Die Kino-Kritiker

«Konferenz der Tiere»

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Mit «Konferenz der Tiere» erfährt Kästners Kinderbuch eine schale und langatmige 3D-Neuauflage.

Erich Kästners Kinderbuchklassiker «Die Konferenz der Tiere» fand bereits 1969 den Weg in die deutschen Kinos. Optisch ist der unabhängig produzierte Zeichentrickfilm von Curt Linda alles andere als gut gealtert, und in der Welt des Films benötigt es bekanntermaßen schon weniger, um eine Neuverfilmung zu rechtfertigen. Nun nahmen sich also Reinhard Klooss und Holger Tappe, die schon das «Urmel aus dem Eis» gleich zweimal als Computeranimation neu verpackten, Kästners satirischer Fabel an, um sie als 3D-Film einer neuen Generation von Kindern nahe zu bringen.
Die 3D-Effekte sind nicht das einzige Gimmick dieser sehr freien Neuinterpretation: Mit Ralf Schmitz, Christoph Maria Herbst, Bastian Pastewka, Oliver Kalkofe und Thomas Fritsch holte man sich namhafte Sprecher ans Mikrofon, um die grüne Botschaft des Films zu vermitteln. „Grüne Botschaft?“, werden jetzt Kenner der Vorlage fragen. Ja, grüne Botschaft. Denn Kästners gesellschaftskritischer Aufruf zum Pazifismus wurde, der aktuellen politischen Agenda gemäß, in eine Naturschutzmoral umgebogen. Das ist angesichts derzeitiger Diskussionen berechtigt, wurde aber äußerst lasch und moralsauer umgesetzt.

Eine Klimakonferenz nach der anderen versagt. Die Politiker der Welt tagen seelenruhig an den exotischsten Orten, während Eisbärdame Sushi das Eis unter den Pfoten davonschmilzt. Im australischen Outback dagegen löst ein unbedachter Motorradfahrer ein Buschfeuer aus und ein versoffener Kapitän setzt irgendwo im Meer seinen Öltanker gegen ein Riff. In der afrikanischen Savanne warten derweil das Spaß liebende Erdmännchen Billy und sein bester Freund Sokrates auf das Wasser, das üblicherweise längst ins Tal hätte fließen müssen. Um seiner Familie endlich zu beweisen, dass er Verantwortung tragen kann, macht sich Billy auf die Suche nach dem Verbleib des Wassers. Dabei begegnet er mehreren aus ihrer Heimat geflohenen Tieren, darunter dem gallischen Hahn Charles, der bereit für einen Kampf gegen die Menschen wäre. Wie sich herausstellt, hält ein gewaltiger Staudamm das von Billy ersehnte Wasser zurück. Der reiche Hotelier Smith braucht all dieses Wasser für sein protziges Luxushotel. Die Tiere berufen einen Kriegsrat ein und planen, sich das Wasser zurückzuholen.

Bis die Geschichte bei ihrem eigentlichen Kernpunkt angelangt, vergeht aufgrund der umständlich verfassten Exposition jede Menge Zeit. Alle handlungstragenden Tiere müssen erst mühevoll eingeführt und in die Wüste verfrachtet werden. Wie sich das Känguru, der tasmanische Teufel, die Eisbärin, der französische Gockel und die Schildkröten unterwegs treffen, wird bestenfalls angerissen und strapaziert den Zufallsfaktor enorm. Das wird das sehr junge Zielpublikum von «Konferenz der Tiere» nicht weiter stören, dafür wird das vorhergehende Hin und Her die Kinder umso mehr aufreiben. Die Figureneinführung geht so langsam und spannungsarm von statten, dass ungeduldiges Quengeln garantiert sein dürfte. Wenn die Figuren endlich zusammengetrommelt sind, teilt sich die Gruppe direkt wieder auf und einige der tierischen Helden werden für den Rest des Films zu Statisten degradiert. Von vorne bis hinten durchdacht wirkt das nicht, und es ist auch nicht so, als lege «Konferenz der Tiere» nach seinem schwerfälligen Start zu. Im Hotelkomplex angekommen ist der Slapstick treffsicherer, doch die dort behandelte Umweltthematik wird äußerst trocken und plakativ vermittelt, was den Kindern zwischen den Scherzeinlagen das Filmvergnügen verhagelt. Für Erwachsene dagegen ist «Konferenz der Tiere» in seinen ernsten Momenten viel zu dünn und in den kurzweilig gedachten Passagen zu banal. Durch die ungezählten Änderungen gegenüber dem Original eignet sich «Konferenz der Tiere» nicht einmal als nostalgischer Kinoausflug, um die eigene Kindheit wiederzubeleben.

Die Promi-Besetzung von «Konferenz der Tiere» ist ein qualitativer Gemischtwarenladen. Während Oliver Kalkofe als sich den Konsequenzen seines Handelns unbewusster Geschäftsmann eine solide Leistung absolviert, genauso wie Thomas Fritsch als vegetarischer Löwe, verstärkt ein quiekender Ralf Schmitz die nervige Wirkung des als Hauptfigur dieses Stücks fehlbesetzten, dusseligen Erdmännchens Billy. Auch Christoph Maria Herbst tut mit ungewohnt hölzernem Spiel seinem unpointiert geschriebenen prahlerischen Kriegsgockel keinen Gefallen. Die Besetzung von Bastian Pastewka in der Rolle der schlecht frisierten Elefantenkuh Angie, die sich zunächst ungelenk als Anführerin der Tiere versucht, ist wiederum der intelligenteste Witz, mit dem Klooss und Tappe aufwarten können.

Technisch haben sich die Animatoren hinter «Konferenz der Tiere» redlich Mühe gegeben. Das Design der Menschen ist zwar völlig ideenlos, aber die tierischen Darsteller sind in Anbetracht des Budgets ausdrucksstark. Selbstverständlich kann sich diese Produktion nicht mit den Animations-Platzhirschen Dreamworks, Disney oder Pixar messen, technisch siedelt man sich aber ungefähr auf dem Niveau des ersten «Ice Age» an, was ja wirklich ansehnlich ist. Die 3D-Illusion wird eindrucksvoll genutzt, wer aber die gesamte Leinwand inspiziert, wird zeitweise völlig verwaschene Hintergründe entdecken. Vermutlich kam der Kinostart schneller, als den Filmemachern lieb war.

Über optische Schnitzer ließe sich ja auch hinwegsehen, hätten sich die Autoren mehr Zeit gelassen, eine durchweg unterhaltsame Modernisierung Kästners’ Kinderbuch zu schaffen, die auch dem Anspruch der Vorlage gerecht wird. Stattdessen gibt’s kopflose Albernheiten, sehr viel Leerlauf und eine plakative Moral, die nichts von Kästners Eindringlichkeit beibehielt. Wenigstens dürfte der Film Eltern und Kinder gleichermaßen langweilen, dann gibt’s keine Meinungsverschiedenheiten, die es auf der Heimfahrt auszudiskutieren gilt.

«Konferenz der Tiere» ist ab dem 7. Oktober in vielen deutschen Kinos zu sehen.

Kurz-URL: qmde.de/44986
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