Die Kritiker

«Schandfleck»

von

Der neue Usedom-Krimi mit Katrin Sass und Lisa Maria Potthoff bemüht sich um vielschichtige Charakterzeichnungen - und ist trotzdem besser gespielt als geschrieben.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Katrin Sass als Karin Lossow
Lisa Maria Potthoff als Julia Thiel
Peter Schneider als Stefan Thiel
Emma Bading als Sophie Thiel
Ramona Kunze-Libnow als Rita Mahlow
Peter Franke als Werner Mahlow
Marcin Dorocinski als Marek Wozniak

Hinter der Kamera:
Produktion: Razor Film
Drehbuch: Scarlett Kleint, Michael Vershinin und Alfred Roesler-Kleint
Regie: Oliver Schmitz
Kamera: Leah Striker
Produzent: Tim Gehrke
Falls Sie den ersten Teil der neuen ARD-Krimi-Reihe auf Usedom verpasst haben: Keine Sorge! Sie kommen auch so gut in den zweiten rein. Denn «Schandfleck» bemüht sich erfolgreich, die Exposition seiner Figuren erneut in allen Details vorzutragen. Das klingt zwar oft ein bisschen gestellt und ist meist eher mit Ach und Krach in die Szenen eingemeißelt, statt kunstvoll unauffällig mit ihnen verwoben. Aber es muss eben sein:

Die ehemalige Staatsanwältin Karin Lossow ist mittlerweile seit zwei Jahren wieder aus dem Knast raus. Dort war sie gesessen, weil sie ihren unverbesserlich untreuen Ehemann im Affekt erschossen hatte. Mit der Dienstwaffe ihrer Tochter wohlgemerkt, die ihrer Mutter die Tat – verständlich – bis heute nicht verzeihen konnte. Dass Tochter Julia, obwohl mit einem sympathischen Mann verheiratet, eine Affäre mit einem polnischen Amtskollegen unterhält, verkompliziert ihr Leben zusätzlich, und gibt ihrer Figur (wenn auch ziemlich forciert) eine weitere Facette.

In der neuen Folge ermittelt Julia im Fall einer örtlichen Supermarktbetreiberin, die tot und unbekleidet jenseits der nahegelegenen polnischen Grenze gefunden wird. Ein Sexualdelikt kann rasch ausgeschlossen werden, und als nächstliegende Tatrekonstruktion wird davon ausgegangen, dass ihr jemand mit einem Gegenstand auf den Kopf geschlagen und sie in der Eiseskälte der polnischen Ostseeküste hatte liegen lassen. Die Kleider hatte sie sich vor ihrem Tod infolge der einsetzenden Kälteidiotie selbst vom Körper entfernt.

Schnell wird klar, dass das Opfer sich mit einer ihrer Kassiererinnen treffen wollte. Deren heruntergekommenes Haus war jüngst von den Behörden als denkmalgeschütztes Objekt deklariert worden und sie hätte eine sechsstellige Summe in seine Renovierung investieren müssen. Geld, das eine Supermarktkassiererin, die mit ihrem versoffenen alten Vater zusammenlebt, freilich nicht unbedingt hat. Die Supermarktbetreiberin schlug einen Deal vor: Sie würde das Haus kaufen und renovieren und ihrer Kassiererin dafür eine Wohnung in Polen sowie fünfzigtausend Euro Cash überlassen. Wer die Hintergründe kennt, weiß: Das ist kein guter Deal. Aber auch ein Mordmotiv?

Haben wir schon erwähnt, dass «Schandfleck» auf Usedom spielt? Gut, das war bis jetzt auch nicht unbedingt nötig. Aber die ARD erwähnt das anscheinend mit großer Freude und spricht gern vom „Inselkrimi“ oder „Usedom-Krimi“. Kenner öffentlich-rechtlicher Krimi-Reihen werden jetzt aufschrecken. Zu oft lassen diese Formate erkennen, dass den Machern mehr am Abfilmen pittoresker oder rauer Orte (mit noch betont raubeinigeren Figuren) gelegen ist, als an sinnigen Geschichten oder faszinierenden Charakteren.

«Schandfleck» bemüht sich dagegen tatsächlich um nahbare Charakterzeichnungen, glaubwürdige Figuren und einnehmende Konflikte, und erzählt atmosphärisch dichter als viele vergleichbare Reihen. Trotzdem wirkt vieles seltsam unausgegoren und gerade der äußerst spannungsgeladene Mutter-Tochter-Konflikt zwischen Karin und Julia, der Polizistin und der ehemaligen Staatsanwältin, bleibt wesentlich oberflächlicher als er sein müsste.

Das heißt nicht, dass man nicht positiv überrascht sein darf. Doch dieses Gefühl rührt eher daher, dass man sich lebhaft vorstellen kann, wie es Macher mit einer anderen Motivation und Intention noch wesentlich schlechter hätten machen können.

Man darf es «Schandfleck» (und seinem Vorgängerfilm «Mörderhus») hoch anrechnen, dass sich das Konfliktpotential zwischen diesen zwei starken (aber leider nicht gänzlich klischeefreien) Frauenrollen nicht im permanenten Geschrei und Türen-Geknalle entlädt. Dass sich ihre Trauer nicht bloß in im Close-up runtergenödelten Geheule manifestiert. Dass sich die Dialoge nur selten den einfachen Weg in die Allgemeinplätze suchen, sondern so authentisch bleiben, wie es der Sendeplatz zulässt.

Doch man kommt nicht an der Beobachtung vorbei, dass dieser Usedom-Krimi wesentlich besser gespielt als geschrieben ist. Und Katrin Sass und Lisa Maria Potthoff machen eben auch aus Dialogzeilen des guten Durchschnitts etwas Überdurchschnittliches.

Das Erste zeigt «Schandfleck» am Donnerstag, den 29. Oktober um 20.15 Uhr.

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