Hingeschaut

Much show, no blow

von
Enttäuschender Start der ZDF Politsatire «heute-show» als weekly. Ein Gastkommentar von Uwe Walter, der als Berater für verschiedene Sender und Formate arbeitet.

Im Anschluss an das «heute-Journal» startete am Freitag um 22.30 Uhr die erste Ausgabe der wöchentlichen «heute-show» im ZDF. Es ist eine Politsatire nach dem Vorbild der «Daily Show mit Jon Stewart» vom amerikanischen Comedy Central Channel. Der Titel «heute-show» wird als Brand Extension von der «heute»-Sendung abgeleitet – die neue Show soll von der etablierten Marke profitieren, was aber auch einschränken kann.

Der deutsche Anchorman Oliver Welke führt wie sein amerikanisches Vorbild in Anzug und Krawatte durch die Sendung. Er moderiert frontal in die Kamera, unterstützt von kurzen TV-Ausschnitten, die er satirisch parodiert. Ihm steht ein Team von Fake-Korrespondenten, Fake-Co-Moderatoren, Fake-Experten und Fake-Kommentatoren zur Seite. Vermutlich sollen zukünftig auch Politiker oder Experten als Gäste eingeladen werden.

Die Sendung hatte eine Länge von 31 Minuten und 56 Sekunden, produziert von der Kölner Prime Production. Das Studio stammt vom hochkarätigen Productiondesigner Florian Wieder («Deutschland sucht den Superstar»), die Grafikanimation von Marcel Behnkes Team.

Die erste Folge behandelte vier Hauptpunkte:
1. Angies Führungsstil
2. Muttis liberale Jungs
3. Flugsicherheit – All you can scan
4. Neues vom Hindukusch.

Sie entstammen der speziellen Themenwelt von «heute» und anderen Nachrichtensendungen. Einmal mehr schreibt also das Fernsehen beim Fernsehen ab, anstatt im echten Leben zu recherchieren.

In Form eines Rückblicks greift die Sendung die bundesdeutschen Politikgeschehnisse der Woche auf. Mit der Show betritt das ZDF Comedy-Neuland und erweitert den Markenkern des Senders. Doch kann eine solche Sendung neben Programmen wie dem «Fernsehgarten», dem «Traumschiff», «Wetten, dass..?» und «Frontal 21» gelingen? Wie verhält sich diese Neuerung zu dem positivistischen Weltbild, für das der Bürger sein ZDF liebt? Ist es nicht eher schwierig, entlarvende Satire in dieses Umfeld einzubetten? Es ist bekannt, dass Parteien und Verbände den staatstragenden Sender fortwährend beaufsichtigen. Die Erinnerung an den immensen politischen Druck, den das ZDF bei der Personalie Nikolaus Brender zu spüren bekam, ist noch frisch. Da stellt sich doch die Frage, ob Satire unter diesen Bedingungen gewünscht oder überhaupt möglich ist.

Der Themenmarkt der «Heute show» könnte so spannend sein: Eine Weltwirtschaft in Depression. Ein aufgeblähtes Konsum- und Kreditsystem, das bei aller Notwendigkeit auch eine Sinnfrage auslöst. Zur Neige gehende Ressourcen und die globale Vernetzung durch das Internet. Unser Leben wird dramatisch komplexer, aggressiver, schnelllebiger. DAS sind die Themen, die uns wirklich interessieren – und nicht die Veräppelung inszenierter Politikerstatements vor Pressekameras. Doch die Comedy-Autoren der «heute show» arbeiten sich unter der Führung von Morten Kühne und David Flesch jede Woche durch Schnipsel von O-Tönen und Absurditäten, um diese dann zu überhöhen, zuzuspitzen oder zu ironisieren. Dazu kommt erschwerend, dass die Themen nicht vollständig erzählt, sondern für die Pointe nach Belieben vereinfacht werden. So wird das Cliché per Bestellung zur EU Satire. Wiedergekäut ohne Mehrwert, das ist weder lehrreich noch unterhaltsam.

Anstatt Hohn und Zynismus braucht Deutschland eine Offenheit zu lernen und sich konsequent weiter zu entwickeln. Dazu gehört auch die satirische Auseinandersetzung mit Armut, Überschuldung, Politik- und Werteverfall sowie der Bedrohung unserer Umwelt. Dann wirkt entlarvende Überhöhung als Stilmittel, das diesen wichtigen Themen Tiefe und Wertschätzung verleiht. Dann erfährt der Zuschauer eine aristotelisch läuternde Katharsis, kann Lernen und Lachen.

Liebe Macher, bitte setzt euch mit den wirklichen Problemen auseinander. Recherchiert, seid vorurteilsfrei und authentisch. Zeigt Mut und Mitgefühl, Lebensnähe und Menschenkenntnis. Erzählt echte Geschichten, denn in diesen Zeiten sind menschliche Wärme und Selbstironie à la Horst Schlämmer die Voraussetzung zum Überleben. Zeigt uns eure Ideale – und wie weit wir in Deutschland davon entfernt sind. Kämpft im Sinne des Comedy-Altmeisters John Vorhaus um Erkenntnis: „Comedy is truth and pain.“ Eure Zuschauer möchten von ihrem alten Traumschiff ZDF nicht gezeigt bekommen, dass im Bundestag nur Schießbudenfiguren sitzen, die stammeln, keine Ahnung haben und denen ihr despektierliche Spitznamen gebt. Wir erwarten von euch eine echte Auseinandersetzung mit der politischen Kompetenz in unserem Land. Zeigt uns unsere Themen, feingeschliffen durch euer journalistisches Talent. Begeistert uns, damit wir wieder einschalten wollen.

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