Popcorn & Rollenwechsel

«Selma» und das Oscar-Bait

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Diese Woche läuft in Deutschland mit «Selma» ein Film an, dem man nur zu leicht unterstellen könnte, er sei reines Oscar-Kalkül. Doch weit gefehlt!

#Themenwoche Oscar

In der Nacht auf Montag werden in Amerika die begehrten Oscars verliehen. Quotenmeter.de stimmt Sie mit einer Themenwoche so umfassend wie kaum ein anderes Online-Magazin auf die Verleihung ein. Wir starten am Mittwoch mit einer Vorab-Kritik zu "Into the Wood", der auf drei Preise hoffen darf. Am Donnerstag befassen wir uns mit dem fünf Mal nominierten "Whiplash" und unsere Antje Wessels widmet sich den besten fremdsprachigen Filmen. Am Freitag blickt Sidney Schering auf die Machenschaften hinter den Oscar-Kampagnen. "American Sniper" hofft unter anderem auf einen Titel als "bester Film". Wie gut er ist, sagt Antje Wessels am Samstag. Und eine Prognose auf die Sieger der Verleiher wagen wir am Sonntag. Nach der großen Show sind Sie bei Quotenmeter.de natürlich auch schnell und aktuell informiert!
Der geneigte, leicht zynische Filmfreund nennt sie „Oscar Bait“: Produktionen, die wirken, als seien sie allein dazu umgesetzt worden, um den Beteiligten Aussichten auf eine Academy-Award-Nominierung oder gar einen -Sieg zu ermöglichen. Filme über Themen, die generell bei der Academy gut ankommen, und in denen die wichtigsten Darsteller getragene, relevante, und dennoch aufmunternde Monologe halten können, während Musik im John-Williams-Dramenstil zu hören ist. Heutzutage bevorzugt von Alexandre Desplat, James Horner oder Williams höchstpersönlich geschrieben. Meistens basiert die Story auf wahren Begebenheiten und ist in brisanten historischen Zeiten angesiedelt. Der Holocaust / Zweite Weltkrieg ist da ein sehr dankbares Setting. Oder alles, was mit der US-amerikanischen Rassenproblematik zu tun hat …

Eine der ersten Verwendungen dieses Begriffs fiel in der 'The New York Republic'-Besprechung des Westerns «Bis zum letzten Mann», der sich der Schlacht vom Little Bighorn annahm. Der Film diente sowohl als Porträt des berühmt-berüchtigten Oberstleutnants George Armstrong Custer als auch als Gegengift zur häufig rassistischen Darstellung der US-Ureinwohner in Kinofilmen. Diese Themen wurden in Augen vieler Kritiker so selbstgefällig und auffällig behandelt, dass die 1948er Produktion für sie praktisch eine Werberolle für eine Oscar-Nominierung darstellte. Seither müssen sich regelmäßig Filme eines gewissen Schlags dem Vorwurf stellen, sie seien „Oscar Bait“. Und mit der wachsenden Prominenz des Internets und der somit stetig steigenden Masse an Stimmungsmachern wird der Begriff immer häufiger verwendet.

Somit werden öfters auch Filme in Mitleidenschaft gezogen, die keineswegs dieses eisige Kalkül in sich tragen. Ein solches Exemplar läuft hierzulande am 19. Februar an, wenige Tage vor der großen Oscar-Nacht: Das Drama «Selma» über die 1965 abgehaltenen Selma-nach-Montgomery-Märsche, mit denen Bürgerrechtler Martin Luther King friedvoll für eine Gleichstellung des Wahlrechts in den USA protestierte. Auf dem Papier würden Zyniker bei diesem Thema womöglich reines „Oscar Bait“ wittern, jedoch ist Ava DuVernays ehrfürchtige, zurückhaltende Regiearbeit meilenweit davon entfernt, auf eine industrieinterne Anerkennung hingebogen zu sein.

Stattdessen steht «Selma» voll und ganz im Dienste seiner Handlung. Martin Luther King wird als Figur nicht vergöttert, sondern respektvoll abgebildet – dargeboten von einem einnehmenden David Oyelowo («Jack Reacher»), der in der Hauptrolle eine immense Leinwandpräsenz entwickelt. Anders als in echtem „Oscar Bait“-Material wie etwa der allein der Selbstverliebtheit der Filmemacher verschriebenen Romanverfilmung «Der Vorleser» skizziert DuVernay in angemessenem Tempo und ohne betont rührselige Momente, wie sich die Lage im von rassistischen Ansichten dominierten Bundesstaat Alabama zuspitzte und King mittels Menschenkenntnis, Beharrlichkeit und Eloquenz einen besonnen Protest organisiert. Kings Einfluss auch auf die nicht-schwarze Bevölkerung wird repräsentativ angerissen, nie aber lautstark zelebriert, stattdessen steht die Wirkung des Moments und die Bedeutung der einzelnen Taten im Vordergrund.

Aber gerade dadurch, dass die Geschichte in all ihren Facetten dargestellt wird, entwickelt «Selma» eine fast unbeschreibliche Spannung – durch den Detailreichtum dieses Dramas drängen sich dem Zuschauer Möglichkeiten auf, Parallelen zum Heute zu entdecken und sich somit selber bewusst zu machen, welch weiter Weg unserer Gesellschaft noch immer bevorsteht, bis alle Toleranzprobleme beseitigt sind. «Selma» ist kein rundum perfekter Film (der Abspannsong ist tonal so kontraproduktiv, er sollte eher für die Goldene Himbeere als für den Oscar nominiert sein), aber es ist ein packender, kluger, kurzweiliger Film – und obwohl er lehrreich ist, fühlt er sich nie wie eine Lehrstunde an. Oder wie ein Promo-Clip: „Bitte beachtet mich während der Oscars!“ Und so sollte es bei Historienfilmen idealerweise immer sein!

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