Popcorn & Rollenwechsel

Abspann

von   |  1 Kommentar

Die Musik steigert ihre Intensität und Lautstärke. Wir wissen, dass es zu Ende geht. Ein letzter Satz, ein letzter Blick, eine letzte Geste der Figur, mit der wir aus der Geschichte aussteigen. Schnitt. Abspann.

Seite 2
Aufblende.

Hach. Diese Reihe. Diese verfluchte Reihe voller mieser, fieser Piraten. Sie liegt mir mehr am Herzen als jede andere Filmreihe, komme da Ebbe, Windflaute, Sturm, Malstrom oder eine Zerteilung des Ozeans, die eine tiefe Furche bis an den Meeresgrund hinterlässt. Die Gründe dafür zu erläutern, das würde gar ewig dauern, bedenkt man, wie viele Bits und Bytes ich hier im Internet nun schon allein dafür in Beschlag genommen habe, um zu imitieren, um zu signalisieren, um zu verbalisieren, wie sehr mich diese Augenblicke mitnehmen, in denen die ersten drei Teile ihre Kernerzählung beenden, um den Abspann beginnen zu lassen.

Und auch wenn die anderen bislang veröffentlichten Teile ebenfalls gute "Rausschmeißer" haben … Ein pointiertes, freudetrunkenes Zähnegrinsen mit verspielt zuckenden Augenbrauen in Großaufnahme. Eine konventionelle Happy-End-Abwandlung des Endes von Teil drei, die jedoch rund strukturiert auf ein herzzusammensetzendes Wiedersehen folgt … So wird doch klar: Dieses unverwechselbare Gespür für ein prononciertes Einsetzen des Abspanns, das ist nicht etwa das cineastische Geburtsrecht bestimmter Filmsagen. Sondern eine künstlerische Sensibilität, ein handschriftlicher Zug und eine audiovisuell-erzählerische Vorliebe, die man halt hat und auslebt, oder eben nicht. Weshalb es nicht verwundert, dass bestimmte Regietalente wiederholt solche grandiosen "Rausschmeißer" kreieren.

Christopher Nolan beispielsweise. Unvergessen bleibt es, wie ich im Kino sitze. In der Vorpremiere. Auf die Riesenleinwand starrend. Spürend, wie alle um mich herum von Gary Oldmans Rede an den Rand des Kinosessels gezogen werden, umhüllt von den zerbrechlich-widersprüchlichen, intensiven Gefühlen, die James Newton Howard und Hans Zimmer mit ihrer Musik auslösen. Und dann, als Batman in die Ferne düst, Gary Oldman den Filmtitel rezitiert, die volle Kraft des Score entfesselt wird und in exakt der richtigen Millisekunde die Einblendung erscheint: «The Dark Knight»! Gleißendweiß auf Nachtschwarz! Große Filmmagie, unterstrichen durch das Wissen, wann exakt der richtige Augenblick angelangt ist, das Ende bekannt zu geben.

Oder «Inception». Oh, «Inception». Nolan und Zimmer, ihr vermaledeiten Füchse, wie ihr uns rauslockt, nach vorne lehnend, beobachtend, beobachtend, den Atem anhaltend, in Gedanken auf die Leinwand einredend, dass sie nun den Akt der Gravitation zeigen soll, nach dem wir uns sehnen. Das emotional aufgeladene musikalische Leitthema hat uns am Schlafittchen. Einschneidend hoher, schriller Klang. Schnitt. Stille. Schwarz. Filmtitel. Anderes Leitthema. Ein Saal voller Menschen, die in den verschiedensten Interjektionen damit ringen, was in ihrem Herzen gerade vorgeht.

Doch all meinen bisherigen Beispielen zum Trotz, so ist es nicht den Blockbustern vorbehalten, mit einem wuchtigen "Rausschmeißer" zu enden. Auch Regisseure, die mit weitaus weniger Geld hantieren als die Verantwortlichen von filmischen Mammutprojekten, vermögen es, dem Publikum den Abspann mit einer derartigen Wucht ins Gesicht zu schleudern, dass dieser Sekundenbruchteil allein schon große Kunst ist. Eine große Kunst, die rückwirkend das bereits Gezeigte emporhebt, so wie ein Tusch im richtigen Moment nicht nur wachrüttelt, sondern die Erinnerungen an das Davor neu ordnet – griffiger, findiger. Wie das Spiegelbild eines formidablen Auftakts, der Erwartungen schürt und Neugier weckt. Solch ein prägnanter Abspannbeginn bestätigt die positiven Wahrnehmungen, intensiviert die Glanzmomente, ist die schnitttechnische Anleitung dazu, die zuvor gesammelten Eindrücke nun destilliert erneut in uns aufzunehmen, statt den Film verdunsten zu lassen. Dänemarks Enfant terrible Lars von Trier ist beispielsweise ganz groß darin. Kein Wunder – "dem Publikum ins Gesicht schleudern" ist seit jeher zu etwa 70 Prozent sein Modus Operandi.

Orgelmusik. Ein Splitscreen teilt das Bild in drei gleichgroße Teile.

Wir erleben einen Cantus firmus. Unsere Protagonistin lässt sich verwöhnen, liebkosen und leidenschaftlich dominieren, während wohlig wogend im Dreiklang Bach georgelt wird und gelegentliche Aufnahmen aus Fauna, Kunst und Kirche vertiefende Assoziationen zu den erotischen Eskapaden der jungen Frau wecken. Abrupt springt mit einem tosend-eiskalten Klang die Play-Taste des Kassettendecks hervor und die Musik stoppt. Das angestrengte, energische Stöhnen ihres Lovers hallt unerwidert durch den Raum, während sie unfokussiert, mit müde-regungslosem Blick ins Leere starrt. Er fragt sie, was los sei, woraufhin sie sich wie gelähmt ihm zudreht, ihm einen verstörten, schlaffen Kuss gibt und ihre Gesichtsregung zerfällt: "Ich kann nichts fühlen", ächzt sie. Er richtet ihren Kopf mit liebenden, firmen Händen auf, sie schaut ihn kränklich-ratlos an. "Ich kann nichts fühlen", statuiert sie. Die Protagonistin schüttelt ihren Kopf, die Feststellung sackt, sie seufzt entgeistert: "Ich kann nichts fühlen." Das Bild blendet langsam auf Schwarz, als er sie mit Nachdruck küsst und sein Körper wieder zu stoßen beginnt. Vollkommen verzweifelt seufzt, keucht, jammert, wimmert sie: "Ich kann nichts fühlen!" Ein kümmerliches Atmen erklingt, nun, da die Leinwand vollkommen in Schwarz getaucht ist.

WUMMS! Mit dröhnender Lautstärke bummsen die Drums, metallenen Girattenklänge und der schwere Bass Rammsteins in unsere Ohren, als der Filmtitel eingeblendet wird und der Hinweis, dass Teil eins von «Nymph()maniac» beendet ist. In vollkommener Fernsehhaftigkeit peitscht Lars von Trier einen Cliffhanger in sein fieskomisches, explizites Sexdrama. Ungläubiges Lachen im Kinosaal mischt sich mit Gänsehaut und schneidender, empathischer Sorge um die junge, zierliche Nymphomanin. Wird sie wieder etwas fühlen können? Bitte, bitte lasst sie wieder etwas fühlen – ihr dauerhaft das zu nehmen, was sie erfüllt, wäre nach diesen zwei Stunden des Sympathieaufbaus selbst für einen von Trier zu harsch und herzlos. So geht ein Drama-"Rausschmeißer". Ist das feist, tolldreist und effekthaschend? Ja. Aber es ist auch fucking Trier!

Schnitt.

Nach langen, zehrenden, wortkargen, hochsymbolischen, desolaten Minuten endet der Film hoffnungslos und abrupt. Wie beendet Lars von Trier sein Epos der Unmenschlichkeit? Mit einem Abspann, durch den ein beschwingter Klassiker des R&B swingt, die Titelfigur beim Namen nennend und auffordernd, sich sonst wo hin zu scheren. Verwirrung im Saal. Ein großer Teil des Festivalpublikums schaut weiterhin entgeistert zur Leinwand, als würde das die vielen fiktiven Tode der vergangenen Stunden rückgängig machen. Ich dagegen strahle, werfe mich glücklich im Kinosessel zurück und applaudiere schalllos, um meiner aus mir platzenden Freude Ausdruck zu verleihen, ohne jene zu stören, die verstört sind. Es ist ein fantastischer Abspann, die grandiose Meisterpointe in einem urkomischen Film voller starker Pointen. Wenn man denn auf derselben Comedyfrequenz liegt wie der umstrittene Regisseur.

Womit ich hier endlich konkret einen Abspann lobend herausstelle. Denn für eine Abspann-Kolumne enthält das hier doch unfassbar viele Absätze über die Sekunden davor. Über die Hinleitung hin zum Abspann und deren Wirkung. Über den Bruchteil einer Sekunde, die für den Augenaufschlag nötig ist, in der das laufende Bild der ersten Texttafel des Abspanns weicht. Und dann all dieser Nachhall, der sich daraus ergibt und über den klanglich denkwürdig untermalten Abspann ergießt.

Doch wenn es furios gemacht ist, trifft es halt genau meinen Geschmack. Und Gore Verbinski ist ein Meister darin, meinen Geschmack zu treffen. Vor allem, jedoch nicht nur mit seiner piratigen Trilogie. All seine Filme reizen mich. Sein derzeit jüngster Film «A Cure for Wellness» läuft obendrein wundervoll spitz auf den Abspann zu. Der überarbeitete junge Mann lässt die brennende Bald-Ruine hinter sich, in der er gequält wurde. Er wird von seinem Ex-Chef angeraunzt und strampelt mit dem klapprigen Fahrrad ins Ungewisse davon. In die Freiheit, womöglich? Definitiv aber auf die Kamera hinzu. Benjamin Wallfisch lässt seine Streicher einen Akkord mit Tuschwirkung spielen, während sich das Gesicht des Protagonisten zur breit grinsenden Fratze verzieht. Schnitt auf Schwarz. Abspann. Die Musik bauscht sich neu auf, in Form eines tumultartigen, dramatischen, wahnhaften Walzers mit befreiender Konnotation.

Ich würde mitwalzern wollen. Doch ich muss das Thema wechseln. Ganz gleich, wie unschlagbar Gore in meinen Augen darin ist, in den Abspann überzuleiten. So sollte diese Abspann-Kolumne wenigstens noch ganz konkret auf einen Abspann eingehen. Und ich habe dafür genau den richtigen Kandidaten. Der steht völlig außer Frage. Seit Anbeginn meiner freiberuflichen Tätigkeit als Schreiberling gab es keinen neuen Abspann, der mir (frei davon, in welcher Filmmillisekunde genau er denn nun eingesetzt hat) so präsent in Erinnerung geblieben ist. Es ist ein überaus schön gestalteter, geradezu majestätischer Abspann, ein beneidenswert heldenhafter Abschluss.

Schnitt. Schwarzbild. Zeithüpfer.

Es ist der 23. April 2019. Mittag in Düsseldorf. Einen Tag vor Deutschlandstart von «Avengers || Endgame». Etwa ein Dutzend Stunden vor Ende des Embargos. Keiner der Anwesenden weiß, was geschehen wird. Ich sitze in einer der vordersten Reihen des größten, besten Saals des UFAs. Ganz gleich, was andere Stimmen später sagen sollten. Das ist Kino. Die vollen Soundmöglichkeiten der Lautsprecher belastende Action. Die riesige Leinwand bis ins kleinste Detail füllende Bilder. Und das erst im letzten Fünftel. Zuvor: Charaktergesteuerte, feinfühlige Momente der Verlustverarbeitung. Kreative, liebevolle, statt arrogant-kokettierende Momente der humorigen Selbstreferenz. Übermenschliche Figuren, die übermäßig menscheln. Und kleine Emotionen, ganz groß gemacht. Wer zu oberflächlich schaut, sieht darin Effekte und Überzeichnungen, die nichts mit sich bringen. Der geübte Blick sieht Bände, die dort gesprochen werden. Etwa wenn die verbissene Dauerversagerin einem großmauligen, somit seine Unsicherheit verbergenden Experiment mit dem Äußeren eines Waschbären tröstend die Hand reicht. Oder Stunden später im erfüllt tänzelnden, abschließenden Kuss zwischen dem, der sich stets beruflich verausgabte, und der, der er einen zwischenmenschlichen, privaten Gefallen schuldete. Und dann: Aus und vorbei. Der Abspann beginnt. Ich reflektiere die vergangenen Stunden.

Es ist eine Pressevorführung. Also einer dieser Kinobesuche, bei denen üblicherweise alle versuchen, mit ihren Emotionen hinter dem Berg zu halten. Aus falscher Scham. Aus Spießigkeit. Oder um der Konkurrenz nicht die Möglichkeit zu geben, einem in die Karten zu blicken. Und doch. «Avengers || Endgame» gelang es, die Anwesenden aus der Deckung zu locken. Noch bevor der Filmtitel eingeblendet wurde. Und es steigerte sich. Und es steigerte sich. Und es steigerte sich. Das ist die Kraft eines Langzeitprojekts, das ebenso sehr von langer Hand geplant war, wie es vermochte, behutsam auf den Publikumsgeschmack einzugehen und zu improvisieren. Der Saal riecht nach Tränen. Der Überwältigung. Der Rührung. Vor dem Erzählten. Vor dem geleisteten Geschick darin, all dies so einzufädeln, wie es eingefädelt wurde. Trotz aller nur erdenklicher Hinter-den-Kulissen-Hindernisse auf dem Weg bis hier hin.

Der Abspann lenkt meine Aufmerksamkeit wieder voll auf sich. Die Formalität der bis hier hin verzerrten Abspannbilder verändert sich, die bildlichen Erinnerungen an Bisher werden anders, prominenter eingesetzt. Die Musik eines auf Hochtouren laufenden Alan Silvestri steigert sich in mühevoll-berechtigt erarbeitetes Pathos. Eine Best-of-Montage erstrahlt, Jeremy Renners Silhouette wird von diesen Erinnerungen flankiert und ehrfürchtig in Szene gesetzt, ebenso wie seine Unterschrift. Und dann die von Scarlett Johansson. Und die von Mark Ruffalo. Chris Hemsworth. Die Musik nimmt förmlich erneut Anlauf. Für Chris Evans. Und für Robert Downey Junior. Tusch. Und um mich herum sind alle erneut von ihren Emotionen überwältigt.

Ich verspüre Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, das unvorbereitet, unvoreingenommen, ungespoilert, als Einer der Ersten erleben zu dürfen. Diesen Film, diesen Abschluss einer außergewöhnlichen Filmsaga. Und diese ungewöhnliche Situation: Ein Abspann ringt der Presse Tränen ab. Das ist die Macht des großen, überdimensional erzählten Kinos. Eine Macht, die ich mit meiner Kolumne niemals imitieren könnte. Geschweige denn rekreieren. Das müssen wir Filmkritisierenden einfach einsehen – auch der mit dem größten Herzblut verfasste Kommentar wird schwerlich an das heranreichen, was so manche Filmschaffende allein damit erreichen, dass Laufbänder oder Tafeln voller Namen und Berufe erscheinen. Aber ganz gleich, wie obskur die Ehrfurcht vor dem brillant eingeschobenen und klanglich exzellenten Abspann sein mag – ich kann ihm hier wenigstens huldigen. Und wenn es das Letzte ist, was ich an diesem digitalen Ort und an dieser unternehmerischen Stelle tue!

Schnitt. Schwarz. Stille.

Aufblende. Eine Schreibstube bei Nacht.

Die Abgabe naht. Der weiße Bildschirm starrt den Autor an. Fordernd. Das digitale Pendant zum blanken, letzten Absatz eines bereits beschrifteten Blattes Papier in der Schreibmaschine scheint zu wissen, was nun geschieht. Es sogar zu wollen.

Das Unvermeidliche hinauszögernd und zugleich neckisch das Beenden eines über zehn Jahre langen Kapitels zelebrierend, schmeißt der Autor die Soundboxen an. Verspielte Hans-Zimmer-Musik klimpert vor sich hin. In einer trunken-torkelnden Rhythmik erfüllt eine spitzbübische Melodie den Raum. Der Autor schüttet sich noch ein Glas ein und befeuchtet die Kehle, erfrischt den nächsten Schritt antizipierend. Er stellt sich vor den Laptop und fährt seine Zeigefinger aus. Der linke senkt sich tänzelnd hinab zur Feststelltaste. Die Musik nimmt eine selbstverliebte, bewusste Form der Anspannung ein. Die Erwartung auf den letzten Knall schürend, bevor die Szene gemeinsam mit der nächsten Handlung enden und Raum für das Danach machen kann. Auf dass der Score dann frei dreht. Frivol-selbstironisch verziehen sich die Mundwinkel des Autoren gen oben, als der rechte Zeigefinger nach unten schnellt. Der Autor hackt auf die Tastatur ein. Auf dem Bildschirm springt es auf. Sein letztes Zeichen.


vorherige Seite « » nächste Seite

Kurz-URL: qmde.de/121670
Finde ich...
super
schade
100 %
0 %
Teile ich auf...
Kontakt
vorheriger ArtikelNun doch: Der WDR bleibt dem «Zeitzeichen» treunächster ArtikelAusfall: 2020 entsteht keine «Helene Fischer Show»
Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Sentinel2003
11.10.2020 09:48 Uhr 1
Danke @sid für deine echt tollen Artikel in den letzten Jahren hier und deine Samstags- Kino Trailer!! Ich werde dich und Antje hier sehr vermissen!!



Alles Gute für Euch 2!!! Antje, die ja erst vor etwa 3 Jahren (??) hier angefangen hatte zu Schreiben, hat dieser Seite echt viel frischen Wind gegeben!
:relieved: :'( :worried:

Optionen

Drucken Merken Leserbrief


Werbung


E-Mail:

Quotenletter   Mo-Fr, 10 Uhr

Abendausgabe   Mo-Fr, 16 Uhr

Datenschutz-Info

Letzte Meldungen

Werbung

Mehr aus diesem Ressort


Jobs » Vollzeit, Teilzeit, Praktika


Surftipps

Richie McDonald verlässt Lonestar
Richie McDonald: Adieu Lonestar - Hallo The Frontmen of Country Richie McDonald und Lonestar gehen getrennte Wege, wie bereits zwischen 2007 und 20... » mehr

Werbung