Die Kritiker

«Das Mädchen aus dem Totenmoor»

von

Große Namen - Robert Atzorn und Alexandra Neldel - in einem Film, in dem so gut wie nichts stimmt. Krimi trifft Beziehungskiste, und Landschaft geht vor dramaturgischer Stimmigkeit.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Robert Atzorn als Lorenz Keller
Alexandra Neldel als Jutta Keller
Jytte-Merle Böhrnsen als Helen Dahms
Max von Pufendorf als Hannes Gerhards
Josef Heynert als Thorsten Krantz
Gerhard Garbers als Dr. Günther Lohse
Noah Kraus als Jonas Keller

Hinter der Kamera:
Produktion: Neue Deutsche Filmgesellschaft
Drehbuch: Wolf Jakoby
nach einer Idee von Irene Rodrian und Mira Thiel
Regie: Axel Barth
Kamera: Richard Eckes und Roman Nowocien
Manche Filme sind so typisch für ein Genre, eine Machart oder eine Haltung, dass sie stellenweise wie eine Parodie wirken. Zumindest fühlt sich «Das Mädchen aus dem Totenmoor» mit seinem ein bisschen nichtssagenden, ein bisschen vage-schaurigen Titel oft so an.

Der Plot ist schnell erklärt: Wenige Tage bevor sich Kommissar Lorenz Keller (Robert Atzorn) in den Ruhestand verabschiedet, wird im Moor eine Leiche gefunden. Lorenz ist überzeugt, dass es sich hierbei um die sterblichen Überreste einer vor vielen Jahren verschwundenen jungen Frau handelt – ein Fall, der nie aufgeklärt werden konnte. Lorenz will diese sehr zufällige (und sehr konstruierte) Gelegenheit ergreifen und vor der Pensionierung das zu Ende bringen, was ihm viele Jahre keine Ruhe gelassen hat.

Doch – ganz typisch für diese Machart von Film, deren Konventionen «Das Mädchen aus dem Totenmoor» bis an die Grenze zur Parodie erfüllt – muss der wenig mitreißende Krimi mit allerhand vertrackten Beziehungskisten unterfüttert werden. Die Tote war immer eine Außenseiterin in der verstockten norddeutschen Dorfgemeinschaft gewesen und hatte nur zu wenigen Gleichaltrigen Kontakt gefunden: unter anderem zu Hannes Gerhards (Max von Pufendorf), dem auch das Moor gehört, auf dem die Leiche gefunden wird. Hannes hatte vor vielen Jahren mal etwas mit Jutta Keller (Alexandra Neldel), Lorenz‘ Tochter, ist jetzt aber mit einer gewissen Helen (Jytte-Merle Böhrnsen) liiert, die erst vor kurzem aus der Stadt hergezogen ist und in der Eröffnung in einem knallpinken Jogginganzug durch das Moor joggt, in dem sie aussieht wie ein überdimensionierter Textmarker.

„Ganz schön gefährlich hier, allein im Moor“, warnt Jutta Keller, als sie Helen in der düsteren Landschaft aufliest, mit einem überstilisierten Tonfall, der nicht nur suggerieren, sondern unüberhörbar darauf hinweisen soll, dass Jutta etwas im Schilde führen könnte, um Helen als Hindernis für ein erneutes Aufflammen ihrer Beziehung zu Hannes aus dem Weg zu räumen. Und auch das ist typisch für diese Machart eines Mitfühl-ZDF-Krimis: Alles muss überbetont und zigmal wiederholt werden, damit man auch noch mitkommt, wenn man zwei Drittel der Laufzeit im Koma verbringt.

Die Aufgabenteilung der beiden Hauptdarsteller ist dabei ziemlich stringent aufgeteilt: Alexandra Neldel lächelt scheinheilig und Robert Atzorn grummelt vor sich hin. „Als ich bei der Kripo anfing, hast du noch verschluckte Legosteine aus deiner Kacke gepuhlt“, raunzt er den Kollegen aus der Großstadt an, der auf seinem Tatort herumspaziert. Ein Satz wie eine Allegorie: Man tut so, als würde man ein bisschen provozieren (Der hat Kacke gesagt! Kacke!), als würde man einen alten Griesgram authentisch sprechen lassen, und als mache das schon einen guten Film aus. Heraus kommt aber: ein ziemlich prätentiöses, aufgesetztes Produkt, das leider nicht sonderlich gut geschrieben ist, und auch nicht viel besser gespielt.

Denn meist sind es allerhand Zufälle, die diesen sehr konstruierten Plot am Laufen halten und ihn zu dem Ergebnis bringen sollen, das die Autoren für stimmig hielten. In dieser großen Summe sind all die für die Dramaturgie günstigen Ereignisse und Vorfälle im besten Fall schwer glaubwürdig, im schlimmsten eine intellektuelle Zumutung. Gleiches gilt für die fahrigen und klischeehaften Charakterzeichnungen: Ein alter Mann, der abgeschnittene Zöpfe durch die Gegend posaunt („Der Junge braucht einen Vater!“, über den Sohn seiner alleinerziehenden Tochter). Eine durchtriebene, hinterhältige Frau, die ihre Hinterhältigkeit viele Jahre lang vor der Dorfgemeinschaft (aber leider keine Sekunde vor dem Zuschauer) durch ihr nettes Lächeln geheim halten kann. Und verstockte norddeutsche Landarbeiter, die aussehen, als könnten sie nicht auf drei zählen, aber Böses vorzuhaben scheinen (Helens Diagnose: „Komischer Typ.“ Wahnsinn.)

Dass das Abfilmen einer atmosphärischen Landschaft vor dramaturgische Stimmigkeit gehe, ist ein beliebtes Vorurteil, mit dem öffentlich-rechtliche Fernsehfilme zu kämpfen haben. Denn es trifft nicht gerade selten zu. «Das Mädchen aus dem Totenmoor» ist noch eine Spur schlimmer: Denn anstatt einen düsteren Stoff zu erzählen, den die (allzu stark betont) raue Moorlandschaft ermöglichen würde, wird das Düstere, Unheimliche so weit verwässert, bis am Schluss nur ein unausgegorener Altherren-Krimi und eine ziemlich schlecht geschriebene Beziehungskiste bleiben.

Dunkel, dunkel im Moor? – Leider nicht im Entferntesten.

Das ZDF zeigt «Das Mädchen aus dem Totenmoor» am Mittwoch, den 6. Januar um 20.15 Uhr.

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