Die Kino-Kritiker

«Wer ist Hanna?»

von
Jungstar Saoirse Ronan legt sich als 16jährige Killermaschine mit der skrupellosen Cate Blanchett an.

Ein Kind oder einen Jugendlichen zur Hauptfigur eines Films zu erklären, ist nicht selten ein recht heikles Unterfangen, das auch schnell nach hinten losgehen kann. Zunächst gilt es, solch einen Charakter in der Theorie so in eine Geschichte einzubinden, dass er diese trotz seines jungen Alters zu großen Teilen auch tragen kann. Doch steht und fällt ein Film natürlich mit der endgültigen Umsetzung der zu Grunde liegenden Ideen. Was auf dem Papier funktioniert, muss noch lange nicht in der Praxis von Erfolg gekrönt sein. Viel hängt von der letztendlichen Besetzung einer zentralen Kinderrolle ab. Dass man hier mit unfassbar unsympathischen Bälgern so einiges falsch machen und dadurch sogar ganzen Filme einen schalen Beigeschmack geben kann, haben unter anderem Austin O’Brien in «Last Action Hero» (1993) und Jake Lloyd in «Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung» (1999) besonders eindringlich bewiesen.

Auf der anderen Seite können gut ausgearbeitete und mit passenden sowie talentierten Darstellern besetzte Kinderrollen aber auch für wahre Offenbarungen sorgen. Aktuelle und ehemalige Jungstars wie Natalie Portman («Léon - Der Profi»), Haley Joel Osment («The Sixth Sense», «A.I. - Künstliche Intelligenz») oder Abigail Breslin («Little Miss Sunshine») konnten bereits in ihren ersten größeren Rollen mit grandiosen Leistungen das Publikum zum Staunen bringen. Zu ihnen gesellt sich seit noch nicht allzu langer Zeit auch die mittlerweile 17jährige Irin Saoirse Ronan, die schon vor rund vier Jahren für ihre Rolle in Joe Wrights Historiendrama «Abbitte» für einen Golden Globe sowie einen Oscar nominiert wurde und auch in Peter Jacksons ansonsten sehr gewöhnungsbedürftigen Drama «In meinem Himmel» (2009) zu überzeugen wusste. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Ronan die Hauptrolle im Thriller «Wer ist Hanna?» ebenso mit Bravour meistert. Leider kann jedoch der Rest des Films trotz eines vielversprechenden Auftakts da nicht so recht mithalten.

Wie der Titel unschwer vermuten lässt, hört die Protagonistin auf den Namen Hanna. Hanna ist 16 Jahre alt, hat jedoch mit Mädchen ihres Alters nur wenig gemein. Ganz davon abgesehen, dass sie noch nie ein anderes Mädchen ihres Alters zu Gesicht bekommen hat, lebt sie doch seit sie denken kann mit ihrem Vater (Eric Bana) zurückgezogen in einer kleinen Hütte, inmitten eines einsamen schneebedeckten Waldes. Die „Außenwelt“ kennt Hanna lediglich aus Büchern und Lexikonartikeln. Die Gründe für ihr isoliertes Dasein sind ihr nur bruchstückhaft vertraut. Ihr Vater war einst ein aktiver Geheimagent, der sich jedoch mit den falschen Leuten, allen voran der skrupellosen Marissa Wiegler (Cate Blanchett), angelegt hat und fortan auf der Abschussliste stand. Seit seinem Untertauchen war ihm stets bewusst, dass er und Hanna sich eines Tages ihrer Verfolgerin entgegenstellen müssen, um endlich ein Leben in Ruhe und Frieden führen zu können. Zu diesem Zweck hat er seine Tochter von klein auf mit Wissen gefüttert, ihr mehrere Sprachen beigebracht sowie das Töten gelehrt. Als sich Hanna schließlich für die Konfrontation mit Wiegler bereit fühlt, erweist sich das ganze Vorhaben jedoch als äußerst lebensgefährliches Unterfangen.

«Wer ist Hanna?» beginnt dabei noch durchaus verheißungsvoll. In schönen und gut komponierten Bildern baut Regisseur Joe Wright, der mit Saoirse Ronan zuvor bereits «Abbitte» gedreht hat, zunächst eine dichte Atmosphäre der beinahe idyllischen Abgeschiedenheit auf, um wenig später mit anziehendem Tempo gekonnt ins (Agenten-)Thriller-Fach zu wechseln. Unterstützt wird er dabei durch die von den Chemical Brothers eigens für den Film komponierte, sehr markante Musik, die streckenweise regelrecht aus den Kinoboxen hämmert und «Wer ist Hanna?» durch ihren eigenwilligen Klang eine besondere Note verleiht. So machen die ersten 30 Minuten des Thrillers sogar fast durchweg Spaß. Für Kurzweil ist gesorgt, das Interesse am Schicksal der undurchsichtigen Figuren einigermaßen geweckt. Auch im weiteren Verlauf weiß Joe Wrights Inszenierung zu gefallen. Neben den rasant gefilmten und geschnittenen Actionsequenzen gelingt es ihm, in einigen Szenen eine schon fast hypnotische Bildsprache zu entfalten.

Leider macht es das Drehbuch von Seth Lochhead und David Farr dem Zuschauer jedoch sehr schwer, sich ganz darauf einzulassen, offenbart es mit fortschreitenden Filmminuten immer eklatantere Schwächen und Ungereimtheiten. Möchte man über diese aufgrund des unterhaltsamen Auftakts anfangs noch wohlwollend hinwegsehen, werden sie in ihrer Summe mit der Zeit so unerträglich und störend, dass sie den Film bald dominieren, jeden dennoch am Rande aufblitzenden halbwegs originellen Einfall im Keim ersticken und somit zu regelmäßigem Kopfschütteln animieren. Ein klaffendes Logikloch jagt das nächste. Die mehrfachen Handlungssprünge in Verbindung mit Anschlussmängeln tragen ihr Übriges dazu bei, den Film an sich, vor allem aber die größtenteils unnachvollziehbaren Handlungen seiner Hauptfiguren zu einem unglaubwürdigen Konstrukt werden zu lassen. Bemerkbar macht sich dies auch insbesondere dadurch, dass sich «Wer ist Hanna?», von kleinen obligatorischen Gags abgesehen, die meiste Zeit selbst viel zu ernst nimmt.

Was dem Film dabei endgültig das Genick bricht, ist seine überaus oberflächliche Charakterzeichnung. Eine wirkliche Motivation für ihre Taten sucht man bei den meisten Figuren vergeblich. Während Eric Bana («Hulk», «München») seiner eindimensionalen Rolle als Hannas Vater und kampferprobter Ex-Geheimagent zumindest noch einen gewissen Charme verleihen kann, bleibt die eigentlich so begabte Cate Blanchett («Elizabeth», «Der Herr der Ringe») als Oberbösewicht ähnlich blass wie in ihrer ebenso lächerlichen Rolle in «Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels» (2008). Dass die von ihr verkörperte Marissa Wiegler darüber hinaus aus nicht näher erläuterten Gründen irgendwie stets zu wissen scheint, wo sich die von ihr Gejagten gerade aufhalten, macht die ganze Sache auch keineswegs besser, sondern noch viel nervtötender.

Generell sind es in «Wer ist Hanna?» vor allem die Bösewichte, die sich aus plumpen Stereotypen zusammensetzen Da dürfen natürlich auch finster dreinblickende Neonazi-Handlanger nicht fehlen, immerhin spielt der Thriller zu großen Teilen in Deutschland. Einzig die Protagonistin Hanna darf unter all diesen flachen Charakteren zum Glück ein wenig mehr Facetten zeigen, was besonders in ihrer unbeholfenen Erkundung einer ihr völlig fremden Welt deutlich wird. Saoirse Ronan schafft es dabei, spielend und glaubwürdig zwischen Neugier, Angst und eiskaltem Killermodus hin- und herzuschalten und somit der wunderlichen Hanna Leben einzuhauchen. Doch den Film kann sie im Alleingang damit trotzdem nicht mehr retten.

Wirklich langweilig ist «Wer ist Hanna?» dabei eigentlich nur selten, weiß Joe Wrights straffer Regiestil doch gegen allzu große Längen gekonnt anzukämpfen. Das macht den Thriller jedoch bei weitem noch nicht zu einem sehenswerten Film. Vielmehr handelt es sich bei ihm um ein unter enormen Plausibilitätsmangeln leidendes und somit zunehmend absurdere Ausmaße annehmendes Machwerk, das seinen unzweifelhaften "Höhepunkt" in der haarsträubenden und wenig originellen finalen Wendung erfährt. Vor allem auch angesichts der verheizten guten Darsteller fällt das Endergebnis schließlich besonders ärgerlich aus. Bleibt nur zu hoffen, dass Saoirse Ronan in Zukunft Besseres mit ihrem Talent anzufangen weiß.

«Wer ist Hanna?» ist seit dem 26. Mai in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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