Die Kritiker

«Das Programm»

von

Als Zweiteiler konzipiert, kommt kurz nach Jahresbeginn das Thrillerdrama «Das Programm» im Ersten nun doch als durchgehender Film mit drei Stunden Länge ins Fernsehen.

Cast und Crew

  • Regie: Till Endemann
  • Drehbuch: Holger Karsten Schmidt
  • Darsteller: Nina Kunzendorf, Benjamin Sadler, Alwara Höfels, Carlo Ljubek, Stephanie Japp, Paula Kalenberg, Daan Lennard Liebrenz, Paul Faßnacht, Kai Scheve, Vladimir Tarasjanz, Heiner Lauterbach
  • Kamera: Michael Schreitel
  • Schnitt: Jens Müller
  • Musik: Enis Rotthoff
  • Szenenbild: Andreas C. Schmid
  • Kostüm: Lore Tesch
Der Schwerverbrecher Philip Darankov (Wladimir Tarasjanz) steht aus juristischer Sicht mit dem Rücken zur Wand – bis er einen Kronzeugen kalt stellen lässt. Um den ruchlosen Gangster trotzdem dingfest zu machen, bringt die Staatsanwaltschaft Hamburg Darankovs Banker Simon Dreher (Benjamin Sadler) dazu, endlich auszusagen. Dreher hat für Darankov Geld gewaschen, und muss sich daher selbst belasten, allerdings wird ihm aufgrund seiner Kooperation mit den Behörden ein entsprechend mildes Urteil versprochen. Er sperrt sich, erst nachdem auf ihn ein Anschlag verübt wird, sagt Dreher zu. Um ihn und seine Familie vor Darankov und dessen Schergen in Sicherheit zu bringen, holt das LKA (Nina Kunzendorf, Alwara Höfels und Carlo Ljubek) die Drehers ins Zeugenschutzprogramm. Familienärger ist vorprogrammiert, denn Drehers Frau Rieke (Stephanie Japp) träumte bereits von einem neuen Leben mit ihrem Geliebten in Portugal, während Tochter Lona (Paula Kalenberg) nun ihren Verlobten in den Wind schreiben kann. Aber das sind nur die harmloseren Probleme für die Familie, denn der Schurkenclan hat überall seine Ohren …

Mit Karsten Schmidt steckt ein besonders namhafter Drehbuchautor hinter diesem XL-Fernsehfilm: Schmidt gewann bereits zwei Mal den prestigeträchtigen Grimme-Preis, darunter für das thematisch prekäre Historiendrama «Mord in Eberswalde». «Das Programm» ist moralisch klarer sowie einfacher strukturiert, dafür wird die zentrale Geschichte sehr ausführlich skizziert: Eine Familie muss ihr Leben aufgeben, sich an neue Biografien gewöhnen und so alte familieninterne Kriegsbeile sowie frühere Zukunftsträume begraben, während das LKA versuchen muss, die zu schützenden Zeugen auch wirklich vor dem Zugriff der Schwerverbrecher zu bewahren. Diese beiden grundlegenden Figurengruppen und Handlungsebenen sorgen dafür, dass «Das Programm» zu gleichen Teilen Drama und Kriminalthriller ist, was sich angesichts der zerfahrenen Situation, die der Film behandelt, auch anbietet.

Weitere Subplots gibt es nicht, so dass Schmidt viel Sendezeit zur Verfügung hat, um das Problem jeder einzelnen handlungsrelevanten Figur in all seinen Facetten zu beleuchten. Dass für weite Strecken ausgerechnet die von Nina Kunzendorf mit eisiger Präzision verkörperte LKA-Beamtin als Hauptfigur dient, obwohl ihr nur die sehr gestrenge Organisation des titelgebenden Programms zukommt, ist dabei eine diskutable Entscheidung: Sie ist zweifelsohne das Bindeglied zwischen der nun „die Schmidts“ getauften Familie und den weiteren Beamten (von denen Höfels den aufgekratzten Part und Ljubek den stringenteren Part mimt), allerdings bringt ihre Rolle selber das überschaubarste Material mit. Der Grimme-Preisträger Schmidt findet indes das richtige Maß, wenn es darum geht, die schwelenden Familienkonflikte authentisch einzufangen: Nie pathetisch, nie mit kitschigen Versöhnungssequenzen, sondern stets mit aus dem Leben gerissenem Biss und ähnlich lebensnaher Banalität. Dass der Grundschulsohn der „Schmidts“ aufgrund seiner geringen Plotrelevanz in den Familienszenen nur Ballast darstellt, lässt sich daher ignorieren.

Da Regisseur Till Endemann in den drei Stunden Laufzeit genügend erdet, und gleichwohl die diversen Wendepunkte mit ausreichender Strenge inszeniert, um dem Dreistünder Zugkraft zu verleihen, fallen auch die überdrehteren Einfälle des LKA und die sperrige, unkooperative Art des Familienvaters nicht zu schwer ins Gewicht. Der zweite Akt des von Michael Schreitel in extra breiten Bildern eingefangenen Thrillers tritt zwar etwas länger auf der Stelle, so als hätte man ein 160-Minuten-Film auf drei Stunden gestreckt, für einen spannenden Fernsehabend reicht diese smarte Vermengung aus Kriminal- und Familiengeschichte allemal.

«Das Programm» ist am 4. Januar 2016 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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