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Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof: Ein Quiz am (doppelten) Boden

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Christian Richter erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 284: Ein Quiz voller ehemaliger «Big Brother»-Kandidaten.

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir des (nach eigenen Angaben) „schnellsten Quiz' Deutschlands".

«Quizfire» wurde am 02. April 2001 in Sat.1 geboren und entstand zu einer Zeit, als nach dem überraschenden Erfolg von «Wer wird Millionär?» unzählige ähnliche Rate-Shows aus dem Boden sprossen, von denen die meisten wie etwa «Einundzwanzig», «Multi Millionär» und «Ca$h – Das eine Million Mark-Quiz» im Abendprogramm liefen. Auch der Sender Sat.1 hatte mit «Das Millionenquiz» und «Die Chance Deines Lebens» sowohl einige Prime-Time-Varianten als auch mit «Die Quiz Show» eine tägliche Version am Vorabend im Repertoire. Letztere war zeitweise sogar derart erfolgreich, dass sie pro Abend gleich zwei Mal zu sehen war. Parallel dazu dümpelte am Nachmittag um 17.00 Uhr die steife Sendung «Jeder gegen Jeden» vor sich hin. Zwar prüfte der Moderator Holger Speckhahn darin ebenso das Allgemeinwissen seiner Kandidaten, tat dies im Vergleich zu den neuen Vertretern aber in äußerst unspektakulärer Weise. Die Produktion galt seit ihrer Einführung im Jahr 1996 niemals als besonders dynamisch oder ansprechend, bewies dabei jedoch wenigstens eine beeindruckende Hartnäckigkeit. Als die neuen Konzepte das Land dann überfluteten, passte sie endgültig nicht mehr zum aktuellen Zeitgeist.

Sie verschwand allerdings nicht richtig, sondern wurde grundlegend aufpoliert, wodurch der Nachfolger letztlich auf einem identischen Ablauf basierte. Erneut galt es, schnelle Fragen zu lösen, wobei bei jeder falschen Antwort ein Lebenslicht des entsprechenden Teilnehmers erlosch. Wer auf diese Weise seine drei Lichter verlor, schied aus. Das bisherige stille Verlassen des Studios wurde durch ein eindrucksvolles Versinken der Mitspieler samt Stuhl im doppelten Studioboden ersetzt und die traditionellen Buzzer, die für die Eröffnungsrunden und das Finale benötigt wurden, wichen einem Mechanismus, der eher an Beschleunigungshebel aus Flugzeugcockpits erinnerte. Zusammen mit opulenten Musikbetten und einer dunkleren Atmosphäre wirkte der Reboot deshalb optisch ansprechender und moderner.

Wie zu dieser Zeit üblich, wandelten sich die gestellten Fragen zu Multiple-Choice-Rätseln, bei denen aus drei Antwortmöglichkeiten ausgewählt werden mussten. Überdies wurde die Anzahl der Kontrahenten auf nunmehr fünf reduziert. Wer von ihnen am Ende der 30minütigen Ausgaben übrig blieb, gewann 10.000 DM (später noch 3.000 Euro) und durfte am nächsten Tag erneut dabei sein. Wem dies insgesamt fünf Mal gelang, erhielt einen zusätzlichen Bonus in Höhe von 50.000 DM, sodass letztlich ein Maximalgewinn von 100.000 DM möglich war.

Präsentiert wurde das Ergebnis von Meinert Krabbe, der kurz zuvor als einer der Gesichter des 9-Live-Vorläufers «Call TV» aufgefallen war. Der Journalist Helge Hopp beschrieb seinen Moderationsstil in der Berliner Zeitung folgendermaßen: „Als bevorzugtes Stilmittel setzt er seine Stirn ein. Die kann er, je nach Dramatik der Situation, in zwei bis vier reizende Dackelfalten legen, dazu kommen bei Bedarf ein Breitwandgrinsen und dauerhaft hochgezogene Augenbrauen." Abgesehen davon lieferte Krabbe eine unauffällige, aber solide Leistung ab.

Von Beginn an wurde das Projekt von Misstrauen begleitet, da eine allgemeine Sättigung des Genres bereits eingetreten und eine baldige Ausdünnung zu erwarten war. Dazu bemerkte Krabbe in der Zeitung B.Z. schlicht: „Mein Vertrag ist auf ein Jahr angesetzt, aber wenn die Quote nicht stimmt, ist alles Schall und Rauch, was auf dem Papier steht. Dann bin ich schnell wieder weg vom Fenster."

Anfänglich schienen die Skeptiker kein recht zu behalten, denn die gemessene Publikumsresonanz der ersten Episode erreichte mit 1,23 Millionen Menschen sowie einem Gesamtmarktanteil von 16,1 Prozent auf Anhieb bessere Resultate als «Jeder gegen jeden». Dies dürfte bei den Verantwortlichen für eine gewisse Erleichterung gesorgt haben, immerhin hatte man bei der Produktionsfirma direkt 186 Folgen in Auftrag gegeben. Die Freude hielt allerdings nicht lang an, denn schon bald sanken die Werte auf meist um 10 Prozent ab und Berichte über eine baldige Einstellung verbreiteten sich.

Als Rettungsversuch wagten die Macher Ende Mai eine Spezial-Woche, in der ausschließlich Prominente als Kandidaten antraten. Weil dieser Schritt direkt für einen kleinen Aufwind sorgte, erlebte der Umbau nach nur knapp drei Monaten einen erneuten Umbau. Ab diesem Zeitpunkt verschwanden sämtliche „normalen" Kandidaten und wurden dauerhaft durch Prominente ersetzt, die sich ab sofort miteinander um einen guten Zweck duellierten.

Da die Redaktion mit fünf Personen pro Tag einen enormen Verschleiß an Herausforderern hatte und über kein allzu großes Budget verfügte, wurden hauptsächlich Promis aus der zweiten Reihe wie Axel Schulz, Jörg Knör, Elmar Hörig, Gina Wild, Dieter Landuris, Maike Tatzig, Guildo Horn, Caroline Beil, Anuschka Renzi oder mehrere «Deutschland sucht den Superstar»- und «Star Search»-Teilnehmer gleich mehrfach engagiert. Mit unter entstanden zudem Sonderausgaben, in denen ausschließlich Darsteller aus der «Lindenstraße», aus den nachmittäglichen Gerichtsshows oder aus vergleichbaren Konstellationen mitwirkten. Mit Abstand am häufigsten nahmen allerdings ehemalige Bewohner aus dem «Big Brother»-Container auf den heißen Stühlen Platz, die mitunter wochenlang das Bild bestimmten.

Im Zuge dieser Umstellung musste Meinert Krabbe seinen Posten ebenfalls räumen und wurde vom ehemaligen «Marienhof»-Darsteller Sebastian Deyle abgelöst, für den diese Aufgabe seine erste große Moderationstätigkeit darstellte. Obwohl weiterhin regelmäßig angekündigt wurde, dass sich das Programm auf dem Prüfstand befände, gelang es, mit diesen Maßnahmen die Einschaltquoten zumindest soweit zu erhöhen (meist auf 1,5 Mio. Zuschauer; 13 Prozent Marktanteil), dass eine Absetzung abgewendet und mitunter sogar die Sitcom «Die Nanny» beim Widersacher RTL geschlagen werden konnte.

Ewig hielt diese Trendwende erwartungsgemäß nicht an und eine neue Bedrohung zog aus einer anderen Richtung auf. Um 18.00 Uhr entwickelte sich ab März 2003 nämlich die günstig produzierte Ermittler-Doku «Lenßen und Partner» zu einem Überraschungserfolg. Als Reaktion daraus unterbrach der Sender im darauffolgenden Mai die Ausstrahlung des Ratespiels, um dort 19 Folgen der ähnlich funktionierenden Reihe «Niedrig und Kuhnt» auszuprobieren. Die Reichweiten des Experiments übertrafen mit bis zu 2,1 Millionen Zuschauern und Marktanteilen von bis 21,2 Prozent bei den 30 bis 49jährigen die bisherigen Zahlen auf diesem Sendeplatz. Nach dem Ende des Testlaufs kehrte das Quiz zwar noch einmal zurück, jedoch nur, um die Wartezeit bis zum Nachschub von der neuen Crime-Doku zu überbrücken. Zwei Monate wurde es dann dauerhaft und endgültig ersetzt. Ganz verschwinden wollte das Format dennoch nicht, denn zwischen den Jahren 2006 und 2009 wiederholte es der Mitmachkanal 9Live noch einmal.

«Quizfire» wurde am 08. August 2003 beerdigt und erreichte ein Alter von knapp über 500 Folgen. Die Show hinterließ den Moderator Meinert Krabbe, der seinen ursprünglichen Jahresvertrag damit nicht erfüllen durfte. Er wechselte nach seinem Austausch direkt zu 9Live und führte dort durch das Frage-Antwort-Konzept «Greif an!». Sein Nachfolger Sebastian Deyle löste später im Sommer 2004 den Moderator Max Schautzer in der Unterhaltungssendung «Immer wieder sonntags» ab, bis er im darauffolgenden Jahr wiederum von Stefan Mross ersetzt wurde. Danach fiel Deyle vor allem durch seine mittlerweile beendete Beziehung zu «Germany's Next Topmodel»-Gewinnerin Rebecca Mir, sowie durch seine bittere Niederlage beim «Sat.1 Promiboxen» auf. Zuletzt versuchte er sein Glück als Sänger bei «The Voice of Germany», scheiterte aber bereits an den Blind Auditions.

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann der «Wer wird Millionär?»-Variante von 9Live.

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