Die Kritiker

«Die 7. Stunde»

von

Jan Josef Liefers schlüpft wieder in die Rolle des Anwalts Joachim Vernau, und bekommt es in «Die 7. Stunde» mit schaurigen Rollenspiel-Freaks zu tun.

Cast und Crew

  • Regie: Carlo Rola
  • Drehbuch: Elisabeth Herrmann nach ihrem eigenen, gleichnamigen Roman
  • Darsteller: Jan Josef Liefers, Stefanie Stappenbeck, Sophie von Kessel, Martin Brambach, Marie Gruber, Isolda Dychauk, Elisabeth Schwarz, Carmen-Maja Antoni, Muriel Wimmer, Julius Nitschkoff
  • Kamera: Nicolay Gutscher
  • Schnitt: Friederike von Normann
  • Musik: Enis Rotthoff
  • Szenenbild: Jérome Latour
  • Kostüm: Mirjam Muschel
Anwalt Joachim Vernau fährt weiterhin Achterbahn: Nach einem sehenswerten Auftakt mit dem Kriminalfilm «Das Kindermädchen» folgte das misslungene Justizdrama «Die letzte Instanz». Anfang 2015 versprühte der Anwalt mit dem fachlichen Schwerpunkt auf deutsch-deutscher Geschichte dann mit «Der Mann ohne Schatten» auf solidem Niveau Urlaubslaune. Und nun? Mit der Romanadaption «Die 7. Stunde» lässt die Jan-Josef-Liefers-Figur ihren bisherigen Themenbereich links liegen, um stattdessen nach einer knappen Einführung in eine schulische Mördergeschichte versetzt zu werden – und in dieser mit Klischees und haarsträubenden Entwicklungen zu tun zu haben …

Die unplausible, mit Klischees um sich werfende Handlung beginnt, als Joachim Vernau das Angebot erhält, eine Nebentätigkeit zu übernehmen: Für 500 Euro pro Doppelstunde soll der eloquente, humorvolle Anwalt die Jura-AG an einer exklusiven Berliner Privatschule übernehmen. Aber es gibt eine Bedingung: Er muss sofort einwilligen. Und es gibt auch einen großen Haken daran: Auf dieser Eliteinstitution gibt es ein düsteres Geheimnis. Vor einem Jahr nahm sich eine Schülerin das Leben, indem sie vom Schuldach gesprungen ist – eingekleidet in einem weißen Gewand mit schwarzen Engelsflügen. Über diesen Vorfall wird auf der Schule nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Und dies aus gutem Grund: Wie Vernau in Erfahrung bringt, könnte dieser Suizid mit einem finsteren Rollenspiel zusammenhängen, das unter den an das Modell eines „Teen Court“ (also an das Konzept: Schüler richten Schüler) glaubenden Jugendlichen besonders beliebt ist. Während die Schulleitung Däumchen dreht, weil sie fürchtet, mit dem Aufgreifen dieser Probleme den Ruf der Schule zu schädigen, kommt es zu tödlichen Vorfällen, denen sich Vernau auf eigene Faust annimmt …

Die von Drehbuchautorin Elisabeth Herrmann bereits in ausführlicherer Form als Roman erzählte Story eröffnet mit einer Szene, irgendwo zwischen Traumsequenz und Rückblende: Im Jahr 1907 wird auf dem Campus, auf dem nun Vernau als Dozent tätig ist, eine Kindsmörderin vorgeführt. Mit übertriebenen Verfremdungseffekten und Overacting mutet diese Szene vor allem aber wie eine Persiflage an – und eben diesen Tonfall treffen auch all jene Szenen, die mit „Live Action Role Playing“ zu tun haben. Denn für einen Kriminalfilm, der sein Ohr nah genug am Puls der Zeit hat, um von Smartboards zu reden und seine Figuren kommentarlos Tablets bedienen zu lassen, hat «Die 7. Stunde» überaus antiquierte Vorstellungen von dieser Freizeitbeschäftigung: Die Markierung von Rollenspielen als okkult angehauchter Schwachfug für weltfremde und/oder gefährliche Halbstarke könnte genauso gut aus 80er-Schund wie «Labyrinth der Monster» stammen.

Dass die Figuren rund um den von Liefers mit routiniertem Esprit gespielten Protagonisten nahezu allesamt konturlos bleiben und durch lächerlich-unrealistisches Verhalten ihr Schicksal besiegeln, erschwert es zusätzlich, mit «Die 7. Stunde» mitzufiebern. Daran tragen auch die hölzernen Dialoge Mitschuld, die weder fernsehtauglich, noch lebensecht sind. Allein Isolda Dychauk als halbwegs vernünftige Schülerin mit Draht zu Vernau und «Buddy»-Nebendarsteller Daniel Zillmann in einer ironischen Darstellung eines lebenden „LARP“-Klischees setzen dem Dialogbuch zum Trotz kleine Akzente. Über den holprigen Einstieg inklusive ausgelutschter Schüler-Lehrer-Doppeldeutigkeiten und das polternde Finale können diese überschaubaren Lichtblicke aber nicht hinwegtäuschen.

«Die 7. Stunde» ist am 4. Januar 2016 ab 20.15 Uhr im ZDF zu sehen.

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