Die Kino-Kritiker

«Der Geburtstag» - Deutschland kann auch Film Noir

von

In seinem neuen Film «Der Geburtstag» erzählt Regisseur und Drehbuchautor Carlos Andés Morelli von einer verhängnisvollen Nacht. Gefilmt in betörend schönen Schwarz-Weiß-Aufnahmen und inszeniert als mysteriösen Streifzug durch die nächtliche Großstadt.

Filmfacts: «Der Geburtstag»

  • VÖ: 25. Juni 2020
  • FSK: 6
  • Laufzeit: 79 Min.
  • Genre: Film Noir/Drama
  • Kamera: Friede Clausz
  • Musik: Florian Sievers
  • Buch und Regie: Carlos Andrés Morelli
  • Darsteller: Mark Waschke, Anna Brüggemann, Finnlay Berger, Knut Berger, Kasimir Brause
  • OT: Der Geburtstag (DE 2019)
Der aus Uruguay stammende Regisseur Carlos Andrés Morelli ging einen Karriereweg wie viele andere Filmemacher auch: Erst studierte er Filmregie, dann Drehbuchschreiben. Machte seinen Bachelor an einer Universität in Uruguay und seinen Master in Spanien. 2009 folgten schließlich die Aufnahme in das DAAD-Künstlerprogramm der Berliner Residenz und die Inszenierung von, bis heute, zehn Kurzfilmen, von denen einige auf renommierten Filmfestivals gezeigt und prämiert wurden. Nach den Schritten Studium, Förderung und Kurzfilme folgte der nächst logische: Die Inszenierung eines Langspielfilms. 2017 war es soweit: Mit «Mi Mundial», einer argentinisch-brasilianisch-uruguayischen Adaption des gleichnamigen Romans über einen sehr talentierten Football-Spieler, gewann Morelli sogar einen Preis beim Gramado Film Festival. Genauer: Sein Hauptdarsteller Néstor Guzzini in der Kategorie „Best Actor“.

In seiner international geprägten Karriere ist Morellis zweiter Langfilm «Der Geburtstag» nun ausgerechnet ein Segen für das deutsche (Genre-)Kino und sichtbar geprägt von den kleinen und großen Independent-Werken, die in den vergangenen Jahren in und um die Hauptstadt herum entstanden sind. Von Carol Reeds «Der dritte Mann» sind hier ebenso Spurenelemente enthalten wie von der gefeierten Thrillerserie «M – Eine Stadt sucht einen Mörder» und lyncheskem Surrealismus – gekleidet in Schwarz-Weiß-Bilder, die hier weitaus weniger prätentiös anmuten als in vielen anderen Filmen dieser buchstäblichen Couleur.



... und was ist mit Julius?


Der siebenjährige Lukas (Kasimir Brause) hat Geburtstag. Trotz angespannter Verhältnisse organisieren die getrennt lebenden Eltern Matthias (Mark Waschke) und Anna (Anne Ratte-Polle) eine große Kinderparty mit Pinata und Torte. Im Wohnzimmer toben die Kinder, in der Küche die Eltern: Der gestresste Matthias hat, mal wieder, das anstehende Vater-Sohn-Wochenende abgesagt und den versprochenen Zoobesuch verschoben. Als die Party vorbei ist, folgt das nächste Problem: Der kleine Julius (Finnlay Jan Berger) wird von seinen Eltern nicht abgeholt. Matthias will den fremden Jungen eigentlich nur loswerden, doch die Ereignisse überschlagen sich. Angetrieben von seinem erwachenden Beschützerinstinkt, übernimmt der Teilzeit-Papa Verantwortung für den hilflosen Julius und seine Augen öffnen sich schließlich auch für die Bedürfnisse seines eigenen Sohns.

In gewisser Weise ist «Der Geburtstag» autobiographisch. Regisseur Carlos Andrés Morelli gibt selbst zu Protokoll, gemeinsam mit seiner Frau einst in derselben Lage gewesen zu sein, wie seine Hauptfiguren im Film. Nach der Geburtstagsfeier für den gemeinsamen Sohn wird einer der Schulfreunde nicht abgeholt. Immerhin: Im wahren Leben war die Mutter des Jungen „nur“ zwei Stunden zu spät. In «Der Geburtstag» wird daraus eine ganze Nacht, in deren Folge Protagonist Matthias auch die Beziehung zu seinem eigenen Sohn überdenkt. Die dem Film zugrunde liegenden Ereignisse spielten sich einst in Berlin ab. Gedreht wurde «Der Geburtstag» indes in Halle an der Saale. Wo der Film genau spielen soll, geht im weiteren Verlauf nicht aus ihm hervor; noch nicht einmal die eingespielte Radiosendung zu Beginn verrät den Standort der Familie – und das erscheint hier nicht etwa wie ein Versäumnis, sondern wie der erste Grundbaustein für die sukzessive Realitätsverzerrung, der sich der Zuschauer im weiteren Verlauf hingeben muss und wird.

Fassen wir also zusammen: Irgendwo in Deutschland findet irgendein scheinbar ganz alltägliches Szenario statt – und doch läuft am Ende alles aus dem Ruder, ohne dass man jetzt konkret benennen könnte, was an der Situation und den daraus folgenden Entwicklungen eigentlich so unheimlich ist.

Nicht nur die Kamera, auch alles andere überzeugt


Zu Beginn gelingt dem auch für das Drehbuch verantwortlichen Morelli vor allem eine sehr eindringliche Beleuchtung eines eigentlich zerrütteten, für den Sohn indes aufrecht erhaltenen Familienverhältnisses zwischen Mutter und Vater. Kleine Gesten und Blicke reichen aus, um das Unbehagen des Vaters und die stille Wut der Mutter hervorzuheben; andersherum genauso. Besonders stark: ein Aufeinandertreffen zwischen Matthias und dem neuen Freund seiner Ex-Frau (Knut Berger, «Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern»). Eine Szene, wie sie in ihrer vorgeschobenen Höflichkeit unangenehmer kaum sein könnte, auch wenn sich alle Beteiligten hier sichtbar Mühe darin geben, Haltung zu wahren. Doch Morelli wählt hier nicht den Weg der unterschwelligen Schuldzuweisung, damit sich der Zuschauer am Ende selbst ein Bild darüber machen kann, wer hier besser für seinen Sohn sorgt als der andere. Nein, hier geht es nicht um einen Kampf zwischen Mutter und Vater. Die angespannte Stimmung innerhalb der festlich hergerichteten Wohnung bildet lediglich die Grundlage für ein geheimnisvolles (Thriller-)Drama, das Morelli mit genau so vielen Abstraktionen und Kuriositäten anreichert, dass die Grenze zwischen Realität und Traum irgendwann zu verschwimmen scheint.

Dabei wird der Symbolismus nie zum Selbstzweck; Wenngleich der Ablauf der Ereignisse unwahrscheinlich anmutet, ist er tendenziell möglich. Und dass sich Matthias darüber mit seiner eigenen Identität und der Beziehung zu seinem Sohn auseinander setzt nur ein logischer Schlusszug.

Die inszenatorische Raffinesse liegt bei «Der Geburtstag» in der Balance zwischen realistischer Alltagsbeobachtung und überhöhter Inszenierung, die dem Ganzen etwas Surrealistisches verleiht. Als Julius etwa plötzlich in der nächtlichen Stadt verschwindet, schlagen Matthias derart dichte Nebelschwaden entgegen, dass das Genrekino das plötzliche Verschwinden des Kindes schon regelrecht verlangt. Auch Szenen wie ein aus dem Nichts kommender Überfall durch einen Angst einflößenden Fremden oder die Andeutungen einer Entführung verschieben die Szenerie binnen weniger Minuten von bodenständig bedrohlich in überhöht angsteinflößend. Die stark kontrastierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Kameramann Friede Clausz («Immenhof – Die Abenteuer eines Sommers») unterstreichen die subtil-unberechenbare Drohsituation, während die Bildsprache in Kombination mit dem eindringlichen Jazz-Score von Debütant Florian Sievers zudem in der pessimistischen Genrewelt des Film Noir verankert. Hauptdarsteller Mark Waschke («Dark») gibt den in sich selbst stattfindenden Clash der aufopferungsvollen wie verunsicherten Emotionen mit dem genau richtigen Maß an Zurückhaltung, wenn er eben noch stiller Beobachter war, von dem plötzlich Tatendrang gefordert wird – und stellenweise sogar zum Gejagten wird.

Eine starke Performance neben dem nicht minder talentiert aufspielenden Newcomer Finnlay Berger («Passagier 23 – Verschwunden auf hoher See»), die hier gemeinsam durch die Nacht wandeln und einander ebenso kritisch beäugen wie wie selbstverständlich zarte Bande knüpfen. Trotzdem würde es nicht wirklich wundern, sollten sich die Ereignisse in «Der Geburtstag» am Ende doch nur als Traumfantasie erweisen; Ob sie das tun, verraten wir an dieser Stelle natürlich nicht.

Fazit


Ein denkwürdiger Genre-Beitrag aus Deutschland, irgendwo zwischen Film Noir, Familiendrama und mysteriösem Thriller, der sich einige Genreaspekte durch die Inszenierung, andere wiederum durch die Geschichte zueigen macht. Dazwischen ein starker Mark Waschke, ein bemerkenswert routiniert aufspielender Newcomer und das entrückte Gefühl des Unbehagens, das man kaum benennen kann, das aber doch immer allgegenwärtig ist.

«Der Geburtstag» ist ab dem 25. Juni in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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