Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof Spezial: Stefan Raabs Latino-Entdeckung

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Quotenmeter.de erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 199: Der mittelamerikanische Superstar Eddie Rodriguez und die frühen Tage von «TV Total».

Quotenmeter.de erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 199: Der mittelamerikanische Superstar Eddie Rodriguez und die frühen Tage von «TV Total».

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir einer der ersten viralen Werbeaktionen.

Eddie Rodriguez wurde im April 2001 auf ProSieben entdeckt und damit zu einer Zeit als sich Stefan Raabs Erfolgsshow «TV Total» bereits im dritten Sendejahr befand. Zuvor hatte der Moderator mit seinen Aktionen rund um die „Ö La Palöma Boys“, den „Maschendrahtzaun“, den „Puller-Alarm“, seine „Pfui-Kellen“, seinen Auftritt beim «Eurovision Song Contest» und dem ersten Boxkampf gegen Regina Halmich für viel Aufsehen und hohe Quoten gesorgt. Auf diesem Höhepunkt der Popularität der Show zeigte Raabs ewiger Showpraktikant Elton am 11. April im Rahmen der Vorstellung von Internethighlights die Website eines bis dato in Deutschland noch unbekannten Sängers aus Puerto Rico. Bei diesem handelte es sich um jenen Eddie Rodriguez, der in seinem Heimatland und in den USA ein wahrer Superstar war. Er entsprach dabei dem typischen Klischee eines Latinlovers: Schwarze Haare, aufreizender Hüftschwung, spanischer Akzent und große Sonnenbrille. Auf der entsprechenden Website waren neben seiner großen Familie (elf Geschwister und sein Vater „Daddy“ Rodriguez) auch seine gigantischen Erfolge, Reichtümer und eine Aufstellung all seiner Freundinnen zu finden, mit denen er teilweise nur wenige Stunden liiert war.

In den nachfolgenden Tagen präsentierte Elton in der Fernsehshow immer wieder Updates der Seite wie neu hochgeladene Fotos oder Lobeshymnen von internationalen Stars wie Kylie Minogue und Lionel Richie. Außerdem rief Raab seine Zuschauer dazu auf, jegliches Material, auf dem der Puerto Ricaner zu sehen war, einzuschicken. Prompt konnte er ein paar Tage später einen Auftritt des Sängers in der US-Talkshow von Jerry Springer zeigen. Gleichzeitig kündigte Raab an, in Verhandlungen mit dem Management von Rodriguez zu stehen, um ihn erstmals nach Deutschland holen zu können.

Schnell wurden jedoch Gerüchte laut, dass es sich bei Rodriguez in Wahrheit um Raab selbst handeln würde. Schließlich hatte der angebliche Weltstar auffallende Ähnlichkeit mit dem deutschen Komiker. Völlig abwegig war diese Idee nicht, hatte doch der deutsche Moderator im Jahr 1998 unter dem Namen Alf Igel auch schon den «Grand Prix»-Song von Guildo Horn geschrieben. Diese Vermutungen griffen Elton und Raab mehrmals in der Sendung auf, verneinten sie aber stets und verwiesen auf den hohen Sex Appeal des Latinos mit dem Raab nicht im Ansatz mithalten könne.

Als Rodriguez dann am 07. Mai 2001 nach Deutschland kam, absolvierte er seinen ersten öffentlichen Auftritt erwartungsgemäß bei «TV Total». Seine Ankunft im Studio in einer Stretchlimousine mit Polizeieskorte wurde standesgemäß von Hunderten Fans bejubelt. In der Show führte er dann seine Hitsingle „Sensaçion“ auf, die in seinem Heimatland bereits die Spitze der Charts erreicht hatte. Als sich nach dem Auftritt Rodriguez und Raab gegenüber standen und damit gleichzeitig im Bild erschienen, glaubte man auch die größten Zweifel ausgeräumt zu haben.

Im Rahmen seiner Deutschlandreise trat Rodriguez auch in den TV-Shows von Johannes B. Kerner, Kai Pflaume und VIVA sowie bei einem Livekonzert von Lionel Richie auf. Über all diese Ereignisse wurde in «TV Total» ausgiebig berichtet und auch das Video zu „Sensaçion“ feierte dort seine offizielle Deutschlandpremiere. Der zugehörige Song erschien wenig später unter dem Label Eddie Records und wurde mit den Worten „Discovered by TV Total“ und „No. 1 in Puerto Rico“ beworben.

Trotz des Auftritts rissen die Gerüchte um Rodriguez’ wahre Identität nicht ab, war doch seine Ähnlichkeit mit Raab zu groß. Dies betraf nicht nur sein markantes Lächeln und seinen Bart, sondern auch seine Stimme, sein brüchiges Englisch und den typischen Raab-Sound seiner Musik. Parallel recherchierten unzählige Neugierige auch im Internet nach den wahren Hintergründen des Interpreten. Schnell stießen unzählige User darauf, dass die Website eddie-rodriguez.com vom Kölner Unternehmen e-tv Produktions- und Vermarktungsgesellschaft mbH betrieben wurde, die wiederum eine Tochterfirma von Brainpool, der Produktionsfirma von «TV Total», war. Spätestens nachdem sich diese Information verbreitet hatte, glaubte niemand mehr daran, dass Rodriguez in Lateinamerika wirklich ein Superstar war.

Nun konnte auch nicht mehr geleugnet werden, dass es sich um eine Kunstfigur von Raab handelte, mit der er auf spektakuläre Weise seine Sendung und den zugehörigen Sommerhit bewerben wollte. Zwar gab Raab dies nie öffentlich zu, doch wurden die Einspieler von «TV Total» (einer befasste sich explizit mit den Ähnlichkeiten der beiden) ab diesem Moment ironischer und verschleierten den Fake kaum noch. Der gemeinsame Auftritt bei «TV Total» und der «Jerry Springer»-Clip entpuppten sich damit als simple Kameratricks.

Auch wenn die Aktion breit angelegt war, ein großes mediales Echo erzeugte und das aufkommende Internet eindrucksvoll mit dem Fernsehen verband, blieb sie hinter den Erwartungen zurück. So schaffte es die Single nur auf Platz 30 der deutschen Hitparaden und auch die Quoten von «TV Total» stiegen nicht merklich an. Im Sommer 2001 tauchte die Figur dann in einem Werbespot für McDonald’s auf und sang dort erneut ihren Song „Sensaçion“. Damit dürfte sich der Rummel für Raab wenigstens finanziell gelohnt haben. Bis heute ist nicht zweifelsfrei geklärt, ob die komplette Aktion von vornherein Teil des McDonald’s-Deal war oder ob dieser erst im nachhinein abgeschlossen wurde.

Von Eddie Rodriguez war nach der Sommerpause von «TV Total» im Jahr 2001 nichts mehr zu hören. Aufgrund der bescheidenen Absätze der Single folgten weder ein komplettes Album noch weitere Auftritte. Die Website eddie-rodriguez.com, durch die der gesamte Hype ausgelöst wurde, ist mittlerweile gelöscht und leitet die User direkt auf die offizielle Homepage von Brainpool um.

Möge der Sänger in Frieden ruhen!

Die 200. Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und stellt die schönsten Lobeshymnen und bösesten Beschwerden der Leser vor.

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