Die Kino-Kritiker

«The Vigil - Die Totenwache» - Horror im Judentum

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Ein junger Mann wird mit der unheimlichen Präsenz eines Dämonen konfrontiert – eigentlich nichts Neues in der Welt des Horrorfilms. Doch Regisseur Keith Thomas kombiniert in «The Vigil - Die Totenwache» diese abgegriffene Prämisse mit jüdischem Brauchtum.

«The Vigil - Die Totenwache»

  • Kinostart: 23. Juli 2020
  • FSK: 16
  • Laufzeit: 89 Min.
  • Genre: Horror
  • Kamera: Zach Kuperstein
  • Musik: Michael Yezerski
  • Buch und Regie: Keith Thomas
  • Darsteller: Dave Davis, Menashe Lustig, Malky Goldman, Lynn Cohen, Fred Melamed
  • OT: The Vigil (USA 2019)
Religiöses Brauchtum ist seit jeher ein wichtiger Bestandteil des Horrorkinos. Man erinnere sich nur an die unzähligen Filme über Exorzismen. Doch mit dem Katholizismus ist die Mannigfaltigkeit religiöser Schocker dann auch schon so gut wie beendet, sofern man von Filmen über obskure Riten noch viel obskurerer Sekten einmal absieht, die nur entfernt mit dem Oberthema „Weltreligionen“ zu tun haben. Dabei gibt es wohl in jeder von ihnen Sitten und Riten, die sich für das Genrekino entsprechend überhöhen ließen. Regisseur und Autor Keith Thomas wählte für sein Langfilmdebüt «The Vigil – Die Totenwache» den Chassidismus, eine streng orthodoxe Bewegung innerhalb des Judentums, um aus seiner Mitte heraus eine Gruselgeschichte zu erzählen, die sich aus der Tradition der gleichnamigen Ehrenbezeugung gegenüber Verstorbenen ableitet. Bei einer Totenwache bleibt der Verschiedene eine gewisse Zeit im Raum seines Ablebens liegen, ihm werden die Augen geschlossen und mittels einer Kerze wird die später über die Fenster entlassene Seele symbolisiert.

Hin und wieder wird der jüdische Begriff „Schiv’a“ übrigens ebenfalls mit Totenwache übersetzt. Dieser Begriff beschreibt allerdings die erst nach der Beisetzung beginnende Trauerwoche. „Nachts im Museum“-Regisseur Shawn Levy machte aus dieser Prämisse noch eine Tragikomödie («Sieben verdammt lange Tage»). Keith Thomas besinnt sich in «The Vigil» nun darauf, dass es schon ganz schön unheimlich sein kann, sich alleine mehrere Stunden mit einem Toten im selben Raum aufzuhalten. Erst recht, wenn es im Judentum einen Totengeist namens „Mazik“ gibt…



Das Grauen kommt in der Nacht


Der junge Yakov (Dave Davis) möchte die strenge chassidische Gemeinde in Brooklyn am liebsten verlassen, weil er seinen Glauben verloren hat. Da er dringend Geld braucht, stimmt er widerwillig dem Angebot des Rabbiners zu, die nächtliche Totenwache für ein verstorbenes Gemeindemitglied zu übernehmen. Kurz nach seiner Ankunft in dem baufälligen Haus wird Yakov klar, dass hier etwas sehr, sehr falsch läuft. Schon bald findet sich der junge Held in einem unheimlichen Albtraum wieder, der von einem furchteinflößenden Wesen orchestriert wird: Einem „Mazik“, wie im jüdischen Volksglauben jener Totengeist bezeichnet wird. In dieser Nacht des surrealen Schreckens muss sich Yakov nicht nur bösen Geistern, sondern auch den Dämonen seiner Vergangenheit stellen.

Der im Judentum existente Totengeist namens „Dibbuk“ (hier wird er als „Mazik“ bezeichnet, was im Anbetracht derselben beschriebenen Herkunft und Kräfte gleichbedeutend sein dürfte) taucht seit dem 16. Jahrhundert immer mal wieder in der Literatur auf. Im modernen Horrorkino gab es zuletzt vor allem zwei größerer Filme, die sich der Existenz des dämonenähnlichen Wesens annahmen: 2012 inszenierte Ole Bornedal den Dämonenschocker «Possession». 2015 reichte Marcin Wrona die polnisch-israelische Schauermär «Dibbuk – Eine Hochzeit in Polen» nach. Die Auswirkungen eines Dibbuk ähneln der Überlieferung nach denen einer klassischen Besessenheit, da sich die sich nicht vom Körper lösen wollende Seele des Toten einen neuen Körper sucht und das anvisierte Opfer daraufhin mit furchtbaren Visionen plagt. Da stellt sich die Frage, inwiefern sich ein Film mit einem jüdischen Geist von einem Film über den Exorzismus abgrenzen kann, wenn die Symptome beider Geister- beziehungsweise Dämonenheimsuchungen nahezu identisch sind?

An diesem Punkt geht Keith Thomas von Beginn an äußerst clever vor. Er nimmt sich viel Zeit, um anhand der Interaktion zwischen Hauptfigur Yakov und seiner chassidischen Gemeinde seine emotionale Bedeutung zum Judentum, aber auch die damit einhergehenden Schwierigkeiten (er war mal ein streng Gläubiger, hat seinen Glauben mittlerweile jedoch fast verloren) offenlegt. Anstatt bloß irgendein jüdisches Element – in diesem Fall den Dibbuk, sonst eben den Exorzismus – auszuwählen, um es zum primären Schockantrieb zu machen, taucht Thomas tief in die Welt ein, aus der ebendieser Geist stammt.

So viel verschenktes Potenzial


Keith Thomas nutzt den Mazik also nicht einfach nur als irgendein zufälliges Horrormonster, sondern hat sich auch im weiteren Verlauf von «The Vigil» etwas bei dieser Wahl gedacht. Das fast ausschließlich auf engstem Raum stattfindende Kammerspiel dringt nämlich noch weitaus tiefer in die Seele des Judentums vor und nimmt sich dabei insbesondere der dunklen Facetten seiner Geschichte an. Die in Yakov hervorgerufenen Visionen handeln von Verfolgung, Rassismus und den Schandtaten des Zweiten Weltkriegs – und damit von noch längst nicht verheilten Wunden einer ganzen Glaubensgemeinschaft. «The Vigil – Die Totenwache» ließe sich damit mühelos in die Kategorie der anspruchsvollen Horrordramen jüngerer Genregeschichte einordnen, in denen unter dem Deckmantel klassischer Gruselkost von Demenz («Relic»), Rassismus («Get Out») oder Bindungsangst («Der Babadook») erzählt wird.

Dabei funktionieren die alptraumhaften Bilder vor Yakovs Augen auch als ganz typisches Horrormotiv, sind voller Blut, Schmerz und zeigen mehr als einmal gruselige Fratzen. Und der hochengagiert aufspielende Dave Davis («The Domestics»), der «The Vigil» fast komplett allein bestreitet, kombiniert in seinen Reaktionen auf die Geistererscheinung die Furcht vor dem reellen Horror, der Judenverfolgung, mit der blanken Panik vor der übernatürlichen Bedrohung, dem Geist; eine fürs Horrorkino bemerkenswert emotionale Performance.

Doch so sehr sich all diese Zutaten nach einem richtig packenden Horrordrama anhören, so wenig scheinen die Macher ihrer Vision der Geschichtsaufbereitung zu vertrauen. Erzählerisch gibt «The Vigil» ihnen nie einen Anlass dazu, sich mit Effekthascherei aus der Affäre zu ziehen – und trotzdem tut Keith Thomas genau das. Anstatt sich primär auf das Schicksal der Hauptfigur zu konzentrieren und sich in Sachen Minimalismus der Kammerspielinszenierung anzupassen, wählt der Regisseur ausschließlich Zutaten aus dem Topf der grobmotorischen Schockerinszenierung. Die aufdringliche Tonspur überlagert Großteile des Films nicht nur während, sondern auch weit nach den mindestens genauso aufdringlich in Szene gesetzten Jumpscares. Natürlich spricht erst einmal nichts Grundsätzliches gegen diese gezielt auf das Zusammenzucken des Publikums abgestimmten Schockmomente; im Vergleich zu noch weitaus stumpfer inszenierter Genrekost wie «The Grudge», «Baba Yaga», «Die Besessenen» und so weiter und so fort, sind das hier noch nicht einmal besonders viele.

Doch sie reichen in ihrer Penetranz, um die eigentlich über viel sensiblere Mechanismen funktionierende Atmosphäre zu überlagern. Das führt letztlich sogar dazu, dass die zu Beginn stattfindende Verankerung im Judentum kaum noch eine Rolle spielt. Denn unter dieser Inszenierung dienen die Verbindungen zur Religionsgeschichte nur wieder dazu, den Zuschauer plump zu verstören – und nicht zum Nachdenken anzuregen, weil sich das Gezeigte auf einer tieferen Ebene verankern konnte. Schade drum.

Fazit


«The Vigil – Die Totenwache» ist auf dem Papier ein wahrhaft verstörendes Horrordrama, das sich mit den Gräueltaten am Judentum auseinandersetzt. In der praktischen Umsetzung hingegen hat Regisseur und Autor Keith Thomas aber leider nur einen generischen Jumpscare-Schocker vorgelegt, der weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.

«The Vigil – Die Totenwache» ist ab dem 23. Juli in den deutschen Kinos zu sehen.

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