Die Kritiker

«Mulan»: Zu schade für Disney+

von   |  5 Kommentare

Dramatisch, ruhig, hübsch anzuschauen: «Mulan» ist ein Remake, das im Kino mehr zu suchen gehabt hätte als so manches Neuaufgussprodukt der jüngeren Vergangenheit.

Filmfacts «Mulan»

  • Regie: Niki Caro
  • Produktion: Chris Bender, Tendo Nagenda, Jason T. Reed, Jake Weiner
  • Drehbuch: Rick Jaffa, Amanda Silver, Lauren Hynek, Elizabeth Martin
  • Cast: Liu Yifei, Donnie Yen, Jason Scott Lee, Yoson An, Gong Li, Jet Li
  • Musik: Harry Gregson-Williams
  • Kamera: Mandy Walker
  • Schnitt: David Coulson
  • Laufzeit: 115 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
1998 eroberte der Disney-Zeichentrickfilm «Mulan» die Welt – oder zumindest: Weite Teile der Welt. In China etwa ist die Adaption einer dort verorteten Volksballade meilenweit davon entfernt, auch nur annähernd als solch ein Animationsklassiker wahrgenommen zu werden wie hierzulande. Zu klischeehaft, zu überdreht und nicht mit dem Pathos versehen, das dem Stoff in den Augen vieler dortiger Filmfans zusteht.

Im Zuge der zunehmenden Bedeutung Chinas nicht nur in Hollywoods Gesamtstrategie, sondern auch der Disney-Konzernstrategie überraschte es also nicht, als es hieß, dass eine «Mulan»-Realverfilmung der Disney-Studios die Befindlichkeiten des chinesischen Massenpublikums stärker würdigen wird. Doch noch wichtiger ist: Wie sehr ist der neue «Mulan»-Film Disneys Produkt? Und wie sehr ist er Unterhaltungskunst, mit der sich Regisseurin Niki Caro («Whale Rider», «City of McFarland», «Die Frau des Zoodirektors») auszudrücken vermag?

Die Story


Der mächtige Kaiser von China (Jet Li) muss sein Land gegen Eindringlinge aus dem Norden beschützen und lässt daher Hunderte und Aberhunderte von Männern zum Armeedienst einziehen. Ein Mann aus jeder chinesischen Familie soll für ihn in den Kampf – darunter auch der Vater der jungen Mulan (Yifei Liu), Zhou Hua (Tzi Ma). Als alter, pflichtbewusster Veteran will er den Einberufungsbefehl selbst krank und arg geschwächt befolgen. Mulan ist sich jedoch sicher: Wenn er in den Krieg zieht, wird ihr Vater es nicht überleben.

Kurzerhand beschließt Mulan also, sich als Mann zu verkleiden und selbst in die Schlacht zu schreiten. Unter dem Namen Jun Hua begibt sich auf eine gefährliche Reise durch China, um sich dem Militär anzuschließen und unter Kommandant Tung (Donnie Yen) die knallharte Ausbildung zur Kriegerin, beziehungsweise zum Krieger, zu absolvieren. Doch sie hat es nicht nur mit dem Rest der Rekruten zu tun, sondern bald auch mit der dunklen Magie der Widersacher Chinas …

Die Ästhetik


Anders als das kaum Guy Ritchie spürbar machende «Aladdin»-Remake oder der rundum unnötige, geistlose Neuaufguss von «Der König der Löwen», ist «Mulan» ein Remake, dem anzumerken ist, wer es zu verantworten hat: Niki Caro setzt das Drehbuch von Rick Jaffa, Amanda Silver, Lauren Hynek und Elizabeth Martin mit ruhiger erzählerischer Hand und einer gewissen Galanz um. Auch der neue «Mulan»-Film Disneys bleibt ein Film für so ziemlich die ganze Familie, und so gibt es Slapstickeinlagen (etwa, wenn Mulan der Heiratsvermittlerin ihres Ortes begegnet) und für den schnellen, leichten Lacher kreierte Missverständnisse und Zwickmühlen, wenn Mulan allein unter Hunderten von Männern ist und ihr Geschlecht zu verbergen versucht.

Doch Caro sowie Cutter David Coulson lassen Szenen genügend Zeit, dass die Charakteristiken der Figuren sich zwischen den Zeilen entfalten können und eine Spur der Dramatik durch das Geschehen wabern kann. Caro inszeniert «Mulan» zudem als faszinierende Verschmelzung westlicher und chinesischer Filmsensibilitäten – die Dialoge verfolgen einen Duktus, der sich voll und ganz in einem US-Actiondrama mit einem Budget von (mindestens) 200 Millionen Dollar heimisch fühlt, aber die Gesetze der Physik beugen sich dem, was graziler, luftiger und näher an der "emotionalen Wahrheit" verortet ist. Wuxia lässt grüßen und mutmaßt, ob «Mulan» für viele Filmfans mit hollywoodzentrischer Filmdiät als Einstiegsdroge funktionieren wird.

Zudem vertiefen wortkarge Szenen, in denen sich der gleichermaßen verspielter wie emotionaler Score von Harry Gregson-Williams besonders entfaltet, die Charakterisierung der Titelheldin, die Liu Yifei überaus überzeugend spielt. Heimlicher Star des Films sind jedoch die schwelgerischen, bildhübschen Landschaftsaufnahmen und die filigran gestalteten Sets und Kostüme, die Kamerafrau Mandy Walker («Hidden Figures») geradezu verträumt einfängt. Schade, dass die CG-Tierchen so halbgar aus dieser Szenerie herausstechen.

Zwei vertane Chancen


Es ist umso mehr ein Jammer, dass Filmfans in nur wenigen Ländern die Gelegenheit haben werden, diese Bilder auf der Kinoleinwand zu sehen. «Mulan» hätte es verdient gehabt, im Kino ausgewertet zu werden – und die Kinos weltweit hätten es verdient gehabt, sich nicht nur mit Hilfe von «Tenet», sondern auch mit Hilfe von «Mulan» aufzurappeln. Und noch etwas ist bedauerlich: Dass «Mulan» kein starkes Signal aussenden kann.

«Mulan» ist ein Disney-Remake, wie es sein sollte. Es nimmt einen von Disney schon bearbeiteten Stoff, bei dem sich eine andere Erzählfarbe und Bild- sowie Klangästhetik anbietet, und interpretiert ihn mit einer eigenen Vision neu. Kein "Was, wenn «Der König der Löwen», nur in hässlich und mit gehemmten Emotionen?", kein "Was, wenn «Aladdin», nur mit manchen Szenen in ausgedehnt, und mit anderen Sequenzen ganz hektisch und lieblos?", anders gesagt: Kein seelenloses Produkt, das nur dazu dient, eine Filmmarke noch einmal zu bedienen. «Mulan» mag auch aufgrund unternehmensstrategischer Überlegungen entstanden sein – aber, um alle Träumenden kurz zu schocken: Jeder Film, der von einem Studio veröffentlicht, ist zu gewissem Grad auch eine unternehmensstrategische Überlegung. Es gibt Filme, die kaum darüber hinausreichen. Aber «Mulan» gehört nicht dazu.

Und ausgerechnet dieses Remake wird sich nun nicht in voller Gloria im Kino entfalten dürfen, weshalb das Publikum Disney nicht das Signal senden kann: "Ey, wir wollen nicht nur solche Remakes wie das von «Der König der Löwen»!" Es bleibt also zu befürchten, dass Disney falsche Lektionen aus einem schönen, vergleichsweise reifen Film ziehen wird …

«Mulan» ist gegen eine Extragebühr ab dem 4. September 2020 auf Disney+ abrufbar. Im Winter wird der Film regulär ins Disney+-Portfolio aufgenommen.

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Es gibt 5 Kommentare zum Artikel
Blue7
03.09.2020 18:15 Uhr 1
nicht bloß Winter, sondern ab 4. Dezember 2020

https://help.disneyplus.com/csp?id=csp_article_content&sys_kb_id=d2458adfdb921c50b1e6c28d139619bd



Keine 3 Monate. Da kann man auch noch für den Film warten.
Nr27
04.09.2020 18:46 Uhr 2
Dummerweise läuft mein kostenloser Probezeitraum Mitte November aus - das haben die doch extra so gemacht! :D
Flapwazzle
04.09.2020 19:38 Uhr 3
Mmmhhh...



Ich habe aktuell Netflix, Amazon Prime, Sky Ticket und belasse es auch erst einmal bei JOYN (da ich EVIL ganz gut finde). Da muss ich wohl bei Mulan warten, bis es mal irgendwer anderer anbietet. Es fehlt so oder so einfach die Zeit bei diesen ganzen Angeboten.
Friccs
07.09.2020 22:56 Uhr 4
Glaube da verpasst man auch nicht viel. Wenn man sich die Bewertungen anschaut, dann scheint der Film ein Riesenflop zu sein.
AlphaOrange
07.09.2020 23:37 Uhr 5

Das ist bei Disney-Filmen allerdings äußerst unwahrscheinlich, gelinde gesagt.

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