Popcorn & Rollenwechsel

Hollywood über «Wetten, dass..?»

von

Als Kinokolumnist hat Sidney Schering selten Anlass, über «Wetten, dass..?» zu schreiben. Angesichts dessen, dass der Showdino am Wochenende (voraussichtlich) zum letzten Mal über die Bühne ging, ergreift er diese historische Gelegenheit beim Schopfe.

Schluss, aus, vorbei! Am Samstag ging eine Fernsehära zu Ende, für «Wetten, dass..?» fiel der letzte Vorhang. Zur Freude der Hollywood-Stars, ulken zynische Zungen. Schließlich müssen sie sich den Spuk nicht weiter antun, heißt es. Aber war der Showklassiker wirklich so schlimm? Es folgt ein fiktives Gespräch zu genau diesem Thema ...

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Mr. Stiller, wie schlimm war es denn ..?

Ben Stiller: Was denn?

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Na, «Wetten, dass..?» auszuhalten?!

Ben Stiller: Ach, das war doch völlig in Ordnung. Ich fühlte mich etwas fehl am Platz …

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Ja, klar, der ganze Kindergeburtstagsschwachsinn, das kennen Sie als Amerikaner ja gar nicht. Sie müssen sich ja echt gedacht haben, wir Deutschen hätten kräftig einen an der Waffel!

Ben Stiller: Ähm … nein?! Auch in den USA gibt es Mischungen aus Talk und Wettspielchen. Zugegeben, bei uns beschränkt sich das üblicherweise auf trainierte Haustiere, trotzdem kann man sich ja in das Konzept hineinversetzen, wenn man es erst einmal verstanden hat.

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Und weshalb fühlten Sie sich dann deplatziert?

Ben Stiller: Weil ich zwar lange auf der Bühne war, man mich aber selten eingebunden hat.

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Sie haben sich also nicht für das geschämt, was da in Nürnberg passiert ist?

Ben Stiller: Nein, wieso denn? Wir machen im amerikanischen Fernsehen auch allerlei Schwachsinn. Zugegeben, wir treiben etwas andere Albereien, aber man ist ja anpassungsfähig. Entscheidend ist allein – wenn ich schon bei einer lustigen Show dabei bin, möchte ich mich auch gerne beteiligen.

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Will Arnett hat sich aber über «Wetten, dass..?» beklagt, weil es ihm zu bescheuert war?!

Ben Stiller: Sein Management scheint ihn wohl genauso wenig vorbereitet zu haben wie die «Wetten, dass..?»-Redaktion. Mir half man hingegen, meine Hausaufgaben zu machen. Daher konnte ich mit dem netten Schauspieler, äh, Bully, oder? Ja, genau … Mit Bully konnte ich ja auch über seine «Star Trek»-Parodie reden. Leider nicht ausführlich, weil man uns unterbrochen hat. Trotzdem. Ich war vorbereitet. Habe ich ja so sogar wortwörtlich gesagt. „ICH weiß, worum es hier geht.“ Kleiner Seitenhieb auf meinen Kollegen …

Versnobter deutscher TV-Kritiker (macht Notizen auf dem Smartphone, spricht zu sich selbst): Ben Stiller sagt, Will Arnett ist dumm.

Will Arnett: Hey, nun seid ihr aber mir gegenüber unfair!

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Was zur Hölle? Seit wann sind Sie denn hier? Wie kommt es, dass wir Sie nicht bemerkt haben?

Will Arnett: Das tut nichts zur Sache. Wichtig ist: Ben, du bist nun der, keine Ahnung, achthunderttausendste Idiot, der meinen Jimmy-Kimmel-Auftritt fehldeutet! Ich habe gar nicht über «Wetten, dass..?» hergezogen!

Ben Stiller und der deutsche TV-Snob, unisono: Ähm, doch?!

Will Arnett: Verdammt, nein! Schaut euch den Clip doch nochmal an. Ohne Bias. Ich erkläre Jimmy, der die Show nicht kennt, dass sie „verrückt“ ist. Stimmt. Ist nichts böses. Ich sage, dass sie ein riesiges Publikum erreicht. Dass die Sendung sechsmal im Jahr woanders stattfindet. Dass allein schon das Sofa größer ist als Jimmys Bühne. Ich mich an diese Dolmetschersache gewöhnen musste. Die an dem Abend nicht ganz glatt lief. Und dann fand eine Hundewette statt, die ich kaum kapiert habe. Und mir hat niemand erklärt, was es mit der Jeep-Wette auf sich hatte. Und zuletzt habe ich Jimmy erzählt, wie absurd hoch das Staraufgebot in nur einer einzigen Ausgabe ist. So. Wie scheiße klingt die Show nun also bitte? Viel Staunen von mir, ein paar Seitenhiebe auf Pannen. Geht doch?!

Ben Stiller: Du klangst aber sehr überfordert. Und wütend, dass niemand über deine Gags gelacht hat.

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Um ausnahmsweise eine Lanze für «Wetten, dass..?» zu brechen … Ich kann mich an nicht einen einzigen Joke von Mr. Arnett erinnern! Das hat er sich also selber zuzuschreiben.

Will Arnett: Ich war auch überfordert. Weil man mir das vorher als Talkshow erläutert hat, nicht als Gameshow. Und offenbar hatte niemand Lust, sich mit mir zu unterhalten oder mir Dinge zu übersetzen, nachdem mein Promogespräch vorbei war. Das war schon verwirrend. Trotzdem beeindruckende Show. Würde dennoch nicht nochmal hinwollen. Du, Ben?

Ben Stiller: Ja, schon …

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Mr. Stiller, werden Sie mir bitte nicht zu so einem «Wetten, dass..?»-Fan wie Kevin James ...

Kevin James platzt rein: Hey, Leute, was geht? Redet ihr über «Wetten, dass..?»?! Ich liebe die Show! Der Moderator ist lustig. Spontan, lässt einen jeden Quatsch machen … Hab ihn daher auch in einen meiner Filme eingeladen. Netter Typ.

Ben Stiller: Der Kerl ist schon nett, ja, aber … Hm, der muss dann wohl bei mir einen miesen Tag gehabt haben, wirkte etwas angespannt. Und wie gesagt, ich durfte nicht viel tun …

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Meine Herren … Ihr hattet zwei verschiedene Moderatoren. Und die Show ist nun eh endlich eingestellt, also ist das alles eh egal.

Kevin James: Was? Traurig, hab mich schon gefreut, bei der Promotour zu «Der Kaufhaus-Cop 2» da vorbeizuschauen, war immer einer der lustigsten Stopps der Werbereise!

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Tom Hanks sah das wohl anders. Allein die Sache mit der Katzenmütze ...

Tom Hanks: Jemand hat mich gerufen?

Versnobter deutscher TV-Kritiker: (sprachlos)

Ben Stiller: Oh … wow, dieser Raum riecht plötzlich nach Oscar-Qualität!

Tom Hanks: Mir scheint, ich werde hier gebraucht?

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Äh, äh, äh, Mr. Hanks, äh, äh, «Wetten, dass..?» war, äh, äh, doch kacke, oder?

Tom Hanks: «Wetten, dass..?» … Hm … das ist doch diese ganz lange Spielshow, oder?

Ben Stiller: Jupp!

Tom Hanks: Ach, geht. Ich habe gute und schlechte Erfahrungen gemacht. Letztes Mal hat mir niemand gesagt, ab wann ich gehen darf. Und da man mich offenbar nach meinen 15 Minuten Einsatz nicht weiter brauchte, wurde es halt rasch langweilig. Auch, weil mir von Seiten der Show niemand erklärt hat, was bei den anderen Wetten Sache war. Dieser gutaussehende Geiger war aber sympathisch.

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Aber Sie haben sich doch intensiv über die Show ausgelassen?!

Tom Hanks: Nein, nicht wirklich. Ich wurde von Journalisten gefragt, wie meine Erfahrung an diesem einen Abend war, und ich habe angemerkt, dass ich baff war. Weil es sowas bei uns nicht gibt. Denn wir haben es nicht so mit langen Liveshows, sofern nicht gerade Preise verliehen werden. Danach habe ich mit sichtbar ironischem Grinsen gescherzt, dass bei uns Senderchefs gefeuert werden, wenn ihre Shows Überlänge haben. Und das stimmt ja auch. Da der Kommentar gut ankam, und die Presse wissen wollte, wieso es mir lang vorkam, habe ich das halt mit der schwachen Übersetzung angemerkt. Den Rest müssen die Medien hochgekocht haben. Mit eigenen Kommentaren, geändertem Kontext, Gehässigkeit, keine Ahnung.

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Ihr Hauptproblem war also …

Tom Hanks: Ich wäre gern etwas früher gegangen und hätte gern mehr über die anderen Gäste erfahren. Das mit der Katzenmütze dagegen war herrlich bescheuert.

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Sie als Hollywood-Star müssen doch über solchen Spielereien stehen?

Tom Hanks: Ach, wirklich? Ja, dann entschuldige ich mich in höflichster Form für das Tragen einer Katzenmütze mit gespielt pikiertem Gesicht. Und natürlich für meinen gemeinsamen Auftritt mit Leo und Steven. Wir haben da ja mit dem Publikum interagiert. Hochgradig beschämend, ich sollte meine Academy Awards zurückgeben. Ich gehe nun in die stille Ecke und denke über mein Handeln nach!

Versnobter deutscher TV-Kritiker (leise zu sich selbst, Notizen ins Smartphone tippend): Tom Hanks gibt wegen «Wetten, dass..?» Oscars ab. Sensation! Dafür krieg' ich endlich die Gehaltserhöhung. Und vielleicht den Pulitzer-Preis. Das muss ich sofort tweeten!

Kevin James: Alter, ich glaub', du tickst nicht mehr ganz richtig!

Ben Stiller: Nochmal zum Mitschreiben: Tom wollte nur was früher gehen. Und ich hatte kein Problem mit der Länge, wollte aber mehr mitmischen!

Will Arnett: Mir hätte man gern vorher sagen dürfen, worum es geht. Wäre sicher lustiger so geworden.

Kevin James: Also, mich hat man immer super gebrieft.

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Also, wo waren wir? Weniger Schwachsinn für euch, richtig?

Ben Stiller: Nein, nein, nein!

Will Arnett: Was denkt ihr Deutschen von uns? Ich dachte immer, das Klischee sei, dass wir euch für humorlos halten, nicht, dass ihr denkt, wir verstehen keinen Spaß?

Kevin James (zu seinen Kollegen): Jungs, kennt ihr das Video mit Zach Braff in einer anderen deutschen Show, äh, irgendwas mit Zirkus. Oder so?

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Zach Braff findet «Wetten, dass..?» auch mies? Klasse! Wusste gar nicht, dass er Mal zu Gast war!

Zach Braff: Nein, ich war bei «Circus HalliGalli», man hat mich vorher in alles eingeweiht, es gab keine schleppenden Dolmetschermomente und ich hatte unfassbar viel Spaß! Schnitzelhumpen!

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Zum Henker?! Wo kommt J. D. plötzlich … Was zur … Kommt nun jeder Star aus dem Nichts, dessen Namen ich ausspreche?!

Zach Braff: Leute, ich sag's euch. Wenn ihr schon für Promozwecke nach Deutschland müsst, geht zu «Circus HalliGalli». Die haben mit ihrer Vorbereitung auch Denzel dazu gebracht, so zu tun, als würde er den Moderator umbringen wollen. Geiler Scheiß!

Ben Stiller: Merk ich mir!

Will Arnett: Gutes Briefing ist alles! Und die von der Zirkussache können das, weiß ich aus eigener Erfahrung!

Tom Hanks: Briefing allein ist nicht alles. Auch funktionierende Dolmetscher-Ohrknöpfe sind was wert. Generell: Mehr und besser übersetzen. Und wie gesagt, ich hab nicht soooo viel Zeit. Ich mach alles mit, so lange es sich nicht zu sehr in die Länge zieht. So wie dieses Gespräch hier. Ich geh' jetzt also zu meinem Flieger, ja?

Zach Braff, Ben Stiller, Will Arnett: Ich komm mit!

(der Raum ist leer, nur der weiterhin vom Pulitzer-Preis träumende TV-Snob ist da)

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Das wird mein Durchbruch! … Und … und … also, wenn echt alles und jeder aufkreuzt, wenn ich seinen Namen sage … Ha! Das ist es!

(der TV-Snob schaut sich um, er ist noch immer allein)

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Eine nackte, notgeile, sich sofort auf mich stürzende Margot Robbie!

(nichts passiert)

Versnobter deutscher TV-Kritiker: Boah, wie ich das hasse, wenn es nicht so läuft, wie ich will. Na, die Schlampe kann was erwarten! Ich werde ihren nächsten Film sowas von verreißen! Die kann ja eh nix, ich mein, was hat die schon in «Wolf of Wall Street» geleistet?! Der Film war ja fast so lang wie «Wetten, dass..?»! LANGWEILIG! In der Zeit kann ich, fünf, ach, fünfzig Artikel schreiben. Und schauspielern kann die eh nicht! Talentloses Stück, sich vor DiCaprio nackt machen und mit ihm zanken, das kann ja wohl jedes Weibsbild! Ich setze meine Kritik am besten schon einmal auf. Den Titel ihres nächsten Films setze ich dann rein, sobald ich ihn rausbekomme. Den Film selbst spare ich mir. Hab eh besseres zu tun, und vorhersehbar ist der Schund sowieso.

Und so ist der deutsche Medienjournalismus wieder ein Stückchen gestorben.

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