Die Kritiker

«Tatort»? «Vielleicht» auch nicht...

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Nach dreizehn Jahren muss Boris Aljinovic seinen Dienst als «Tatort»-Ermittler quittieren. Zu seinem Ausstand versagt allerdings das Drehbuch.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Boris Aljinovic («7 Zwerge») als Hauptkommissar Stark, Lise Risom Olsen als Trude Bruun Thorvaldsen, Birge Schade («Mit Burnout durch den Wald») als Karin Breitenbach, Anjorka Strechel («Mein Freund aus Faro») als Maria Schuh, Laura Tonke («Baader») als Paula Wimberg, Dimitrij Schaad als Oleg Knipper, Christian Sengewald als Malte Steiner, Fabian Busch («Liegen lernen») als Robert Meinhardt, Florian Bartholomäi («Rubinrot)» als Florian Patke


Hinter den Kulissen:
Regie und Buch: Klaus Krämer, Musik: Christine Aufderhaar, Kamera: Christine A. Maier, Schnitt: Monika Schindler, Produktion: Film 77

Es ist eine der größte Herausforderungen an Drehbuchautoren überhaupt: Einen Charakter aus einer Story herausschreiben. Dominic Raacke, der seit 1999 den Kriminalhauptkommissar Ritter im Berliner «Tatort» mimte, hat bereits nach der letzten Episode den Stecker gezogen , während sein Partner Boris Aljinovic (der die Rolle Felix Stark immerhin dreizehn Jahre zum Besten gab) für eine letzte Episode zur Verfügung stand. Weil das Ende des Duos erst nach dem Abdrehen seiner letzten Folge bekannt wurde, war ein Ausstand (auf wie auch immer geartete Weise) für Raacke nicht möglich. Die Abwesenheit von Ritter wird im neuen Berliner «Tatort», der auf den Titel «Vielleicht» hört, jedoch nicht thematisiert. So beschränkt sich die Geschichte auf den klassischen Kriminalfall sowie den Abschied vom LKA-Beamten Stark.

Um es gleich vorweg zu sagen: Für den Autoren Klaus Krämer war die Hürde eines angemessenen Abschieds zu hoch. Diese Storyline ist, wie viele andere Parts des Films auch, viel zu vorhersehbar. Nur ganz kurz kommt beim Zuschauer das Gefühl auf, eventuell doch ein wenig beeindruckt zu sein, viel zu schnell verschwindet es wieder. Auch Boris Aljinovic selbst aber trägt seinen Teil dazu bei, er bleibt mit seiner Darstellung zum Abschied erstaunlich blass. In vielen Momenten werden die Intentionen seiner Handlungen nicht ganz klar, zudem wirkt es eher absurd, wenn der lässige Stark plötzlich zum philosophierenden Comiczeichner mutiert.

Nicht weniger kurios ist letztlich die eigentliche Handlung des Films: Die norwegische Studentin Trude meldet sich bei der Polizei, weil sie die Vision eines Mannes in Latzhose hat, der eine junge Frau ermordet. Das Morddezernat bleibt aufgrund der mangelnden Handlungsoptionen tatenlos und muss zusehen, wie der angekündigte Mord tatsächlich geschieht. Als die Norwegerin weitere Taten kommen sieht, setzt Kommissar Stark alles daran, diesmal Tote zu verhindern. Weil er jedoch auch in die Träume involviert ist, erbittet der Ermittler zugleich seine sofortige Versetzung.

Einen wirklichen Zusammenhang zur Themenwoche Toleranz herzustellen, in dessen Rahmen die neue Ausgabe ausgestrahlt wird, bedarf zumindest einiger Mühe. Gut, eine der Protagonistinnen ist Norwegerin, aber alleine deshalb die Verbindung aufzubauen, wäre doch arg konstruiert. Ein Statement in Sachen Toleranz bleibt auf der Strecke, mal ganz unabhängig von der im Netz stark kritisierten Themenwoche.

Die Episode als Solche lebt hauptsächlich von hanebüchenen Zufällen, ohne die es kaum möglich wäre, die Handlung einigermaßen sinnig weiterzuführen, die aber zumindest vergeblich Spannung erzeugen sollen. So landet der Ermittler zufällig an genau dem Tatort, von dessen Vision man ihm vorher berichtete, als wäre er der einzige Kriminalpolizist Berlins. Zufällig machen zwei Polizisten Mittagspause in dem Café, in dem der dem Zuschauer bekannte Täter sitzt. Und ganz zufällig gehen die Ermittler genau zu jener Sekunde in ein Restaurant, als dort ein Mord passiert.

Das Drehbuch stellt außerdem einen kurzen historischen Abriss zur Verfügung, welche vorhergesagten Unglücke es in der Geschichte tatsächlich gegeben hat (oder zumindest gegeben haben soll). Auch wenn das nicht wirklich nötig gewesen wäre, so ist es für den Zuschauer interessant und vor allem eine angenehme Abwechslung zu absurden Momenten, wie solchen, in denen der Kommissar zeichnet.

Obschon die Norwegerin Lise Risom Olsen ihre Rolle der Trude stark spielt, wirken die Psycho-Momente in der Episode nur selten besonders eindringlich. Eine durchwachsene Leistung zeigt Florian Bartholomäi in der Rolle als Ex-Freund der ersten Verstorbenen. Er wandelt zwischen absolut mitgenommen und erstaunlich gleichgültig hin und her. Spannend ist dennoch die Ruhe, mit der über weite Strecken erzählt wird. Und auch die unauffällige musikalische Untermalung trägt dazu bei, die zumindest nicht gänzlich unspannende Konstellation zu unterfüttern. Dass es aber immer wieder Längen gibt, wird auch dadurch nicht verhindert. Und so ist der Abschied von Aljinovic bei weitem nicht so beeindruckend, wie es die Verantwortlichen offensichtlich gerne gehabt hätten.

Es ist fast schade für Kommissar Stark, sich nach 31 Folgen auf diese Art und Weise verabschieden zu müssen, hat der Ermittler im Duo mit Kommissar Ritter doch über Jahre hinweg überzeugt. Um es positiv auszudrücken: Wirklich schwer macht Stark seinen Abschied so nicht. Ob das neue Gespann aber mit dem sonst an den Tag gelegten Fällen mithalten wird, bleibt abzuwarten. Falls es schief laufen sollte, haben sich die Verantwortlichen zumindest das Hintertürchen Cameo-Auftritt offen gelassen. Wie? Der Titel «Vielleicht» gibt einen Hinweis. Wie zu viele Szenen im gesamten Film leider auch.

«Tatort – Vielleicht» ist am Sonntag, 16.November um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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