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Das Comeback des Glimmstängels

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Rauchverbot in Kneipen, Grusel-Bilder auf Zigarettenschachteln. Auch im deutschen Fernsehen wird nicht mehr viel geraucht. Qualmen gilt als „Schwäche in Filmen.“ Ein generelles Verbot will aber niemand. So entstehen künftig auch weiter Filme wie ARDs «Zorn», in denen der Held in einer Stunde eine halbe Schachtel vernichtet.

Das "Rauchfrei Siegel"

Mit dem „Rauchfrei Siegel“ motiviert das Aktionsbündnis Nichtrauchen TV- und Film-Produzenten, sich aktiv für eine rauchfreie Gesellschaft einzusetzen. Das begehrte Siegel zeichnet Produktionen aus, in denen auf rauchende Charaktere verzichtet wird oder in denen Raucher – wenn aus dramaturgischen Gründen dringend notwendig – nicht als Identifikationsfiguren dargestellt werden. 2002 an die Daily «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» verliehen. Ein Jahr später ging das Siegel an den «Marienhof». Es folgten Auszeichnungen für «SOKO Leipzig», «Wilsberg», den TV-Film «Charlotte und ihre Männer», «Sturm der Liebe», «Unter Uns», «Schloss Einstein», «Die Pfefferkörner» und «In aller Freundschaft».
Claudius Zorn ist ein ziemlich cooler Typ. Er ist Kommissar, er jagt die Bösen. Macht die Welt ein bisschen besser. Das reicht aber noch nicht. Im ARD-Krimi wird der Mann mit wehendem Haar und stylischer Lederjacke als lässiger Bad-Boy inszeniert – eine Zigarette im Mundwinkel darf da nicht fehlen. So sitzt er in der Anfangssequenz in einem Auto, den blauen Dunst um sich – und gute Rockmusik. Keine drei Minuten vergehen, ehe die Figur das nächste Mal der Sucht fröhnen darf. Während der Rest des Teams den Tatort untersucht, gönnt sich Zorn einen Blick in die Tageszeitung und ein Kippchen. Zigaretten ziehen sich durch den ganzen weiteren Fall. Nach schwieriger Vernehmung wird in der 16. Minute der Produktion zum dritten Mal zum Glimmstängel gegriffen. Zwischen Sendeminute 27 und 36 bläst sich Claudius Zorn sogar vier Zigaretten in die Lungen. Das Fazit nach 60 Minuten Sendezeit: Neun Kippen. Selten zuvor wurde in der jüngeren Vergangenheit so viel und offensichtlich in fiktionalen Projekten gequalmt wie im ARD-Donnerstagsfilm.

Eigentlich nämlich sind die Glimmstängel im deutschen Fernsehen auf dem Rückzug. Macher von Reality-Formaten, etwa bei «Germany’s Next Topmodel», versuchen zu vermeiden, rauchende Mädels zu zeigen. So werden Raucher also nicht nur im wahren Leben vor die Türen der Kneipen geschickt, sondern auch im Fernsehen möglichst gut ausgeblendet – zumindest bis jetzt. In den vergangenen Monaten war in verschiedenen Filmen ein leichter Wandel zu erkennen. So hatte am Sonntag im neuen Franken-«Tatort» Kommissar Fleischer in einer Szene ohne erkennbaren Grund und Geschichte den Rest einer Kippe zwischen den Fingern eingeklemmt.

Geht es nach Programmdirektor Volker Herres, soll dies eigentlich nicht so sein. Im Gespräch mit Quotenmeter.de sagte der Verantwortliche des Ersten Deutschen Fernsehens: „Tabakkonsum wird in fiktionalen Sendungen in der Regel nur gezeigt, wenn er dramaturgisch begründet ist. Die für ihre realistischen Milieuschilderungen bekannten Fernsehfilme können daher Szenen enthalten, in denen geraucht wird. Diese sind jedoch so gestaltet, dass sie keinesfalls Kinder und Jugendliche zur Nachahmung anregen.“ Das ist durchaus wichtig - und auch ein Grund, warum sämtliche Daily Soaps zu 99 Prozent rauchfrei sind. Im Falle von «Zorn» verhält sich das (leider) anders. Die Kippen sind hier ein Sinnbild für eine Art „Ist-mir-doch-egal-was-du-von-mir-denkst“-Mentalität, die gerade Minderjährigen durchaus gefallen könnte.

Tabakkonsum wird in fiktionalen Sendungen in der Regel nur gezeigt, wenn er dramaturgisch begründet ist. Die für ihre realistischen Milieuschilderungen bekannten Fernsehfilme können daher Szenen enthalten, in denen geraucht wird.
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen.
Dem Eindruck nach deutlich weniger gequalmt wird in ZDF-Eigenproduktionen. Das bestätigen auch Aussagen von Fictionchef Reinhold Elschot, der im Gespräch mit Quotenmeter.de sagt: „Wir bemühen uns sehr, Rauchen aus unseren Filmen herauszuhalten und es vor allem nicht als positiv darzustellen. Andererseits ist Rauchen Teil der Lebenswirklichkeit und nicht radikal auszuschließen – auf jeden Fall gilt, wie im richtigen Leben: je weniger, desto besser.“

Die Einstellung bestätigt auch Fernsehproduzentin Annette Reeker von all-in-production GmbH, die für das Zweite unter anderem die Taunus-Krimireihe umsetzt (die Arbeiten für Fall sechs laufen seit dieser Woche). Rauchen gelte inzwischen eher als Schwäche und sei in Filmen eigentlich nicht mehr so angesagt. Ausnahmen aber würden diese Regel bestätigen – denn neben «Zorn» wird auch in anderen Formaten munter gequalmt. Reeker dreht derzeit noch die internationale Krimiserie «Cape Town – Mat Joubert» in Südafrika. Das Format basiert auf dem internationalen Bestseller-Roman „Dead before Dying“ von Deon Meyer – und darin ist die Hauptfigur drauf und dran „sich gesundheitlich zu ruinieren. Er ist Kettenraucher“, berichtet Reeker von dem Stoff, der derzeit als Pre-Sale auf der MIPTV angeboten wird. Anders als in «Zorn» haben die Macher hier im Verlauf der sechs Episoden aber den Zeigefinger. „Erst im Laufe der sechs Folgen kann er sich, in dem er das Verbrechen an seiner Frau aufklärt, um seine eigene Gesundheit kümmern und das Rauchen aufgeben. Das heißt, manchmal ist Rauchen mehr als eine Attitüde. Manchmal ist es Teil einer Geschichte“, sagt Reeker.

Ein generelles Rauchverbot im Fernsehen also wollen die Fiction-Produzenten nicht. Michael Souvignier, dessen Drama «Starfighter» auf einen neuen Sendeplatz bei RTL wartet, weiß, dass Rauchen in vielen Filmen, die im Hier und Jetzt spielen, vermieden wird. „In unseren historischen Filmen – aktuell «Starfighter» und «Anne Frank» – wird natürlich geraucht. So war das damals;“ meint er. Und auch seine Kollegen machen sich dafür stark, dass rauchende TV-Charaktere nicht zum Tabubruch werden dürfen. So sagt Andre Zoch (H&V Entertainment GmbH), dessen Regionalkrimi «Harter Brocken» von über sieben Millionen Menschen gesehen wurde: „Wenn im Film getrunken wird, wird meist auch geraucht, wie im Leben. Das sollte man darstellen dürfen ohne es als Vorbildfunktion verstanden zu wissen.“ Seine Hauptfigur, gespielt von Aljoscha Stadelmann, habe bisher aber noch nicht rauchen müssen.

Alles was der Geschichte und den Charakteren dient, muss erlaubt sein. Wäre ja auch schwierig wenn Walter White nicht Meth, sondern veganes Essen herstellt
TV-Produzent Quirin Berg
Auch Quirin Berg von Wiedemann & Berg (produzieren unter anderem verschiedene «Tatort»-Reihen), macht sich für eine offene und tolerante Einstellung stark. „Alles was der Geschichte und den Charakteren dient, muss erlaubt sein. Wäre ja auch schwierig wenn Walter White nicht Meth, sondern veganes Essen herstellt“, sagte er zu Quotenmeter.de.

Versichert wurde von den Programmverantwortlichen aber auch, sich der großen Verantwortung bei diesem Thema bewusst zu sein. Das Erste-Programmchef Volker Herres: „Daher bringen die Gesundheits- und Verbrauchersendungen regelmäßig Beiträge, die auf die Risiken des Nikotinmissbrauchs hinweisen und Hilfestellung zur Entwöhnung geben. Auch in anderen Formaten werden die gesundheitlichen Risiken des Rauchens immer wieder thematisiert.“

Und dann wird doch wohl auch Herr Zorn bei schwierigen Ermittlungen mal eine halbe Schachtel in einer Stunde wegquarzen dürfen, oder?

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