschaffen. Nachdem bereits ein Großteil der Truppe bei einem überraschenden Ureinwohner-Angriff sein Leben lässt, kommt es auf der Flucht vor den Indianern zu einem weiteren tragischen Zwischenfall, als sich der erfahrene Jäger Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) kurz von der Gruppe entfernt.

Auf der Suche nach Nahrung wird er von einer Bärin angegriffen und schlimm zugerichtet. Während er sich noch gerade so an sein Leben klammert, diskutieren seine Kumpanen darüber, ob sie ihn von seinem Leid erlösen sollen, auch da er in seinem Zustand den gefährlichen Weg durch die schneebedeckte Landschaft nur noch zusätzlich erschweren würde. Da Captain Henry dies jedoch nicht fertigbringt, lässt er den mürrischen John Fitzgerald (Tom Hardy) und den jungen Jim Bridger (Will Poulter) mit dem Versprechen auf eine Belohnung und der Aufgabe zurück, auf Glass Acht zu geben, bis er selbst mit Hilfe wiederkehren kann. Doch Fitzgerald ergreift die erstbeste Möglichkeit, um Glass im Stich und dem Tod zu überlassen. Als der sich wider Erwarten aber doch sehr langsam erholt, hat er nur noch eins im Sinn: Gnadenlose Rache an Fitzgerald zu nehmen.

Im inhaltlichen Kern ist «The Revenant» im Grunde ein ziemlich herkömmlicher Rachewestern, wie eigentlich auch schon der Untertitel des dem Film teilweise zugrundeliegenden Romans «The Revenant: A Novel of Revenge» von Michael Punke mit passend-schlichter Prägnanz auf den Punkt bringt. Iñárritu und sein Co-Skriptautor Mark L. Smith versuchen den einfachen Plot zwar noch mit einigen Schnörkeln zu versehen und gerade ihrer Hauptfigur eine tragisch aufgeladene Hintergrundgeschichte zu verpassen (nicht umsonst ist die Adaption stolze zweieinhalb Stunden lang!). Doch ändern all jene Ambitionen nichts am bloßen Charakter der Handlung, zumal gerade die emotionale Komponente von Hugh Glass’ Familiengeschichte nicht so recht zünden will – und das obwohl Iñárritu einige Zeit dafür aufwendet, die Gefühlswelt seiner Hauptfigur in einer fast schon an die Filmsprache eines Terrence Malick erinnernden und hin und wieder etwas zu penetrant werdenden Mischung aus esoterisch angehauchten Flashbacks, Träumen und Halluzinationen überdeutlich zu veranschaulichen.

Was vielen Rachestorys wohl das Genick brechen würde – ist doch gerade auch das emotionale Nachvollziehen der Motivation des Protagonisten essentiell für das Funktionieren einer solchen – kann Iñárritu in «The Revenant» einfach dadurch überspielen, dass die Handlung ihre Sogkraft über einen zweiten Weg wesentlich eindrucksvoller bezieht. So ist es am Ende gar nicht so sehr das erwähnte emotionale, sondern vielmehr das ausgiebige körperliche Leid, dem der aufrechte Glass unentwegt ausgesetzt ist, das fast schon unausweichlich zum Mitfiebern anregt.

Iñárritu setzt nicht nur immer wieder eine Schippe auf die Tortur seines Helden drauf, sondern diese – wie auch prinzipiell die recht explizite Gewalt – dermaßen authentisch, greifbar und bisweilen exzessiv in Szene, dass es immer wieder an die Nieren geht und oftmals nur schwer zu ertragen ist. Gepaart mit einem ungemein hassenswerten Widersacher (wunderbar widerwärtig verkörpert vom nuschelnden Tom Hardy) kommt man auch ohne allzu ausgeklügelte familiär-emotionale Komponente wohl kaum umhin, Glass das Überleben und das Erreichen seines weit in der Ferne scheinenden Ziels zu wünschen. Hinzu kommt, dass der wie immer erstklassig aufspielende Leonardo DiCaprio die Qualen seiner Figur mit sehr wenigen Worten, dafür aber umso physischer äußerst eindringlich zum Ausdruck bringt.

Generell lädt Iñárritus Inszenierung auch im Fall von «The Revenant» wieder zum Staunen ein. Was der mexikanische Filmemacher erneut für eine audiovisuelle Wucht erzeugt, ist schlichtweg atemberaubend. Das raue Setting weiß er schon von Anfang an, unsagbar atmosphärisch einzufangen. Zu Beginn gleitet die Kamera von Oscarpreisträger Emmanuel Lubezki («Gravity», «Birdman») regelrecht mit einem kleinen gemächlich fließenden Bach mit, bevor sie schließlich den Blick auf die friedliche Natur offenbart. Doch es dauert nicht lang, bis das Ganze in einen unerwarteten Indianer-Angriff und den damit plötzlich einhergehenden, schockierenden Gewaltausbruch mündet, der unglaublich virtuos bebildert ist. In ausschweifenden Einstellungen ohne Schnitt ist der Bildausschnitt lange Zeit auf die ahnungslosen, überrannten Charaktere gerichtet. Die Angreifer bleiben derweil weitestgehend unsichtbar, ihre Pfeile, die mit unbarmherziger Präzision immer mehr Ziele finden, scheinen aus dem Nichts zu kommen. Iñárritu und Lubezki versetzen ihr Publikum damit geradezu in die völlig überforderten Pelzjäger hinein, deren aussichtslose Lage sie auch ohne künstlichen 3D-Effekt höchst plastisch und hautnah vermitteln können.

Einziger Wermutstropfen bei diesem starken Auftakt ist allerdings, dass damit bereits früh im Film dessen inszenatorischer Höhepunkt erreicht ist. Zwar bewegt sich zweifellos auch der Rest des Westerns mit seinen opulent eingefangenen Landschaften, Leos unangenehm-nahegehendem Martyrium und der Illustrierung der überall lauernden und regelmäßig auch offen auftretenden Gefahren auf einem außerordentlich hohen gestalterischen Niveau, die beeindruckende Eingangsszene sticht aber definitiv noch einmal gesondert hervor.

Fazit: Alejandro G. Iñárritu beweist mit dem blutigen «The Revenant» einmal mehr sein schier herausragendes Regietalent. Mit seinem Händchen für außergewöhnliche Bildsprache, mit der er ein überaus intensives Mittendrin-Gefühl heraufbeschwört, bereitet er seine im Kern sehr klassische, emotional leider nicht durchweg überzeugende Rachegeschichte als ungemein fesselndes Survivaldrama auf, das seine Zuschauer auch nicht zuletzt dank seines gut zwei Stunden oscarreif leidenden Hauptdarstellers Leonardo DiCaprio völlig in den Bann zieht.

«The Revenant - Der Rückkehrer» ist seit dem 6. Januar in den deutschen Kinos zu sehen.

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