Die Kino-Kritiker

«Lone Ranger»: Ein wilder Ritt durch die weite Genreprärie

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Film des Monats: Das «Fluch der Karibik»-Erfolgsteam erlebte mit seinem verrückten Western in den USA eine böse Bruchlandung. Wir verraten, weshalb sich der Kinobesuch dennoch lohnt.

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Der beschwerliche Weg, den Tonto und John gehen, bis sie sich zusammenraufen und unterstützen, statt sich einander zu behindern, ist einer der problematischeren Aspekte von «Lone Ranger». Dass sich die zentralen Figuren lange bekriegen mag plausibel sein, trotzdem ist es dramaturgisch suboptimal, dass die Kernhandlung durch die Kabbeleien der beiden Helden dermaßen lang hinausgezögert wird. Dessen ungeachtet sind die steten Zwistigkeiten des ungleichen Duos, die selbst dann nicht enden, sobald sich Tonto und John anfreunden, überaus vergnüglich, was der großartigen Chemie zwischen Depp und Hammer zu verdanken ist. Die Konkurrenz zwischen Tonto und John ist zudem nicht allein für spritzige Wortgefechte gut, sondern dient auch als kleiner Meta-Genrekommentar: Der Lone Ranger symbolisiert den idealistischen, romantischen Western, in dem konservative Werte vermittelt werden und die Zeiten noch simpler waren, während Tonto aus einem theatralischen Western ausgebrochen ist und für das Gesetz der begründeten Blutrache einsteht. Doch beide Seiten können in dieser Geschichte nicht alleine zu ihrem Ziel gelangen, denn Verbinski zeichnet die texanische Wüste als einen durch und durch amoralichen und absurden Ort. Die grotesken und mitunter cartoonigen Stationen auf der Odyssee der beiden Helden bleiben allerdings größtenteils kleine Randbemerkungen, wodurch das mehrmals angesprochene und reizvolle Thema der aus ihrem Gleichgewicht geratenen (Genre-)Natur trotz seiner wohligen Skurrilität pointenlos bleibt.

Mit dem von William Fichtner einschüchternd verkörperten Butch Cavendish hält zudem ein großer Spaghettiwesterneinfluss in «Lone Ranger» Einzug. Der entstellte, ruchlose Schurke könnte problemlos aus einem Western von Sergio Leone oder Sam Peckinpah entflohen sein und provoziert einige garstige Sequenzen, in denen Verbinski die Grenzen Disneys und der amerikanischen PG-13-Jugendfreigabe genüsslich auslotet. Neben Fichtners nur sporadisch genutzter Rolle verfügt «Lone Ranger» mit dem Eisenbahnmagnaten Latham Cole über einen weiteren Antagonisten, wobei der Oscar-nominierte Tom Wilkinson dieser klischeehaft umrissenen Figur nur wenig Leben einzuhauchen vermag. Auch Ruth Wilson kann trotz rauer Ausstrahlung dem Stereotypen der zu rettenden, toughen Städterin nur wenig Neues abgewinnen.

Wesentlich vitaler fällt die Filmmusik aus, die das Geschehen effektvoll begleitet und die gelegentlich aufkommenden, direkten Referenzen auf Genre-Meilensteine nachhaltig unterstreicht. Mehr noch als die düster trabenden Melodien von Hans Zimmer und eine quirlige, die obligatorische Saloon-Szene untermalende Einlage aus der Feder von Jack White bleibt aber die Musik zum energiegeladenen Finale im Ohr. Als Tribut an frühere Inkarnationen der von Verbinski neu interpretierten Ranger-Figur dröhnt während des überdrehten Actionfinales eine neu arrangierte Version der Guillaume-Tell-Overture daher und unterstreicht perfekt abgestimmt das irrsinnige Leinwandgeschehen. Diese Sequenz ist voller waghalsiger Stunts, schreitet mit zügigem Tempo voran und ist wild durchchoreographiert – nur wer Buster Keaton, Bud Spencer & Terrence Hill und die flottesten «Pirates of the Caribbean»-Actionmomente in einen Mixer steckt, würde zu einem ähnlichen Ergebnis gelangen.

Dieses Finale ist ungleich allem, was «Lone Ranger» vorher bietet, und diese gewaltigen Stimmungswechsel zwischen dem glorreichen Ritt des Titelhelden, verrückten Zwischenstopps bei durchgeknallten Randfiguren wie Helena Bonham Carters Puffmutter oder den finsteren Taten der Filmschurken sind ein wichtiger Teil der Intention hinter Verbinskis Genretribut. Lässt man sich auf sie ein, machen sie auch einen weiten Teil der Faszination dieser aufwändig umgesetzten Großproduktion aus, selbst wenn nicht jeder Tonwechsel mit perfektem Timing vonstattengeht.

Da dieser Clash der Westernfilmkulturen vor prächtigen Setbauten und malerischen Landschaften stattfindet, die «Ring»-Kameramann Bojan Bazelli in verwitterten, stylischen Bildern einfängt, lädt «Lone Ranger» aber auch dann zum Staunen ein, wenn sich Verbinski mit seinen Ambitionen selbst ein Beinchen stellt. Depp sorgt als teils aufgedrehte, teils kritische Karikatur überholter Indianerdarstellungen für schrillen Abenteuerspaß, Armie Hammer läuft als komödiantisch unterfütterter Saubermann zu Hochform auf und die Action ist bei allem Prunk erfrischend altmodisch. So sehr sich die gedrängte Dramaturgie und vereinzelte, dröge Nebenfiguren als Stolpersteine erweisen mögen: Seinen desaströsen Ruf hat sich «Lone Ranger» bei all seinen sonstigen Qualitäten wahrlich nicht verdient und es bleibt zu hoffen, dass auch dieser Westernflop nach und nach neu betrachtet wird.

«Lone Ranger» ist ab dem 8. August in den meisten deutschen Kinos zu sehen.

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