Die Kritiker

Eine Lektion aus Bulgarien

von

Die Kritiker: Der bulgarische Spielfilm «Die Lektion» handelt von einer integren Lehrerin, deren Existenz auf dem Spiel steht. Eine tolle Produktion.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Margita Gosheva als Nadja
Ivan Barnev als Nadjas Mann
Ivan Savov als Nadjas Vater
Milena Ilieva als Galya
Poly Angelova als Sekretärin
Stefan Denolyubov als Geldverleiher
Andrea Todorova als Nadjas Tochter

Hinter der Kamera:
Drehbuch und Regie: Kristina Grozeva und Petar Valchanov
Kamera: Krum Rodriguez
Produzenten: Kristina Grozeva, Petar Valchanov, Magdelena Ilieva und Konstantina Stavrianou
Nadja ist Lehrerin an einer Schule irgendwo in der bulgarischen Provinz. In ihrer Klasse ist einer Schülerin der Geldbeutel gestohlen worden und trotz mehrerer Aufforderungen meldet sich der Dieb nicht. Nadja gibt der Bestohlenen daraufhin zehn Stotinki und fordert die Klasse auf, es ihr gleich zu tun. Als letzte Chance für den Täter hängt sie einen leeren Umschlag an die Pinnwand, in der der Dieb das entwendete Geld anonym deponieren kann, um seine Tat ungeschehen zu machen.

Er wird es nicht tun.

Finanzielle Sorgen verfolgen Nadja auch privat. Ihr Mann, der – das sagt er zumindest – mit dem Trinken aufgehört hat, bedient schon lange die Raten für einen Kredit nicht mehr, was er seiner Frau verheimlicht hat. Als der Gerichtsvollzieher auftaucht und verkündet, dass in wenigen Tagen die Zwangsräumung ihres Hauses betrieben werden wird, sofern die Schulden bis dahin nicht beglichen sind, fällt sie aus allen Wolken.

Das Geld, mit dem eigentlich der Kredit abbezahlt werden sollte, hatte Nadjas Mann für ein neues Getriebe für das Wohnmobil ausgegeben, das nun aber immer noch nicht anspringen will und dementsprechend keinen Käufer findet. Auch aus Nadjas Nebenjob als Übersetzerin englischer Texte ist kein Geldsegen zu erwarten, der die Familie aus ihrer misslichen Lage retten könnte. Im Gegenteil: Ihr Arbeitgeber ist schon länger mit den Lohnzahlungen im Rückstand; das Unternehmen scheint kurz vor dem Konkurs zu stehen.

Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen? Vor allem, weil Nadja eine sehr integere Frau ist, die ihre hohen Maßstäbe auch an andere anlegt, die diese wiederum oft nicht erfüllen können: In ihrer Klasse geht ein Dieb um, der seinen Mitschülern und einmal auch seiner Lehrerin Geld stiehlt. Zu ihrem reichen Vater hat sie eine schwierige Beziehung, da er nach dem frühen Tod ihrer Mutter schnell eine Liaison mit einer abgetakelten ehemaligen Prostituierten angefangen hat. Ihr Mann ist drauf und dran, ihre Familie ins finanzielle Elend zu stürzen und wird bei Verhandlungen mit den Gläubigern schnell aufbrausend.

So entstand mit «Die Lektion» das einnehmende und spannende Portrait einer faszinierenden Figur. Die Regisseure und Autoren Kristina Grozeva und Petar Valchanov haben ein gutes Auge für konfliktreiche, aber leise Situationen, in denen sie lieber betrachten als werten, lieber zuschauen als überdramatisieren. Das ist ein ebenso interessanter wie stimmiger Ansatz und schafft gleichsam einen sehr einfachen Zugang zu diesem Film.

Doch dieser (gekonnt umgesetzte) naturalistische Duktus spiegelt sich nicht immer auch im dramaturgischen Konstrukt. Das Buch ist zwar von einer realen Begebenheit inspiriert, erlaubte sich aber zahlreiche Freiheiten. Das an sich ist freilich legitim und kein Kritikpunkt. Allein werden die Freiheiten in «Die Lektion» oft der Leitfrage „Was ist das Schlimmste, was der Hauptfigur in diesem Moment passieren könnte?“ unterworfen: Als nur noch knapp zwei Lew fehlen, um die Schulden bei der Bank zu begleichen, wird Nadja just ihr Geldbeutel entwendet, den sie eben noch – als Agent Provocateur – provokant im Klassenzimmer platziert hatte, um den Dieb zu überführen. Als sie an einen kriminellen Geldgeber geraten ist, durch dessen Kredit sie die Zwangsräumung ihres Hauses abwenden konnte, und sie bei ihm in Zahlungsrückstand gerät, verlangt er nicht nur wiederholt von ihr, zu Gunsten seines Neffen, eines Schülers in ihrer Klasse, ihre Integrität aufzugeben, indem sie ihm eine bessere Note geben soll, sondern fordert am Schluss auch sexuelle Gefälligkeiten von ihr. Ihr Chef zahlt nicht und verschwindet spurlos, als seine Zahlungsunfähigkeit offensichtlich geworden ist, das Wohnmobil findet ums Verrecken keinen Käufer, die Bank stellt sich stur. Jedes dieser Ereignisse wäre für sich genommen glaubwürdig, und eine starke Häufung von ihnen wäre es ebenso. Doch diese unaufhaltsame Abwärtsspirale, in die Nadja in «Die Lektion» gerät, ist es ab einem gewissen Punkt kaum noch.

Zum Glück hat einen der Film an diesem Punkt schon so in seinen Bann gezogen, dass einen das gar nicht mehr so stört. Das verdankt er nicht nur der Tour de Force seiner grandiosen Hauptdarstellerin Margita Gosheva, sondern auch der gelungenen, naturalistischen Stimmung, den einnehmenden Figuren und seiner nicht unklugen (und größtenteils ja glaubwürdigen!) Dramaturgie.

Das ZDF zeigt «Die Lektion», das im Rahmen des Kleinen Fernsehspiels entstand, am Montag, den 17. August um 00.25 Uhr.

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