360 Grad

Die lieben Kleinen

von
Benjamin von Stuckrad-Barre verlässt ZDFneo und geht zu Tele 5. Wird der Spartensender zum Innovationsmotor? Ein Kommentar.

Dass Thomas Gottschalk, der bis vor wenigen Monaten noch eine der erfolgreichsten Samstagabend-Shows Europas moderierte, ab Herbst in einer Sendung zu sehen sein wird, in der es als Talent durchgeht, wenn Männer so tun, als würden sie mit dem Penis Klavier spielen, ließ eine weitere überraschende Personaländerung in der letzten Woche fast untergehen. Denn nicht nur Thommy wechselt wieder einmal den Sender, auch sein Kollege Benjamin von Stuckrad-Barre kehrt dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen den Rücken zu und marschiert zu Tele 5.

30.000 Zuschauer im Durchschnitt sind wohl auch für die Spielwiese ZDFneo letztlich zu wenig gewesen, um die Sendung fortzuführen – da kommt es natürlich wie gerufen, dass Kai Blasberg dem Dandy aus der Fernsehwerft nun televisionäres Asyl gewährt. Tele 5 mag als die neue Sendeanstalt eines intellektuell-satirischen Polit-Talks überraschen, bestehen die Programmfarben schließlich zum größten Teil aus einem Abspulen von Uraltfilmen. Doch schon Ende Dezember letzten Jahres konnte man eine kleine Trendwende feststellen, nämlich mit der Ausstrahlung der Parodiesendung «Walulis sieht fern», die erfrischend und ohne Scheu vor einer angemessenen Radikalität den TV-Wahnsinn auf die Schippe nahm und dabei nicht selten noch bissigere Töne anschlug als «Switch Reloaded». Belohnt wurde das Unterfangen bereits mit der verdienten Vergabe des Grimme-Preises für die beste Comedy, was man durchaus als Ermutigung für Tele 5 sehen sollte, in dieser Richtung weitere Schritte zu gehen. Auch wenn Walulis seine Sendung bei Eins Plus fortführen wird.

Mit Stuckrad-Barres Late-Night-Sendung, die laut bisherigen Ankündigungen allenfalls minimale Konzeptveränderungen durchlaufen soll, hat man ab Herbst bereits das zweite innovative und qualitativ hervorragende Format in den Programmlisten. Senderchef Kai Blasberg hat ferner bereits verlauten lassen, dass man „im Laufe des Jahres noch weitere Akzente setzen“ will – sicherlich ein mutiges Vorhaben.

Und ein kleiner Paradigmenwechsel, den man so wohl nicht erwartet hat: Denn mit der Neuverpflichtung von Stuckrad-Barre scheint Tele 5 nun der innovationsfreudigste Privatsender des deutschen Fernsehens zu sein, da er nicht mainstream-konformen Formaten eine Plattform bietet, die in ähnlicher Form bei den Kollegen der RTL Group und von ProSiebenSat.1 Television kaum vorstellbar scheint. Gleichzeitig muss man mittlerweile die Befürchtung haben, dass man bei ZDFneo den umgekehrten Weg geht, kündigte Senderchefin Simone Emmelius schließlich vor kurzem an, dass man „Mainstream lernen“ müsse.

Denn während man bei ZDFneo Mainstream lernt, lernt man bei Tele 5 gerade Innovation.

Mit 360 Grad schließt sich auch nächsten Freitag wieder der Kreis.

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