Die Kino-Kritiker

«Slumdog Millionär» – Wie hält sich der Oscar-Gewinner?

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Anlässlich der Free-TV-Premiere von «Slumdog Millionär»: Begeistert Danny Boyles achtfacher Oscar-Gewinner drei Jahre nach Kinostart noch genauso wie damals?

Die Kinoadaption des Romans «Rupien! Rupien!» versetzte Ende 2008 die Filmbranche und Kritikerwelt in eine regelrechte Euphorie. Auf deren Welle gewann Danny Boyles achte Regiearbeit vier Golden Globes und sensationelle acht Oscars, darunter auch den für den besten Film. «Slumdog Millionär» entwickelte sich schlussendlich in den USA und Europa zudem zu einem regelrechten Kassenschlager. Jedoch ereilte ihn daraufhin auch eine Welle negativer Rückmeldungen. Mittlerweile ist der Hype ebenso abgeklungen wie die Flut der Unkenrufe.

Pünktlich zur Free-TV-Premiere bietet es sich also an, erneut auf den „Wohlfühlfilm des Jahrzehnts“ (so eine zahlreich zitierte Rezension des Films) zu blicken. Hat «Slumdog Millionär» seine Lobpreisungen verdient, oder blendete Danny Boyle uns alle mit seiner hypnotisch inszenierten Erfolgsgeschichte voller indischer Exotik?

Vom Slumdog zum Quiz-Millionär


Der 18-jährige Vollwaise Jamal Mailk (Dev Patel) ist nur noch eine korrekte Quizantwort davon entfernt, bei der indischen «Wer wird Millionär?»-Variante den Hauptgewinn von 20 Millionen Rupien zu gewinnen. Stur umgerechnet sind das ca. 300.000 Euro, der reelle Wert dürfte innerhalb Indiens jedoch deutlich höher sein. Denn auch wenn die Reichen in der Mega-Metropole Mumbai immer reicher und mächtiger werden, so ist das Erscheinungsbild des Schwellenlands vor allem auch von Armut geprägt. Auch Jamal gehört zu den so genannten „Slumdogs“, jenen, die in den verwahrlosten Ecken des Landes groß wurden. Mehr schlecht als recht konnte er sich aus seinen miesen Lebensumständen rauskämpfen, eine vollwertige Schulausbildung hat er nie genossen. Deshalb wird er auch verdächtigt, in der Quizsendung betrogen zu haben.

Zwei Polizisten (Irrfan Khan und Saurabh Shukla) krallen sich den angehenden TV-Show-Gewinner und führen ein knallhartes Verhör, um dem Geheimnis des absurd wissensreichen Slumdogs auf die Spur zu kommen. Doch Jamal beharrt darauf, sich ehrlich durch die Sendung geschlagen zu haben. Zum Beweis erzählt er zu jeder der Quizfragen von einem einschneidenden Erlebnis, welches die korrekte Antwort in sein Gedächtnis einbrannte ...

In überzeugender Videoclip-Ästhetik durch Indien


Möchte man retrospektiv ein möglichst faires Urteil über «Slumdog Millionär» fällen, bietet es sich an, diesen Film auf zwei Ebenen zu behandeln. Zunächst von seinem Kritikerlob und seinen zahlreichen Auszeichnungen losgelöst, einfach bloß als allein stehender Film. Dessen größte Stärke ist, ganz eindeutig, seine technische Seite.

Boyle breitet vor dem Zuschauer ein stets von passender Musik begleitetes Kaleidoskop aus dreckigen Erdtönen und grellen Akzenten aus. Die wohl überlegt eingesetzte Handkamera vermittelt das Gefühl direkter Nähe zum Geschehen – aber in einer solchen, hippen Videoclip-Ästhetik, dass sein exotisches Drama trotz eines harschen, vermeintlichen Realismus zudem eine Aura des Irrealen erhält, welche «Slumdog Millionär» zugute kommt.

Der Schnitt ist ebenfalls ein Element der handwerklich-technischen Brillanz dieser „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Geschichte: Obwohl der Einstieg in den Film etwas zäh geraten ist, zieht das Tempo in angemessener Form immer weiter an, bis das Finale in eine rauschartige Bilderflut mündet. Die Startschwierigkeiten sind vornehmlich darin begründet, dass dem Publikum zunächst das narrative Konzept mit den verschiedenen Zeitebenen erklärt werden muss. Außerdem folgt schon direkt zu Beginn eine (etwas langwierige) komödiantische Anekdote, wie Jamal für ein Autogramm seines Bollywood-Idols förmlich durch Scheiße gehen muss. Aber die restlichen Rückblicke sind so lang, wie sie sein sollten, und die Übergänge zwischen den einzelnen Handlungsebenen geraten immer nachvollziehbar sowie dramaturgisch pointiert.

Auch das aus «Rupien! Rupien» übernommene Erzählgerüst weiß zu überzeugen: Eigentlich unterscheidet sich Jamals bauernschlauer Werdegang nur wenig von den üblichen Waisengeschichten in Film und Literatur. Doch durch den einfallsreichen, in Form des «Wer wird Millionär?»-Auftritts gebotenen Unterbau der Geschichte kann sich «Slumdog Millionär» von der ausgetretenen Dramaturgie loslösen. Dadurch entsteht eine moderne, globalisierte Spielvariante bekannter Archetypen, die in diesem neuen Gewand endlich wieder frisch und relevant wirken.

Mängel, die der Zahn der Zeit ausweitet


Selbstredend verfügt auch «Slumdog Millionär» über Schwachstellen. Doch während manche Kinofilme bei wiederholtem Ansehen durch ihre Stärken über sie hinwegtäuschen können, fallen sie in diesem Fall bei mehrfacher Betrachtung immer stärker auf. Womit die zweite Ebene dieser retrospektiven erreicht wäre. Schließlich sind es stets die Mängel eines Films, an denen Diskussionen über verdiente oder unverdiente Oscar-Gewinne aufgezogen werden.

Eine der größeren Schwächen ist die von Boyle nicht ganz überzeugend erzählte Liebesgeschichte, welche jedoch der Dreh- und Angelpunkt von Jamals Handeln ist. Weshalb dieser sein ganzes Leben über davon angetrieben ist, Latika für sich zu gewinnen, wird schlichtweg nicht ausreichend vermittelt. Und während die großartigen Kinderdarsteller sehr gut miteinander harmonieren, herrscht zwischen Dev Patel und Freida Pinto keinerlei Leinwandchemie. Danny Boyle mag dies bei einmaligem Ansehen durch seine frenetische Inszenierung übertünchen können. Er mag auch mit Farbwahl, Schnitt und A. R. Rahamns Musik einen Rausch verursachen, der einen mitfiebern und Jamal die Erfüllung seines Traums herbeisehnen lässt. Aber mit etwas Abstand betrachtet offenbart sich letztlich, wie wenig wahre Emotion in dieser so groß und laut zelebrierten Liebesgeschichte steckt. So dass der kritischere Zuschauer schnell auf die Frage kommt: „Wieso sollen die beiden eigentlich füreinander bestimmt sein?“

Auch die Rückblenden, die erklären woher Jamal die zu den Quizshow-Fragen passenden Antworten parat hat, sind in ihrer Gesamtheit zwar ein geistreicher narrativer Clou, bei intensiverer Betrachtung lässt der strahlende Glanz dieser Idee jedoch nach. Dass die Fragen in der Reihenfolge gestellt werden, die einen chronologischen Überblick von Jamals Lebensweg ermöglicht, ist ein Kniff, wodurch die Filmemacher für Übersichtlichkeit sorgen. Das erfolgt jedoch auf Kosten der Glaubwürdigkeit, und gerade bei wiederholter Betrachtung des Films können dadurch Teile des Publikums, die diesen Preis zuvor noch willig zahlten, eine distanzierte Haltung zum Leinwandgeschehen entwickeln.

Selbiges gilt umso mehr für manche abstrusere Erklärung Jamals. Dass er den Namen eines Bollywoodstars weiß und zum Beweis von seiner demütigenden Jagd nach einem Autogramm erzählt, ist schlüssig und glaubwürdig. Dass er aber zum Beispiel den Namen eines Waffenherstellers weiß, bloß weil sein Bruder einmal eine Schusswaffe dieses Herstellers in der Hand hielt, ist unfassbar konstruiert. Auch andere Sequenzen dienen eigentlich bloß, um einem westlichen Publikum auf dramatische Weise von den Umständen in Indien zu erzählen (nie aber so schockierend, dass der Unterhaltungsfaktor erstickt wird). Die inhaltliche Bedeutung dieser Rückblenden ist dagegen oftmals fadenscheinig eingefügt – was bei mehrfacher Sichtung des Films durchaus das Sehvergnügen beeinträchtigen kann.

Ebenso wird mit etwas Abstand die misslungene Charakterzeichnung von Jamals Bruder Salim lästiger, da sie zu den uneleganteren Elementen von Boyles Balanceakt zwischen Problem- und Unterhaltungsfilm gehört. Insgesamt gelingt es Boyle mit Leichtigkeit, brenzlige Themen anzusprechen, sie respektvoll zu behandeln, und trotzdem eine unterhaltsame, märchenhafte Erfolgsgeschichte zu erzählen. Aber Ausrutscher wie der klischeehaft bösartige Bruder machen es Betrachtern, die nicht von der stürmischen Inszenierung gepackt sind, recht einfach, «Slumdog Millionär» dafür zu kritisieren, zwischen Unbekümmertheit und Ernsthaftigkeit herumzutänzeln. Unter anderem aus diesem Grund wurde «Slumdog Millionär» in Indien wesentlich kritischer aufgenommen, als im westlichen Kulturkreis.

Wie nachhaltig ist der Oscar-Gewinn?


Wenngleich seine Schnitzer rückblickend gravierender auffallen, so bleibt «Slumdog Millionär» weiterhin ein ungewöhnliches Filmerlebnis. Lässt aber erst seine blendende Wirkung nach, kratzen seine Makel stärker an der anfangs so makellos scheinenden Oberfläche. Danny Boyle schuf mit seinem Indienausflug also einen guten, doch längst keinen außerordentlich starken Film. Hat die Academy of Motion Picture Arts & Sciences somit, rückblickend gesehen, eine Fehlentscheidung getroffen?

2009 waren neben dem Gewinnerfilm «Frost / Nixon», «Der Vorleser», «Milk» sowie «Der seltsame Fall des Benjamin Button» nominiert. Das Drama über eine Reihe von Fernsehinterviews zwischen dem eher oberflächlichen TV-Entertainer und -Journalisten David Frost und dem Ex-Präsidenten Richard Nixon ist für polit- oder medieninteressierte Zuschauer außergewöhnlich stark, aber keine so herausragende filmische Leistung, dass ein Sieg in der Oscar-Hauptkategorie gerechtfertigt wäre. «Der Vorleser» und «Milk» haben wiederum beide keine sonderlich lange Halbwertszeit, weshalb aus dem Feld der nominierten Filme nur David Finchers ungewöhnliches Liebesepos eine ernstzunehmende Konkurrenz für «Slumdog Millionär» darstellt.

Ob «Der seltsame Fall des Benjamin Button» als Oscar-Gewinner drei Jahre später von Filmfans besser aufgenommen wird, wäre jedoch reine Spekulation, ist Unmut über Entscheidungen der Academy doch so etwas wie eine Trendsportart. Zumindest lässt die Wirkung von David Finchers Mammutwerk mit einem rückwärts alternden Brad Pitt bei mehrfacher Sichtung nicht so sehr nach, und die für die Handlung so essentielle Liebesgeschichte wird von Fincher wesentlich fundierter aufgebaut, als vom Oscar-Preisträger Danny Boyle.

Blickt man auf das Kinojahr 2008, fallen einem jedoch darüber hinaus einige Filme ins Auge, die eine lang anhaltende Wertschätzung genießen dürfen und nicht einmal als bester Film nominiert wurden. Clint Eastwoods «Gran Torino» erhielt bereits zum Kinostart sehr positive Reaktionen, entwickelte sich allerdings zu einem wahren Geheimtipp unter Filmliebhabern und Gelegenheitszuschauern gleichermaßen. Dem Drama gelingt der Balanceakt zwischen seriöser Thematik und Unterhaltung standfester als «Slumdog Millionär» und platzierte sich in einigen Bestenlisten über Jamals Waisengeschichte, darunter auch in der User-Hitliste der IMDb. Zwar lässt sich über deren Relevanz lange diskutieren, eine Anmerkung sollte dies jedoch allemal wert sein. Dort landeten mit «The Dark Knight» und «WALL•E» außerdem zwei weitere Filme aus dem Jahr 2008 über «Slumdog Millionär» – und gerade diese Filme dürften über eine deutlich längere Halbwertszeit verfügen. Beide zählen zu den Meilensteinen ihrer jeweiligen Genres und hinterlassen auch nach mehrmaligem Anschauen einen nachhaltigen Eindruck. Während die Segmente von «Slumdog Millionär» mit der Zeit teilweise verblassen, bieten diese Meisterwerke von Christopher Nolan und Andrew Stanton zahlreiche schwer vergessliche Höhepunkte.

Aufgrund seiner packenden Umsetzung dürfte «Slumdog Millionär» wohl kaum zu einem Oscar-Gewinner werden, den die Zeit vergisst. Wem sind schon «Schlagende Wetter» oder «Marty» ein Begriff? Boyles emotionale Achterbahnfahrt wird ihren Platz in der Filmgeschichte dagegen verhältnismäßig gut verteidigen können. Dennoch ist es ein Film, dessen Mängel mit Abstand immer auffälliger werden, und es zeichnet sich längst ab, dass es nicht der Film des Kinojahres 2008 ist, an den sich Filmliebhaber am intensivsten erinnern werden. Seine ärgsten Konkurrenten um diesen Titel hatten allerdings nicht einmal eine Chance auf den ganz großen Oscar-Gewinn. Dafür ist die Academy mit ihrem Geschmack dann doch zu eigen.

«Slumdog Millionär» feiert am Sonntag, den 26. Februar 2012, ab 20.15 Uhr auf ProSieben seine Free-TV-Premiere.

Kurz-URL: qmde.de/55178
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