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Ein Neuer am Late-Night-Himmel?

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2010 scheiterte der Versuch, die legendäre «Tonight Show» mit frischem Leben zu füllen. Doch was Conan O’Brien versagt blieb, soll jetzt der junge Superstar Jimmy Fallon schaffen. Kann er die amerikanische Late-Night-Kultur revitalisieren?

Jimmy Fallon

  • trat mit 24 Jahren erstmals bei «Saturday Night Live» auf
  • hat seit 2009 seine eigene Late-Night-Show bei NBC
  • wird 2014 neuer Host der «Tonight Show»
  • seine größten Parodien: David Bowie, Justin Bieber, Neil Young, Bob Dylan, Jerry Seinfeld
„Ich glaube nicht, dass die «Tonight Show» der Heilige Gral der Late Night ist. Die «Tonight Show» mit Johnny Carson war: Johnny Carson. Die «Tonight Show» mit Jay Leno ist: Jay Leno.“ Und die «Tonight Show» mit Jimmy Fallon? Der Comedystar wird seit längerer Zeit als neuer Host des legendären Late-Night-Programms in den USA gehandelt. Sein obiges Zitat stammt aus dem Sommer 2012, als bereits Gerüchte über eine Zepterübergabe die Runde machten. Heute, neun Monate später, ist Jimmy Fallon als neuer Late-Night-König bei der «Tonight Show» nur noch eine Frage der Zeit, wie der „Hollywood Reporter“ und die „New York Times“ in diesen Wochen übereinstimmend berichten. Zwei Quellen, denen man guten Gewissens trauen darf.

Wer ist dieser Jimmy Fallon? Heute 38 Jahre alt, spielte er sich in seinen jungen Jahren als Stand-Up-Comedian im Raum New York nach oben, nahm gleichzeitig Impro-Unterricht beim bekannten Sketch-Theater „The Groundlings“ in Los Angeles. Nach dieser Ausbildung folgte sein Schritt ins Fernsehgeschäft, mit Gastrollen bei «Saturday Night Live», der legendären Sketch-Show von NBC. Dort spielte er sich überraschend ins Rampenlicht, war schnell Gegenstand der Kolumnen und Kommentare. Fallon war dort angekommen, wovon er immer geträumt hatte: In seinen College-Jahren soll er die Samstagabende mit Bier und Chips vor dem Fernseher verbracht haben, «Saturday Night Live» schauend. Partys seien zu dieser Zeit tabu gewesen, so Fallon später. „Ich hatte die Show ein einziges Mal verpasst, und das war damals wirklich ein großes Problem für mich.“

Vom regelmäßigen Gast stieg Fallon 1999, im Alter von 25 Jahren, zum Hauptcast von «SNL» auf, war später einer der Anchor beim klassischen „Weekend Update“ – und wurde zum gefeierten Star der Show. 2004 ging er neue Karrierewege, wollte im Filmgeschäft Fuß fassen. Richtig erfolgreich wurde Fallon als Schauspieler nie, trotz einiger Haupt- und Nebenrollen in Kinoproduktionen. Seinen größten Auftritt hatte er an der Seite von Drew Barrymore in der Romantikkomödie «Ein Mann für eine Saison». 2009 dann die Rückkehr ins Fernsehen: NBC suchte einen Ersatz für den Spätabend-Sendeplatz von Conan O’Brien, der im selben Jahr die «Tonight Show» übernahm. Am 2. März 2009 startete die «Late Night with Jimmy Fallon» – und blieb auch auf Sendung, nachdem NBC im berühmten Late Night War Conan O’Brien gefeuert und Jay Leno auf den Chefsessel der «Tonight Show» zurückgeholt hatte.

Heute gilt Fallon – gemeinsam mit Jimmy Kimmel von ABC – als bester Late-Night-Host im amerikanischen Fernsehen. Seine Stärken liegen weniger im üblichen, seriösen Small Talk mit Prominenten und auch nicht im gewöhnlichen Stand-Up und dessen Onelinern. Auch nicht im Zynismus und der Bissigkeit seiner Kollegen wie Letterman. Sondern in der Parodie und der Persiflage. Ein Markenzeichen sind eben jene Parodien von Musikern und ihren Songs, deren Texte er auf aktuelle popkulturelle Ereignisse umdichtet. Dabei verschließt sich Fallon auch nicht den neuen Medien: Er lässt solche Auftritte im Netz verbreiten; viele dieser Videos werden zum Gesprächsthema. Wie der Mashup von David Bowie und dem religiösen NFL-Quarterback Tim Tebow zum Song „Space Oddity“:



Fallon weiß, was auch bei Jüngeren ankommt – und stellt beispielsweise neue Videogames in seiner Sendung vor. Und er weiß, wie er politisch Stellung beziehen kann: Beim Auftritt der republikanischen Präsidentschaftskandidatin Michele Bachmann spielte seine Band eine instrumentale Version des Funksongs „Lyin' Ass Bitch“. Kurz: Fallon ist smart, am Puls der Zeit, besitzt Comedy-Talent über das Stand-Up und den gepflegten Promi-Talk hinaus – und ist herrlich angepasst unangepasst. Der «Tonight Show», dem gesamten irgendwie festgefahrenen Late-Night-Mainstream in den USA, würde dieser Mann guttun.

Ab 2014, so berichten es die US-Medien, soll Jimmy Fallon seinen Kollegen Jay Leno beerben. Dieser wiederum kommentiert: „Ich hoffe, dass Fallon einmal die «Tonight Show» übernimmt.“ Offen lässt Leno jedoch, wann das passieren soll. Noch in diesem Jahr läuft sein Vertrag aus; ungewöhnlich wäre, wenn er seinen Platz bald wirklich freiwillig räumt. Sein Widersacher David Letterman, noch drei Jahre älter als Leno, denkt nicht ans Aufhören, auch der legendäre Johnny Carson hat die Show noch über das Rentenalter hinaus moderiert. Aber: Der Stern von Jay Leno ist seit dem „Late Night War“ gesunken. Seine Reichweiten sind seitdem um rund ein Drittel eingebrochen (und nur noch knapp vor Lettermans Zahlen), schon zweimal wurden dutzende Mitarbeiter in der Produktion entlassen, Jay Leno selbst musste Gehaltskürzungen hinnehmen. Der einstige Superstar des Genres ist zwar immer noch die Nummer 1, doch ohne den Glanz eines echten Herrschers.

Jimmy Fallons Sendung steht quotenmäßig ähnlich da wie Lenos «Tonight Show»: Meist der Marktführer im Timeslot, aber auch kein riesiger Quotenhit. Für Fallon spricht vor allem seine Beliebtheit bei der werberelevanten Zielgruppe, den 18- bis 49-Jährigen, auf die es NBC besonders abgesehen hat. Fallons Übernahme wäre wohl vor allem eine Reaktion auf diese Zielgruppe. Denn derzeit schnappt Jimmy Kimmel von ABC der «Tonight Show» die jungen Zuschauer weg, seitdem die beiden Late-Night-Formate zeitgleich starten. Der 62-jährige Jay Leno, der vor allem im Netz und bei den Kritikern für seinen fehlenden Zeitgeist verspottet wird, ist für NBC eine Gefahr bei den Werberelevanten – vor allem auch perspektivisch. Und nachdem die Rückkehr Lenos nach dem „Late Night War“ zwar nicht gescheitert, aber wenig erfolgreich verlaufen ist, wird NBC bei Fallon wohl mehr Mut und einen längeren Atem besitzen.

„Ich glaube nicht, dass die «Tonight Show» der Heilige Gral der Late Night ist.“ Geht Fallon mit dieser Unbekümmertheit, mit dieser durchaus unkonventionellen Haltung an die Herkules-Aufgabe, wird er die Late-Night-Kultur in den USA endlich verändern. Weniger Sarkasmus, weniger Altherrenhumor, mehr „just for fun“ mit diesem erwachsenen Junggebliebenen, der eigentlich noch nicht reif ist für die ganz große Late Night, wie man sie kennt. Vielleicht gerade deswegen sollten er und NBC das Risiko eingehen.



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