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RTL: Der (Noch)-Marktführer muss schneller werden

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Nur noch 0,2 Punkte trennen RTL und ProSieben. Zuletzt wurden ungewöhnlich viele Flops bei den Kölnern gezählt. Das schwächt deren Chef Frank Hoffmann, der in Sachen Entwicklung das Gaspedal mehr durchdrücken sollte. Ein Kommentar von Manuel Weis.

RTL Flops 2013/2014

  • 2014: «My Life in New York»: abgesetzt nach 2 Folgen (durchschnittlich 0,97 Mio., 11,3% MA)
  • 2014: «Alle auf den Kleinen»: abgesetzt nach 3 Folgen (durchschnittlich 1,47 Mio, 14,4% MA)
  • 2014: «Made in Germany»: eine Folge in Primetime, danach Sonntagnachmittag, nach 4 Folgen abgesetzt (durchschnittlich 0,97 Mio., 11,3% MA )
  • 2014: «Schmidt - Chaos auf Rezept»: abgesetzt nach 2 Folgen (durchschnittlich 1,08 Mio., 9,2% MA)
  • 2013: «Entführt - gib mir mein Kind zurück»: nach Pilotfolge nicht für eine Staffel verlängert (2,28 Mio, 7,1% MA)
  • 2013: «Mantrailer - Spuren des Verbrechens»: nach Pilotfolge nicht für eine Staffel verlängert (3,26 Mio., 11,3% MA)
  • 2013: «Medcrimes - Nebenwirkung Mord»: nach Pilotfolge nicht für eine Staffel verlängert (2,79 Mio., 9,4% MA)
MA=Marktanteile
„F**k ey, wo is mein RTL?“ Dass sich der Noch-Marktführer der 14- bis 49-Jährigen unter der Leitung des einstigen VOX-Chefs Frank Hoffmann gewandelt hat, steht außer Frage. Der Weg der Kölner soll weggehen von lauten Schrei-Formaten am Nachmittag. Es ist ein harmonischeres RTL und gleichsam eins, das seinen journalistischen Anspruch, den es nie verloren hatte, noch mehr unterstreichen möchte. Mit Reportage-Coups wie dem von Wallraff bei Burger King wurden hier sehr eindrucksvolle erste Akzente gesetzt. Der Wandel von RTL führt allerdings auch dazu, dass sich eine gewisse und nicht kleine Klientel von RTL abwendet. Sie kann mit dem Dargebotenen relativ wenig anfangen.

Das zeigte sich besonders gut in der vergangenen Woche, als man um 15.00 Uhr zwar weiterhin eine Scripted Reality programmierte, darin allerdings auf Aggression und Geschrei komplett verzichtete. «My Life in…» erzählte vielmehr ausgedachte Auswanderer-Storys. Weil man damit nur rund sieben Prozent einfuhr und somit Werte, die RTL seit dem Talkshow-Flop «Natascha Zuraw» (Minus-Rekord: 6,1%) nicht mehr kannte, war das Format nach nur zwei Tagen Geschichte. So harmonisch das Programm – unter anderem mit der neuen Live-Show «Bei Anruf Liebe» aktuell daher kommt, so rau dürfte es derzeit in den Chefetagen in Köln zugehen.

Denn neben so manchen Erfolgen wie eben dem «Team Wallraff» geht auf Hoffmanns Kappe auch eine ganze Liste von Flops. Im vergangenen Jahr rieb man sich noch erstaunt die Augen, als RTL die neue Primetime-Sendung «Die Zuschauer» nach gerade einmal sieben Prozent bei den Umworbenen sofort wieder aus dem Ablauf warf. Blitz-Absetzungen war man damals nur von Sat.1, ProSieben oder RTL II gewohnt. Das hat sich inzwischen komplett geändert. Neben «My Life in…» mussten auch Sendungen wie «Made in Germany» oder «Schmidt – Chaos auf Rezept» das Programm der Kölner fix wieder verlassen. Vergangene Woche wurde die Ausstrahlung des 2013 noch erfolgreichen «Verfolgt» frühzeitig beendet. Auch der Versuch, am Sonntagmittag ein Magazin mit halbwegs journalistischem Anspruch zu etablieren, scheiterte, was das Aus der Sendung nach vier Ausgaben nach sich zog.

Mit «Rising Star» könnte der Chefetage von RTL nun ein Flop einer neuen Kategorie drohen; exakt eine halbe Million Zuschauer verlor das Format nach der Debütsendung und die jüngste Kritik einiger auftretender Kandidaten dürfte das Image der neuen Show nicht gerade aufwerten. Dabei hätten die Kölner einen Hit so dringend nötig. ProSieben schickt sich nämlich an, die Marktführung bei den 14- bis 49-Jährigen zu übernehmen. Sie fällt den Machern aus Unterföhring gerade zu in die Hände. Die rote Sieben selbst wird nämlich nicht viel stärker als bisher, RTL dafür aber schwächer und schwächer.

In seiner Amtszeit als Programmgeschäftsführer gelang es Hoffmann nämlich nicht, das schnelle Abrutschen seines Kanals zu stoppen oder zu verlangsamen. Dass man die heutigen Werte nicht mehr mit denen von vor vier Jahren vergleichen kann, ist klar. Dennoch ist die Entwicklung aus RTL-Sicht wohl eine richtige Katastrophe: 21,2 Prozent holte man im Januar 2010, schloss die TV-Season 09/10 mit 19,2 Prozent ab. ProSieben landete damals bei 11,5 Prozent. Zwei Jahre später kam RTL noch auf 15,4 Prozent, ProSieben lag bei 11,1 Prozent. Im August erreichte ProSieben 11,8 Prozent und kam dem bei zwölf Prozent liegenden RTL so nah wie nie zuvor.

Hoffmann muss verhindern, dass ProSieben in den kommenden Monaten Marktführer wird, sonst dürfte es für ihn im Konzern ganz eng werden. RTL kann sich keinen Chef leisten, der den Makel an sich kleben hat, die Marktführung verloren zu haben. Neue Konzepte bleiben aber aus oder zünden eben nicht. RTL ist an einigen Stellen schlicht zu unbeweglich. Der Start der neuen täglichen Serie «Berlin Models» hat mehr als ein Jahr gedauert – er soll, so hört man, nun im November erfolgen. Da ist «Berlin – Tag & Nacht», das Vorbild der Serie, schon seit Jahren auf dem Schirm. Ob die Modelserie von filmpool somit überhaupt noch eine Chance hat, ist ungewiss. Fakt dürfte sein, dass die Chancen vor einem Jahr noch besser standen.

Mehr riskieren, mehr Mut, schneller agieren – das sollten die Richtlinien sein, die für RTL jetzt gelten. Mit dem Mehr an Mut geht freilich auch ein höheres Risiko einher. Nämlich das von notwendigen und fixen Absetzungen. Es klingt kurios: Aber RTL müsste ein bisschen mehr ProSieben werden, das gerade im Showbereich die wichtigen Akzente der vergangenen Jahre gesetzt hat, um sich eventuell an der Spitze beim jungen Publikum zu halten. Denn die grundsätzliche Ausrichtung, also die Abkehr vom Schrei-TV, kann jedem Fernsehkritik nur in den Kram passen.

Dass RTL aber auch Ende des Jahres noch den Markt der 14- bis 49-Jährigen anführen wird, darauf sollte man derzeit keinen Groschen verwetten. Für den Zuschauer kann der neue Zweikampf übrigens nur gewinnbringend sein: Da strengen sich zwei Sender in den nächsten Wochen ganz besonders an.

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