Die Kritiker

«Gestern waren wir Fremde»

von  |  Quelle: Inhalt: ARD

Wie feingeistig-intellektuell darf Degeto sein? «Gestern waren wir Fremde» gibt ein paar Hinweise, meint unser Kritker Julian Miller.

Inhalt


Hinter den Kulissen

  • Produktion: TV60Film
  • Regie: Matthias Tiefenbacher
  • Drehbuch: Martin Kluger und Maureen Herzfeld
  • Kamera: Martin Farkas
  • Produzent: Andreas Schneppe und Sven Burgemeister
Sophie ist eine selbstbewusste, zielstrebige junge Bauingenieurin, die es versteht, sich in der Männerwelt durchzusetzen. Sie hat allerdings einen schwachen Punkt: ihren Vater Karl. Von klein auf versucht sie, seinen Ansprüchen gerecht zu werden. Doch etwas steht zwischen ihnen. Bei Karls Geburtstagsfeier kommt es zu einem heftigen Streit zwischen den beiden, Sophie fährt wütend nach Hause. Im Aufzug begegnet ihr ihr neuer Nachbar Max. Die beiden sind sich auf Anhieb sympathisch, sie verstehen einander, können zusammen lachen und Spaß haben. Lisa fühlt, dass sie Max vertrauen kann, und obwohl sie standfest behauptet, keine Beziehung zu wollen, ist schnell klar, dass sie und Max einander mehr bedeuten als ein bloßes Abenteuer. Den Kontakt zu ihrem Elternhaus meidet Sophie vorerst, kann sie doch genauso ein Sturkopf sein wie Karl. Ihre Mutter Beate, zwischen Mann und Tochter hin- und hergerissen, sitzt zwischen allen Stühlen und kommt zu einem Versöhnungsbesuch bei Sophie vorbei.

Doch als Sophie Beate mit Max bekanntmacht, reagiert Beate sehr seltsam: Von Entsetzen erfüllt, flüchtet sie und verunglückt auf dem Heimweg tödlich. Für Sophie und Karl ein Schock. Doch anstatt einander in ihrer Trauer beizustehen, entfernt sich Karl immer weiter von Sophie. All ihre Versuche, Karls Mauer aus Verzweiflung und Wut zu überwinden, scheitern. Er macht Sophie gegenüber rätselhafte Andeutungen über ihre Mutter und zieht sich völlig zurück. Einzig Max steht Sophie in ihrer Trauer bei und fährt mit ihr in sein Haus am Chiemsee. Dort erholt sich Sophie allmählich und lädt auch ihren Vater ein. In dem hilflosen Versuch, die Distanz zu seiner Tochter zu überwinden, nimmt Karl die Einladung an. Doch dann lernt er Max kennen und ist ebenso bestürzt wie zuvor Beate. Er verlangt, dass Sophie sich umgehend von Max trennen muss. Welches Geheimnis wird sich dahinter wohl verbergen?

Darsteller


Lisa Wagner («Polizeiruf 110 – Die Gurkenkönigin») als Sophie Ferber
Thomas Thieme («Rosa Roth») als Karl Ferber
André Szymanski («Wie Matrosen») als Max Seefeld
Julia von Sell («Die Gottesanbeterin») als Beater Ferber
Anna Maria Sturm («Beste Zeit») als Julia Seefeld
Stefan Merki («Bella Vita») als Klaus
Christian Hoening («Der Alte») als Herr Willrich

Kritik


Wenn sich die Degeto eines komplexen Themas annimmt, stellt sich immer eine grundsätzliche Frage: Wie weit entfernt man sich vom Melodram, um nicht in die größten Lächerlichkeiten zu tappen? Mit anderen Worten: Wie intellektuell feingeistig darf Degeto sein?

Die Antwort, die «Gestern waren wir Fremde» liefert: allenfalls so mittel.

Alles soll ein wenig nach Avantgarde aussehen, ein bisschen mehr emotionale Tiefe vermitteln als die üblichen Stoffe um Frauen, die zwischen zwei Männern stehen und mit ihren besten Freundinnen kiloweise Eiscreme verdrücken. Doch anstatt wirklich tief in das Seelenleben der Figuren einzusteigen, erzählt «Gestern waren wir Fremde» zumindest im ersten Drittel viel zu plump, zu infantil, zu verkitscht, kurz: zu durchschnittlich, auch wenn man versucht, sich mit einer fernsehfilm-untypischen und für Degeto-Verhältnisse durchdachteren Ästhetik durchzumogeln.

Vergebens. Denn schon nach fünfzehn Minuten macht kaum mehr etwas Sinn. Dafür allerhand (oft nur schwer glaubwürdige) narrative Vorwände, um die dramaturgisch festgeklopfte Romanze pflichtgemäß einläuten zu können: Ambitionierte, erfolgreiche Ingenieurin trifft auf finanziell unabhängigen Penthouse-Nachbar, der sich Kaffee borgen möchte. Welcome home, Degeto!

Im späteren Verlauf wird es dann besser. Wenn erst das obligatorische Familiengeheimnis foreshadowed, die Romanze etabliert und der Gegensatz zwischen der schicken Yuppie-Bude der Tochter und dem altmodischen bayerischen Landhaus der Eltern samt jahrzehntealter Blümchentapete an den Wänden auch vom letzten Zuschauer verstanden worden ist, erlaubt man sich mehr Hirn, schraubt das plotgetriebene Klischeeabhaken zurück, um die Figurenbetrachtungen vertiefen zu können. Doch auch auf dem qualitativen Höhepunkt bleiben die berührenden Szenen in der Minderzahl; das Sinnige und Intelligente beschränkt sich auf vereinzelte Lichtblicke, die man zu schnell wieder aufgibt und zu vereinfacht-klischeehaft im fast schon Trivialen auflöst.

Herausstechen kann letztlich nur der Cast, dessen Namen zumindest das Gros der Filmkritiker der qualitativen A-List zuordnen würde. Hervorragend wie immer ist Thomas Thieme, während sich Hauptdarstellerin Lisa Wagner nach erfolgreichen Auftritten in «Polizeiruf 110» und «Tatort» nun auch in einer Hauptrolle beweisen kann. Daneben gelingt es Anna Maria Sturm in einer mal nicht klischeehaft-bayerischen Rolle zu zeigen, dass sie nicht nur unscheinbar-kecke Mädchen vom süddeutschen Land verkörpern kann.

Das Erste zeigt «Gestern waren wir Fremde» am Mittwoch, den 21. August um 20.15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/65609
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