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«Tiger King» und Co.: Das goldene Zeitalter der Dokumentationen

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Spätestens seit dem Netflix-Hit «Tiger King» sind sie groß wie nie: Dokumentationen haben sich zum heimlichen Star des Fernseh- und Streaming-Geschäfts gemacht. Über ein Genre, das sich derzeit so stark verändert wie kein anderes.

Die erfolgreichsten Dokumentationen bei Netflix in Deutschland 2019

  1. Unser blauer Planet
  2. Ted Bundy: Selbstporträt eines Serienmörders
  3. Das Verschwinden von Madeleine McCann
  4. Don't F***k with Cats: Die Jagd nach einem Internet-Killer
  5. Formula 1: Drive to Survive
Quelle: Netflix
Waren Sie einer von denen? Waren Sie auch mit dabei, als «Tiger King» zum großen Hit wurde – zu einem Format, das man gesehen haben musste?

Zugegeben: Der Erfolg der Netflix-Dokumentation fiel in die Zeit der akuten Corona-Pandemie. Und profitierte unzweifelhaft davon, dass viele Menschen nach Unterhaltung suchten in langweiligen StayAtHome-Zeiten. Unbestreitbar ist aber auch, dass das Format tatsächlich extrem unterhaltsam ist – und informativ dazu. Es steht für ein neues Zeitalter des Doku-Genres: für ein Zeitalter, das viel mehr als früher auf Storytelling setzt, Dramaturgie und Konflikt. Das aber dabei nicht den ureigenen Charakter von Dokumentationen – Authentizität und Informationsvermittlung – verlässt.

Dokumentationen sind das neue heiße Eisen im Fernsehgeschäft. Besonders bei den Streamern sind die Formate beliebt, sind sie doch vergleichsweise günstig einzukaufen oder zu produzieren. In einem Markt, wo Serien und ihre Macher immer teurer werden, spielt das gerade den Dokumentationen in die Hand. Netflix setzte schon früh auf das Genre und erntet jetzt große Erfolge. Das Phänomen «Tiger King» wird die Streaming-Landschaft nachhaltig verändern, zumal der Serienmarkt schon lange gesättigt ist. Zuschauer sehnen sich offensichtlich zunehmend nach echten Geschichten, im besten Falle: Geschichten, die kaum zu glauben sind, aber trotzdem passieren. So wie im Falle von «Tiger King» oder auch mehr oder weniger prominenten Vorläufern wie «Making A Murderer», «The Innocent Man» und «Don’t F* With Cats». Viele der Doku-Serien werden dem True-Crime-Genre zugerechnet; sie erzählen episodisch von einem Verbrechen und seinen Aufklärungsarbeiten. Dabei bedienen sich die Formate oft gängiger Serien-Stilmittel: Storywendungen, plötzlich neue Charaktere, die eine wichtige Rolle spielen, oder auch Cliffhanger.

Lange waren Dokumentationen verschrien als langweilig, altbacken oder erzieherisch. Oscar-Gewinner Morgan Neville («20 Fuß zur Berühmtheit») sagt dazu: „Als ich anfing, da waren Dokumentationen wie der Spinat des Filmemachens. Niemand interessierte sich für sie. Niemand wollte für sie bezahlen. Sie waren einfach nicht sexy.“ Dokus würden dich informieren, so Produzent Dan Cogan. „Aber du hast sie nicht unbedingt als Unterhaltung gesehen.“

Cogan produzierte unter anderem den Film «Ikarus», der 2018 mit einem Oscar als beste Dokumentation ausgezeichnet wurde. Er veränderte die Doku-Landschaft mit seinem Ansatz nachhaltig: Im Stile der Selbstexperiment-Filme («Super Size Me») probiert sich ein Hobby-Rennradfahrer am professionellen Doping, um sich künstlich zu neuen Höchstleistungen zu pushen. Im Laufe seines Experiments gerät er in Kontakt mit hochrangingen Köpfen und ist plötzlich mittendrin im Doping-Skandal russischer Athleten bei den Olympischen Winterspielen 2014. Es ist ein Drama seinesgleichen – Enthüllungen, zwielichtige Charaktere und Betrug inklusive. Und das wichtigste: Alles ist echt, nichts erfunden. Eine Geschichte, die man nicht besser hätte erfinden können. Wer «Ikarus» gesehen hat, verändert seine Sicht auf das professionelle Sportgeschäft.

Bei Netflix wurde die Sport-Doku zum Hit. Die Zuschauer fanden in dieser Zeit immer mehr Gefallen am Genre, ob vor dem Fernseher oder im Kino. Die Kletter-Doku «Free Solo» (Foto) nahm 2018 fast 30 Millionen US-Dollar ein, wurde zu einer profitabelsten Dokus aller Zeiten. Der Markt verändert sich und geht seine gewohnten Wege: Es gibt immer mehr Dokus, dadurch werden sie immer teurer, um im Wettbewerb gut auszusehen. Heute müsse man eine Million US-Dollar in die Hand nehmen gegenüber 200.000 bis 300.000 vor einigen Jahren, so Produzentin Thalia Mavros. Gleichzeitig würden die Distributoren wie Netflix zuletzt weniger für die Rechte zahlen, weil das Angebot größer wird. Immer mehr Doku-Produktionsfirmen werden gegründet und wollen im Geschäft mitmischen.

Eine goldene Doku-Ära – gerade zu Corona-Zeiten?


„Wir sind in einer goldenen Ära der Dokumentationen“, sagt Dan Cogan. „Es gab niemals so gutes Storytelling in Nonfiction-Filmen wie jetzt“. 2018 wurde zu einem der erfolgreichsten Jahre für Doku-Filme, mit vielen finanziellen und Kritiker-Hits. Vier Filme nahmen an den US-Kinokassen mehr als zehn Millionen Dollar ein. Selbstredend: Im Vergleich zu Fiction-Kino ist die Zahl sehr klein. Aber sie zeigt, dass immer mehr dieser Filme neben den großen Namen bestehen können, und dass immer mehr Menschen Dokumentationen als ernstzunehmende Alternative zum Popcorn-Kino sehen.

Ein Großteil der goldenen Doku-Ära spielt sich aber auf dem kleinen Bildschirm ab, namentlich bei den Streamern. Fast 400 davon hat Netflix mittlerweile im Angebot, Amazon rankt mit rund 350 nur leicht dahinter. Gerade in der Corona-Krise könnte das Genre weiter profitieren: Es ist im Vergleich zu TV-Serien leicht zu produzieren, manchmal nur von wenigen Personen. Es kann sich je nach Thema vielen Archivmaterials – wie im Falle von «Tiger King» – bedienen und es braucht kein Set oder Drehbücher. Manche der erfolgreichsten Dokus werden im eigenen Haus gedreht («Ikarus»), andere mit der Handkamera («Face2Face»).

Wie groß der Markt für Dokumentationen letztlich wird? Am Ende kommt es vor allem darauf an, wie gut Geschichten erzählt werden – ob sie nun echt sind oder nicht.

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