Die Kino-Kritiker

«Keine gute Tat»

von

In «Keine gute Tat» schlüpft «Mandela»-Star Idris Elba in die Rolle eines Serienkillers. Und ist damit auch der einzige Vorzug dieses müden Home-Invasion-Thrillers.

Filmfacts: «Keine gute Tat»

  • Kinostart: 20. November 2014
  • Genre: Thriller
  • FSK: 16
  • Laufzeit: 83 Min.
  • Kamera: Michael Barrett
  • Musik: Paul Haslinger
  • Buch: Aimee Lagos
  • Regie: Sam Miller
  • Darsteller: Taraji P. Henson, Idris Elba, Leslie Bibb, Kate del Castillo, Henry Simmons
  • OT: No Good Deed (USA 2014)
Seit Jahren beklagen Cineasten und Kritiker in aller Welt, dass der Blockbuster von heute in seiner Durchschnittslaufzeit immer bombastischere Ausmaße annimmt. Filme von zweieinhalb Stunden und darüber hinaus sind schon lange keine Seltenheit mehr, wie es neben Popcornproduktionen à la «The Wolf of Wall Street» (180 Minuten), «Transformers: Ära des Untergangs» (165 Minuten) und erst kürzlich «Interstellar» (169 Minuten) auch das Nischenkino beweist. Zuletzt überraschten Dramen wie «Der Richter – Recht oder Ehre» mit Laufzeiten weit jenseits der zwei Stunden. Ist dies von existenzieller Wichtigkeit für Erzählfluss und Spannungsaufbau spricht kaum etwas gegen solch ausufernde Lauflängen, wenn man von der immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne des Durchschnittskinogängers einmal absieht. Dass in einer Zeit, in welcher die Laufzeit neuer Kinofilme ins schier Grenzenlose ausufert, wieder verstärkt die kurz gehaltenen Filme an Beachtung gewinnen, ist als Gegenbewegung fast schon kurios. Sam Miller knackt mit seinem Thriller «Keine gute Tat» nicht einmal die 90-Minuten-Marke und setzt mit Vorliebe auf oberflächlichen Spannungsaufbau und abgegriffene Genre-Versatzstücke. Dank starker Hauptdarsteller und einer der Laufzeit entsprechenden Kurzweiligkeit geht diese Mischung zumindest stellenweise auf. Doch der ganz große Wurf ist dem Regisseur von «Spooks», «Luther» und «Black Sails» mit seinem Suspense-Kammerspiel nicht gelungen.

Terry (Taraji P. Henson) hat sich gegen ihre hochrangige Karriere als Justizangestellte und für die Rolle der Hausfrau und Mutter entschieden. Mit ihrem Ehemann und den zwei Kindern lebt sie in einer gehobenen Wohngegend eines ruhigen Vororts von Atlanta. Ihr Mann ist wegen einer Familienfeier gerade auf Reisen, da klopft eines stürmischen Abends Colin (Idris Elba) an Terrys Tür und bittet sie angesichts einer vermeintlichen Autopanne darum, ihr Telefon benutzen zu dürfen. Terry möchte dem sympathischen Fremden helfen und geht zurück ins Haus, um das Telefon zu holen, während Colin draußen wartet. Doch schnell stellt sich für die arglose Frau heraus, dass keine gute Tat ungestraft bleibt – denn der Fremde entpuppt sich plötzlich als grausamer Soziopath, der sie in ihrem eigenen Haus terrorisiert. Was Colin allerdings nicht ahnt: Terry könnte sehr wohl clever und stark genug sein, um ihm bei seinem sadistischen Spiel die Stirn zu bieten.

Die Vorzüge von «Keine gute Tat» lassen sich zwar an einer Hand abzählen, sind jedoch vorhanden und schaffen es darüber hinaus sogar, stellenweise zu kaschieren, dass der nihilistisch angehauchte Thriller im Grunde ein Sammelsurium an Klischees ist, das der Regisseur im Minutentakt abfeuert. Der Knacki, der in einem unbeobachteten Moment aus dem Gefangenentransporter ausbricht: Check! Die Mutter, die in einer stürmischen Nacht alleine Zuhause ist – Check! Die dämliche, beste Freundin, die die Situation aus den Fugen geraten lässt: Check! Der Final Fight, in dem sich das vermeintlich tote Opfer im richtigen Moment noch einmal erhebt: Check! Die Liste stereotyper Plotpoints ließe sich an dieser Stelle endlos fortführen. Doch dank eines durchaus mitreißenden Katz-und-Maus-Spiels, das in der nahezu einzigen Kulisse eines verwinkelten Hauses zu einem Kammerspiel der Marke «Panic Room» wird, lässt «Keine gute Tat» über manche Szenen den Puls ordentlich nach oben schnellen.

Dafür verantwortlich zeichnen allen voran die beiden Hauptdarsteller. Der zuletzt im Nelson-Mandela-Biopic zu sehende Idris Elba mimt den stoisch unberechenbaren Gewaltverbrecher von einnehmender Physis und erschleicht sich mit undurchsichtigem Charisma glaubhaft das Vertrauen seiner Gastgeberin. Dass Terri, gespielt von einer toughen Taraji P. Henson («Denk wie ein Mann 1 und 2») dem Koloss den Gutmenschen abnimmt, ist durchaus nachzuvollziehen. Ist dessen Charakterzeichnung trotz seiner offensichtlichen Gewaltverbrechen doch lange Zeit nicht eindeutig auf die des Antagonisten angelegt. Trotz Terris vermeintlich blauäugiger Entscheidung wahrt Henson ihre Würde und wird nie zum Opfer. Im Gegenteil: Beide Beteiligten begegnen sich auf Augenhöhe. Das ist sehenswert und verleiht «Keine gute Tat» eine erfrischende Würze. Gleichwohl nimmt das Skript an anderer Stelle ebenjene Wendungen, die man von Anfang an zu erahnen glaubt.

Entsprechend überraschungsarm gestaltet sich der Film. Und auch, wenn «Keine gute Tat» aufgrund der eingangs erwähnten, recht übersichtlich gehaltenen Laufzeit nie zu lang daherkommt, ermüdet alsbald die konsequente Weigerung vor neuen Genrepfaden.
Dieser Eindruck spiegelt sich auch in der technischen Gestaltung wieder: Komponist Paul Haslinger («Die drei Musketiere») spielt das Repertoire eines Thrillers herunter, wie es sich gehört. In den spannenden Momenten schwillt sein Score an, in den ruhigen dudelt die Orchestermusik verloren im Hintergrund. Atmosphärisch relevant sind seine Kompositionen allerdings selten. Spätestens, wenn Dido den Abspannsong trällern darf, fragt man sich doch, ob an dieser Stelle nicht ein wenig mehr Kreativität gut getan hätte. Kameramann Michael Barrett («Ted») hingegen hat einen genauen Blick für das Einfangen einer beklemmenden Atmosphäre. Seine Aufnahmen sind zumeist äußerst dunkel, konzentrieren sich verstärkt auf die Emotionen der Darsteller und sorgen für die richtige Portion Desorientierung innerhalb des Hauses.

Fazit: Auf nahezu allen Ebenen offenbart «Keine gute Tat» ebenso viel Licht wie Schatten. Schade ist nur, dass gerade die Story zu den größten Schwachpunkten des Films gehört. Mangelnde Abwechslung und das konsequente Aufgreifen von Klischees trüben merklich Kinoerlebnis; Denn alles, was man hier zu sehen bekommt, hat man auch schon woanders präsentiert bekommen – nur besser.

«Keine gute Tat» ist ab dem 20. November in den deutschen Kinos zu sehen.

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