Schlüter sieht's

«Schlüter sieht's»: Die deutsche Serie im OP

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Der deutschen Serie geht es schlecht: Nach «Klinik am Alex» scheint alles noch schlimmer als zuvor.

Mit der schnellen Absetzung des Sat.1-Programms «Klinik am Alex» beginnt in diesen Tagen abermals eine Diskussion über die Lage der deutschen Serie. Die Diskussion ist berechtigt, schließlich produzierten die hiesigen Privatsender in den vergangenen Monaten und Jahren so viele Serienflops wie selten zuvor. Bei all den schlechten bisherigen Erfahrungen und den ausrechenbaren Quoten war es, gelinde gesagt, sehr ungewöhnlich, dass Sat.1 von seiner neuen Arztserie «Klinik am Alex» gleich 27 Folgen zur Produktion in Auftrag gegeben hat, weil man vom Erfolg überzeugt war. Nun ist allerdings nach schon fünf Folgen (die letzte wurde am Donnerstag ausgestrahlt) eine vorzeitige Absetzung beschlossen – kein Wunder, bei Zielgruppen-Marktanteilen, die zuletzt fast nur noch die Hälfte des Senderschnitts erreichten. Wie soll es mit der deutschen Serie weitergehen?

Bei einer solchen Diskussion bewegen wir uns auf einem Niveau, bei dem wir natürlich nicht über die täglichen Soaps oder Telenovelas reden, die weiterhin erfolgreich sind. Und auch nicht über die zahlreichen Vorabend- und Abendserien im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Hier geht es um die Königsdisziplin der TV-Landschaft – die moderne Dramaserie. Und da hat die deutsche Produzenten- und Autorenlandschaft anscheinend versagt, denn neben «Alarm für Cobra 11» und dem quotenmäßig noch akzeptablen «Doctor's Diary» hat jede neue deutsche Serie solch schlechte Zuschauerzahlen eingefahren, dass eine Fortführung in keiner Weise mehr zu rechtfertigen wäre. Kein Wunder: Eine eigens produzierte Serienfolge kostet ein Vielfaches als aus den USA eingekaufte Lizenzware. Demnach ist zu fragen, warum die Senderchefs aktuell immer noch versuchen, mit deutschen Serien zu punkten, wo doch Woche für Woche der Beweis angetreten wird, dass die deutschen modernen Serien auf den Privatsendern in dieser Form niemanden interessieren.

Gerne wird die Schuld für den nächsten Flop auf den Zuschauer geschoben. Doch ist es diesem zu verübeln? Wenn er sich zwischen spektakulären Krimiplots mit beeindruckenden Aufnahmen und millionenschweren Darstellern beispielsweise bei «CSI: Miami» und einer Krankenhausserie wie «Klinik am Alex», deren realistische Darstellungen von OP-Szenen den Zuschauer beeindrucken sollen, entscheiden kann, dann wird er sicherlich ersteres wählen – schon erst recht, wenn man «Grey's Anatomy» und «Klinik am Alex» vergleicht. Das soll generell heißen, dass die deutschen Produzenten nicht versuchen dürfen, auch nur im Ansatz US-Erfolgsserien nachzumachen oder auf einen aktuellen Trend aufzuspringen. In jeder Hinsicht wirkt aktuell die deutsche Serie gegenüber ihren US-Pendants lächerlich, weil letztere eben Millionenbudgets zur Verfügung haben. Und da die US-Serien weltweit verkauft werden, können sie auch teurer produziert werden. Ein Teufelskreis für die deutsche Serie, der in den vergangenen Jahren immer offensichtlicher wurde und aus dem wohl kein Ausweg herausführt.

Um den Zuschauer zu erreichen, müssten die Serienmacher etwas völlig Neues ausprobieren, was die US-Programme bisher nicht bieten – komplett neue Geschichten mit ungewöhnlichen Charakteren abseits der bekannten Genres, neue Sendezeiten oder Folgenlängen, Lokalkolorit und möglicherweise eine Prise Ironie. Und hier sind wir wieder beim Stichwort Innovation, das in der Branche in diesen Jahren nicht gerne gehört wird. Aber spielt man nicht auf Risiko, kann man aktuell gegen die US-Übermacht nicht gewinnen. Folgerichtig wird es in den nächsten Monaten und vielleicht Jahren nur wenig Erfolgreiches aus der deutschen Serienlandschaft geben, weil seitens der Privatsender kein Risiko eingegangen wird. Mehr Aussicht auf Erfolg als 27 Folgen Berliner Krankenhaus hätte solch ein Wagnis aber allemal.

Jan Schlüters Branchenkommentar beleuchtet das TV-Business von einer etwas anderen Seite und gibt ein paar neue Denkanstöße, um die Fernsehwelt ein wenig klarer zu sehen. Eine neue Ausgabe gibt es jeden Freitag nur auf Quotenmeter.de.

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