Serientäter

«Das Grab im Wald» – Spannung nach Harlan Coben, made in Poland

von   |  1 Kommentar

Vor allem Freunde skandinavischer Thrillerkost oder mehrteiliger BBC-Produktionen kommen bei dieser Verfilmung eines Romans auf ihre Kosten. Zwei Kritikpunkte an der Netflix-Produktion bleiben aber dennoch stehen.

Cast & Crew

  • Darsteller: Grzegorz Damiecki, Agnieszka Grochowska, Hubert Milkowski, Wiktoria Filus, Adam Ferency, Arkadiusz Jakubik, Ewa Skibinska, Dorata Kolak, Antonia Litwiniak
  • Eegie: Leszek Dawid, Bartosz Konopka
  • Executive Producer: Harlan Coben
  • Autoren: Agata Malesinska, Woiciech Miloszewski, Michael Armbruster, Emilio Mauro, Michael Yebba
  • Originaltiel: «W głębi lasu»
Ein Mann kniet auf einem Steg an einem Teich. Der Lauf einer Waffe zielt auf seine Stirn. Der Mann zittert. Ist das das Ende? Tatsächlich ist es die erste Szene der polnischen Netflix-Serie «Das Grab im Wald», die kunstvoll eine Geschichte der Vergangenheit mit Geschehnissen der Gegenwart verknüpft und sich Zeit lässt zu erklären, wie dieser Mann in diese Situation geraten ist.

Der Mann, der dort am Teich kniet, heißt Pawel Kopinski und ist Staatsanwalt in einer nicht näher benannten polnischen Großstadt (augenscheinlich Warschau). Pawel Kopinski ist ein Mann, der die Menschen in seiner Umgebung auf Abstand hält und stets sehr reserviert wirkt, fast technokratisch-kühl, etwas arrogant. Doch dieser Eindruck täuscht. Da ist der Fall einer Jugendlichen, die behauptet, vergewaltigt worden zu sein. Der Fall ist kompliziert, die beiden Täter streiten die Tat ab, der Vater eines der Jungen, ein bekannter Nachrichtenmoderator, setzt alles daran, um den Fall vom Tisch zu bekommen. Tatsächlich ist die Faktenlage dünn und Pawel wird sogar geraten, den Fall zu den Akten zu legen. Aber der so kühl wirkende Jurist denkt nicht daran.

Doch dies ist „nur“ ein Nebenkriegsschauplatz, mit dem Pawel Kopinski zurecht kommen muss. Der Staatsanwalt, dessen Ehefrau an einer Krebserkrankung verstorben ist und der nun alleine für die gemeinsame Tochter (mit Hilfe seiner Schwägerin) sorgen muss, wird eines Nachts in die Pathologie gerufen. Nicht als Staatsanwalt, sondern als möglicher Zeuge. Ein Mann ist erschossen worden – und seine Identität stellt die Polizisten vor ein Rätsel. Seine Papiere, seine gesamte Identität sind gefälscht. Unter seiner falschen Identität hat der Mann ein ruhiges, unauffälliges Leben geführt. Mehr weiß man nicht. Außer, dass der Mann wohl mit Pawel Kontakt aufnehmen wollte. Behauptet Pawel zunächst den Mann nicht zu kennen, rudert er einige Zeit später zurück – nachdem er selbst einige Nachforschungen angestellt hat. Der Tote hat eine sehr auffällige, sehr große Narbe am rechten Oberarm. Eine Narbe, die Pawel sehr gut kennt. Pawel hatte einen Freund, Artur Perkowski, der solch eine Narbe trug. Nur ist Artur 1994 ermordet worden. Genau so wie seine Schwester Kamila und zwei weitere Jugendliche. In einem Camp draußen – in den Wäldern.

Von Neu-England nach Polen


«The Woods» lautet der internationale Titel des polnischen Sechsteilers, und vor allem Freunde skandinavischer Thrillerkost oder mehrteiliger BBC-Produktionen kommen bei dieser Verfilmung des Romans «Grab im Wald» von Harlan Coben auf ihre Kosten. 2007 ist der Roman erschienen und eigentlich ist dessen Handlung in den dunklen Wäldern Neu-Englands angesiedelt. Pawel Kopinski heißt hier Paul Copeland und ist ein politisch ambitionierter Staatsanwalt, der auch mit seiner Vergangenheit hadert, weil sie seiner Zukunft im Weg steht. Dieser Aspekt fehlt der polnischen Adaption, und das ist gut so. So kann sich die Geschichte auf die beiden Handlungsstränge der Gegenwart orientieren (Pawels Versuch, zwei mutmaßliche Vergewaltiger ihrer Strafe zuzuführen – und das plötzliche Auftauchen eines vermeintlich Toten) – und auf seine Handlungsstränge in der Vergangenheit. Während die Handlung der Gegenwart stringent geradlinig verläuft, erlaubt sich die Inszenierung in der Vergangenheit mehrfach Sprünge. Mal erlebt der Zuschauer das relaxte Treiben von Jugendlichen in einem Feriencamp, kleinere amouröse Abenteuerchen inklusive, dann ist das Verbrechen bereits geschehen, um später doch wieder zu den Geschehnissen vor dem Mord zurückzukehren. Das klingt verwirrend, ist es aber nicht, da die beiden Regisseure Leszek Dawid und Bartosz Konopka die verschiedenen Handlungsstränge sicher führen. Dabei finden sie ganz eigene Bildsprachen. Die Gegenwart wirkt kühl, sachlich, manchmal direkt unnahbar. Der Zuschauer wird auf Distanz gehalten und zum Beobachter des Geschehens. Ganz anders sind die Camp-Szenen vor dem Verbrechen. Sie sind warm, einfühlsam, sie laden zum Schwelgen in eigenen Erinnerungen ein. Wirken die Farben der Gegenwart monochrom und kalt, ist die Vergangenheit (ist die Jugend) ein bunter Bilderrausch voller Liebe, Freude, Leben. Und dann ist da noch die Zwischenzeit, die Monate nach den Geschehnissen im Wald. In der sich ein grauer Schleier über die Welt zu legen scheint. Aber was ist passiert?

Es ist 1994


Es ist 1994 und Oberschüler eines Gymnasiums machen Sommerurlaub in einem Camp im Wald. Die Demokratie in Polen ist noch jung und sie, die Oberschüler, werden die erste Generation sein, die von dieser Freiheit schon in jungen Jahren profitieren wird. Es wird gefeiert, man geht im nahen See schwimmen und hier und da bahnen sich Beziehungen an. So ist auch Pawel ein Junge, der seinen Kopf nicht in der Badehose verstecken muss. Pawel ist ein geschmeidiger Typ, beliebt, geschätzt, er kann auch ein bisschen Macho sein, aber das ist nur ein Spiel. Unter anderem um Laura zu gefallen. Laura ist die Tochter des Organisators des Camps. Ein nettes Mädchen, das sich durchaus zu Pawel hingezogen fühlt. Auch Pawels Mutter arbeitet im Umfeld des kleinen Feriendomizils – weshalb auch seine etwas jüngere Schwester Kamila hier mitfeiern darf. Kamila wirkt etwas älter als sie ist, daher wird sie von den etwas älteren Schülerinnen und Schülern akzeptiert. Nichts in diesem Umfeld lässt auch nur in einem Hauch erahnen, dass dieser Sommer mit einer Tragödie enden wird. Einer Tragödie, deren genauer Verlauf doch lange (über mehrere Episoden hinweg) vollkommen im Dunkeln bleibt. Ja, so wird recht schnell offenbart, dass die Leichen von Artur und Kamila nie gefunden wurden. Eine Frage aber, die lange für den Zuschauer ein Rätsel bleibt: Wenn es vier Morde gab – wer sind die anderen beiden Opfer?

Das ist tatsächlich ziemlich clever, denn das Nichtwissen zwingt dazu, der Handlung sehr genau zu folgen. Wer aus dem Umfeld Pawels und Lauras mag durch ein Verhalten möglicherweise den Mörder auf sich aufmerksam gemacht haben? Und überhaupt: Gibt es eigentlich einen Mörder? Wurde der Fall (vermeintlich) aufgeklärt? Auch diese Frage wird erst im Verlauf der Miniserie beantwortet. Tatsächlich ist nur eines gewiss: Nämlich, dass von den vier Leichen zwei nie gefunden wurden und offenbar zumindest ein Opfer – seinerzeit gar nicht den Tod gefunden hat. Doch wenn Artur 1994 nicht gestorben ist: Warum ist er untergetaucht?

Pawel trifft auf jeden Fall Laura wieder. Die hat Karriere an der Uni gemacht - und offenbar hat es auch jemand auf sie abgesehen. So, wie Artur Kontakt zu Pawel aufnehmen wollte, findet Laura nach dem Stellen einer anonymen Klassenarbeit einen Text zwischen diesen Aufgaben, in dem von einem Geschehen in einem Wald vor vielen Jahren berichtet wird. Ein gewisser P. habe seinerzeit im Mittelpunkt dieses Geschehens gestanden, denn egal, was seinerzeit auch geschehen sein mag: Irgendwie hat sich alles immer wieder um eben diesen P. gedreht.

Nicht nur Pawel hat durch den Mord großes Leid erfahren. Auch Lauras Familie ist an dem Geschehen zerbrochen – oder besser gesagt ihr Vater, der das Camp seinerzeit geleitet hat. Der heißt Dawid Goldsztajn und nach den Geschehnissen war er nicht mehr der Lehrer, nach diesen Geschehnissen war er der Jude Goldsztajn, der offenen Antisemitismus erfuhr. Wie auch Laura und Pawel, der noch einige Zeit zu Laura Kontakt hielt, bis dieser abbrach. Für ein Vierteljahrhundert.

Es ist gut, aber zu lang


Am Ende gibt es zwei Kritikpunkte an der polnischen Serie zu äußern. Zum Ende der fünften Episode hin geschieht eine Wendung, die sich nicht zwingend aus der Handlung heraus ergibt, sondern letztlich recht gewollt wirkt. Sie entspricht zwar einer Wendung aus der Romanvorlage, aber sie dient vor allem dazu, vollkommen unerwartet in dieser Art und Weise zu geschehen. Das überrascht, da die Regisseure bis zu diesem Punkt der Geschichte wirklich alle Handlungsstränge mit einer Sicherheit im Gleichgewicht halten und zusammenführen, dass selbst kritischste Thrillerfreunde den Hut vor so viel inszenatorischen Geschick ziehen müssen. Dieser Wendemoment aber: Er wirkt dann arg gewollt; glücklicherweise aber betrifft er nur einen Teilaspekt der Geschichte und nicht große Auflösung, die aber, und das ist der zweite Kritikpunkt, zum Ende hin gestreckt werden muss. Wo die ersten vier Episoden, die oft von Szene zu Szene zwischen Vergangenheit und Gegenwart ihren Spielort wechseln, durch dieses Wechselspiel alleine Spannung und Interesse erzeugen, legt sich der Fokus zum Ende hin, je mehr über die Geschehnisse der Vergangenheit bekannt wird, mehr und mehr in die Gegenwart. Und hier wird dann ein typisches Streaming-Serienproblem offenbart: Die Geschichten reichen oft nicht für die vom Sender bestellte Episodenanzahl und «Das Grab im Wald» wäre vermutlich mit fünf Episoden besser gefahren. Immerhin wird keine Hintertür für mögliche Fortsetzungen geöffnet. «Das Grab im Wald» ist eine Mini-Serie mit Anfang, Mitte, Ende – wenngleich auch nicht zwingend in dieser Reihenfolge.

Von den genannten Schwächen abgesehen jedoch weiß sie durch ihre smarte Erzählweise letztlich zu fesseln.

Funfact: Harlan Coben indes scheint es Film- und Serienmachern jenseits seiner amerikanischen Heimat angetan zu haben. Obwohl seine Romane stets Top-Platzierungen in den Beststellerlisten belegen, wird Coben dafür kritisiert, dass seine Romane immer wieder einem sich wiederholenden Muster folgen: Eine Person der Gegenwart, meist wohl situiert, wird mit einem Geschehen der bereits etwas entfernteren Vergangenheit konfrontiert, das nun direkte Auswirkungen auf seine Gegenwart ausübt. Ob das der Grund ist, dass sein höchst erfolgreiches Werk in seiner amerikanischen Heimat von Filmemachern mit vollkommener Missachtung gestraft wird, lässt sich schwer sagen, tatsächlich sind bislang alle Coben-Romanverfilmungen außerhalb der USA entstanden: «Kein Sterbenswort» (Spielfilm, 2006, Frankreich), «Une Chance de Trop» (Serie, 2015, Frankreich), «The Five» (Serie, 2016, Großbritannien), «Juste un Regard» (Serie, 2017, Frankreich), «Safe» (Serie, 2018, Großbritannien/Frankreich), «The Stranger» («Ich schweige für dich») (Serie, 2020, Großbritannien) und «Das Grab im Wald» (Miniserie, 2020, Polen). In Produktion befindet sich «El Inocente» (Serie, 2020, Spanien).

Die Serie kann auf Netflix gestreamt werden.

Kurz-URL: qmde.de/119367
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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Sentinel2003
04.07.2020 12:10 Uhr 1
Dann ist diese Serie wohl so ähnlich aufgebaut wie "The Five", wo auch der Ursprung mittte der 90er ist....





Es gibt im übrigen auf Amazon diese 2 Serie von Coben: "Keine zweite Chance", die mir sehr gut gefallen hat....bei "kein böser Traum" bin ich allerdings in Folge 2 hängen geblieben...da kein Bock mehr....vielleicht gucke ich es ja mal weiter....

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