Hingeschaut

«Süchtig»: 'Ein Tag nach dem anderen'

von
Therapeut Christoph Heck versucht, Abhängige von ihrer Sucht loszusagen. Ein Review der ersten Episode.

Sein Name ist Ralf Ruck und er ist süchtig. Ist er zu hören – der optimistische Chor, der dem entmutigten Suchtopfer vereint antwortet? Offensichtlich nicht. Lediglich 1,86 Millionen 14- bis 49-Jährige fanden Gefallen an «Süchtig», der neuen RTL-Doku-Soap, die am gestrigen Mittwochabend über die deutschen Fernsehschirme flimmerte. Mit den unterdurchschnittlichen 14,8 Prozent Marktanteil stand man zudem im Schatten des Lead-Ins: Das «Katia Saalfrank Spezial» überzeugte im Vorfeld immerhin 16,7 Prozent der Zielgruppe. Zahlen, die für andere Sender einen ungetrübten Triumph darstellen würden, bereiten den Kölnern keinerlei Grund zu Freude. So scheiterten auf diesem Sendeplatz in der jüngsten Vergangenheit bereits die Formate «Teenager außer Kontrolle» und «Nachbarschaftsstreit» am Senderschnitt. Aus Sicht der Einschaltquoten war der Auftakt also kein Erfolg – inhaltlich ist Qualität aber zweifellos vorhanden, ganz zu schweigen vom noch schlummernden Potential der Produktion.

Ein Problem unter dem die Reichweite des Neustarts mit Sicherheit zu leiden hatte, ist das fehlende Vertrauen des Publikums. Nach dem kürzlich enthüllten Betrug innerhalb Tine Wittlers Sendung «Unterm Hammer», sieht man sich schlicht gezwungen, das angebotene Material in Frage zu stellen. In Bezug auf «Süchtig» keimte der Zweifel primär zu Beginn der ersten Episode auf. Zu verdanken hat man das selbstverständlich dem Prinzip der Doku-Soap selbst. Ständig wird ein und dieselbe Szene wiederholt, im Zeitraffer oder mit Lichtgeschwindigkeit. Dabei handelt es sich zweifellos um vorsätzlich aufgezeichnete Sequenzen, die anschließend mit dem Voice-Over untermalt werden und dem Zuschauer einen Überblick der Szenerie verschaffen sollen. Schön und gut, schließlich ist es genau das, was man von diesem Genre erwartet. Doch distanziert man sich vorübergehend von seiner Funktion als Beobachter und betrachtet «Süchtig» als fiktive Serienunterhaltung, wird der unmerkliche Aufbau schnell deutlich und das große Ganze weitaus interessanter.

Ralf Ruck hat 49 Jahre hinter sich gebracht. An den Großteil derer kann er sich vermutlich kaum erinnern, ertränkt er sein Dasein doch seit der Jugend in Alkohol. Fünfzehn Flaschen sind es inzwischen, die Ralf täglich konsumiert. Seine geliebte Frau Sabine hat nach vergeblichen Versuchen, ihn zur Entgiftung zu überreden das Handtuch geworfen und baut sich nun ihr eigenes Leben auf. Bis hierhin und nicht weiter. Man ist ins Bild gesetzt und zumindest nicht widerstrebend. Dann werden gekonnt die Brotkrümel gestreut: Erstens sieht Sabine tatsächlich eine reelle Chance, es erneut mit Ralf zu versuchen – geschieden haben sich die beiden glücklicherweise nie. Zweitens stellt Ralfs Stiefsohn Michel, der einst selbst drogenabhängig war, dem guten Mann einen Enkel in Aussicht. Und hier haben die Verantwortlichen sowohl Ralf, als auch das Auditorium an der Angel. Mit diesem Protagonisten und seiner wenig strapazierenden, aber ansprechenden Story hat man definitiv die richtige Wahl für eine Pilotfolge getroffen.

Wirklich sehenswert wird «Süchtig» aber erst im Folgenden dank Dr. Christoph Heck, der mit seiner waschechten Relevanz auch 87 Katia Saalfranks in die Tasche stecken könnte. Das größte Charisma hat Heck sicherlich nicht, aber er ist von Anfang an sympathisch und, - was viel wichtiger ist-, er macht Ralf sympathischer. Während er den Patienten eigenhängig animiert, wertet er ihn auf. Sei es in den Gesprächen oder den Erklärungen, die an das Publikum gerichtet sind. Heck weiß wovon er redet und wie er den Zuseher auf seine Seite sowie die des jeweiligen Subjets zieht. Keine stillen Treppen und keine Haushaltslisten, sondern fachbezogene Analyse. Ralf ist abhängig von Alkohol, aber auch Sabine, weshalb diese mit ihrer Aussage, er müsse die Heilung von sich aus befürworten völlig Recht hat.

In Zukunft, insofern das Format denn eine Zukunft hat, müssten nur noch einige Schwachstellen ausgeräumt und das attraktivste Element der Sendung bestärkt werden. Letzteres ist das gemeinsame Wirken von Heck und seinem Patienten. Das Einkaufen, der Museumsbesuch und das Aufsuchen der Gemeinde – ohne Voice-Over und theatralische Zwischenschnitte funktioniert «Süchtig» am besten. Auch wenn das Ende sehr gelungen war und man auf ein glaubhaftes, ehrliches Treffen zwischen Ralf und Sabine gesetzt hat, wäre eine längerfristige Lösung wie so oft wünschenswert. Eine Abschlussepisode beispielsweise, in der Heck die behandelten Personen erneut aufsucht und einen möglichen Rückfall kontrolliert – nicht zuletzt ein Anreiz auch nächste Woche wieder einzuschalten. Gänzlich ausgereift ist das Produkt also nich nicht, mit Heck und weiterhin ertragreichen Fällen dürfte man allerdings auch künftig unterhalten. Glückt es bei RTL nicht, sollte ProSieben «Süchtig» übernehmen, leicht kürzen und am Nachmittag einsetzen. Nach «Emma bloggt» kann es damit nur aufwärts gehen.

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