Die Kritiker

«Mein wildes Herz»: Neuer Titel, alter (guter) Film

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Dieter Hallervorden als grantig-passionierter Mentor, Lena Klenke als borstige Reiterin mit Herzproblemen. Klingelt da was? Wenn ja: Glückwunsch, da hat wer 2017 aufs Kinogeschehen geachtet!

Filmfacts «Mein wildes Herz – Alles auf Sieg»

  • Kinostart: 28. September 2017
  • Genre: Abenteuer/Drama
  • FSK: 6
  • Laufzeit: 110 Min.
  • Kamera: Sten Mende
  • Musik: Tobias Wagner
  • Buch: Clemente Fernandez-Gil
  • Regie: Hanno Olderdissen
  • Darsteller: Annette Frier, Dieter Hallervorden, Emilio Sakraya, Hanno Olderdissen, Lena Klenke, Michael Lott, Johann von Bühlow, Milan Peschel, Anneke Kim Sarnau, Jürgen Rißmann
  • OT: Rock My Heart – Mein wildes Herz (DE 2017)
Es ist eine nicht mehr all zu häufig, aber noch immer präsente Methode im deutschen Fernsehen: Das Umbetiteln von Filmen. Um im Sommerkino 2013 des öffentlich-rechtlichen Senders Das Erste laufen zu können, wurde kurzerhand aus dem Emily-Blunt-Vehikel «Young Victoria» der spießiger betitelte «Victoria, die junge Königin». Wenn das ZDF «Hot Fuzz – Zwei abgewichste Profis» zeigt, steht im Programmguide «Hot Fuzz – Verbrechen verboten». Und nun gelangt das deutsche Jugenddrama «Rock My Heart – Mein wildes Herz» als «Mein wildes Herz – Alles auf Sieg» in die Primetime des Ersten. Ja, gut, kann man mal machen …

Ist man nun zynisch, wird man die Augen rollen, dass ein Jugendfilm mit Pferden, aber nahezu ohne Reiterhofromantik, nun bei seiner TV-Ausstrahlung einen spießigen Alternativtitel verpasst bekommt. Und, gewiss: In einer makellosen Medienwelt wäre es vollkommen unnötig, diesen Kinofilm neu zu etikettieren. Aber weder das Kino- noch das Fernsehgeschäft laufen reibungslos, was teils am System liegt, teils am etwas bockigen Publikum, das vor allem bei deutschen Produktionen zigfach überlegt, bevor es dem Film eine Chance gibt:

Die von Wild Bunch ins Kino entlassene, unter anderem von der ARD Degeto mitfinanzierte Regiearbeit Hanno Oldrdissens lockte 2017 gerade einmal 174.390 Menschen in die hiesigen Lichtspielhäuser. Somit landete «Rock My Heart» auf Rang 122 der Jahrescharts – also hinter Darren Aronofskys aufregendem Flop «mother!», dem gescheiterten Neustart des «Power Rangers»-Franchises, Gore Verbinskis unverdient an den Kinokassen übergangenem Schauerstück «A Cure for Wellness» und der Katastrophenfilm-Katastrophe «Geostorm».

Und auch, wenn sich «Rock My Heart» somit vor Paul Verhoevens Geniestreich «Elle» und die wundervolle, Oscar-nominierte Romantik-Dramödie «The Big Sick» platzierte: Wohl niemand, der hinter dieser Geschichte einer bewundernswert-bockigen Jugendlichen stand, die trotz ihrer Herzkrankheit eine Leidenschaft dafür entwickelt, mit einem wilden Gaul Rennen zu bestreiten, dürfte über diese Zahlen glücklich sein. Da macht man im seit Jahren boomenden Subgenre des Pferdekinos einen ungewöhnlichen, gelungenen Vertreter, betitelt ihn jugendaffin und zudem inhaltlich passend, statt rein anbiedernd – und trotzdem wird man vom stutzigen Publikum mit der kalten Schulter gestraft.


Was bietet sich da besser an, als den Film erstens auf einem sehr prominenten Programmplatz ins Fernsehen zu bringen, nämlich Samstagabend um 20.15 Uhr im Ersten, und ihn zweitens neu zu betiteln. Damit riskiert man zwar, ein paar Fans des Films zu verwirren, doch – so betrüblich das auch sein mag: Der Titel «Mein wildes Herz – Alles auf Sieg» passt den Film besser an das Kernpublikum an, das am Samstagabend Das Erste einschaltet, und könnte ihm so endlich zur verdienten Reichweite verhelfen. Denn «Mein wildes Herz» ist ein gut gemachter Jugendfilm mit einer toll auftrumpfenden Hauptdarstellerin und einem (einmal mehr) sehr überzeugenden Dieter Hallervorden in einer tragenden Nebenrolle. Und selbst wenn der Originaltitel besser passt – der neue Titel ist jetzt keine dreiste Mogelpackung …

Die 17-jährige Hauptfigur Jana (Lena Klenke) lebt mit einem angeborenen Herzfehler – und daher mit den ständigen Sorgen ihrer Eltern im Nacken. Die würden Jana am liebsten in Luftpolsterfolie rollen und dann in ein Flauschzimmer ohne Ecken und Kanten packen, damit ihr auch ja nichts passiert. Oder, realistischer: Jana soll sich einer entscheidenden, aber riskanten Operation unterziehen. Doch Jana weigert sich – sonst ein echter Wildfang, der etwas erleben will, schreckt sie vor diesem Gedanken zurück. Als sie dem Vollbluthengst Rock My Heart begegnet, hat sie hingegen das Gefühl, einen tierischen Seelenverwandten gefunden zu haben. Denn das schwarze Pferd ist wie sie – wild, ungezähmt, rebellisch und vor allem: Unwillig, Leute an sich heranzulassen.

Umso mehr erfüllt es Jana, dass Rock My Heart sie in ihre Nähe lässt. Rocks Trainer Paul Brenner (Dieter Hallervorden) wittert daher seine Chance: Er überredet Jana, gemeinsam mit Rock für ein wichtiges Galopprennen zu trainieren, um so das Preisgeld zu ergattern, das ihn aus den Schulden holen würde ….

Gewiss, gewiss: So niedergeschrieben, liest sich «Mein wildes Herz» wie der x-te Film aus der nicht mehr abreißenden Pferdefilmwelle der Kinogegenwart. Das Mädchen, das als einzige dieses eine besonders störrische, aber extrem fähige Pferd zähmen kann. Und dieser eine Wettbewerb, mit dem sich der Hof retten lässt, der so viel herzlicher, ehrlicher und tierfreundlicher ist als die kalte, gemeine Konkurrenz. Aber die Umsetzung macht die Musik: Klenke spielt die rebellische, verborgen-verletzliche, Jugendliche frei von verklärendem Kitsch, sondern authentisch zwischen selbstzerstörerischem Drang und lebensbejahender "Nur, weil ich krank bin, heißt das nicht, dass ich nicht leben darf!"-Attitüde hin- und hergerissen.

Hallervorden wiederum gibt einen gleichermaßen grantelnden wie passionierten Mentor ab, von dem ein großer Magnetismus ausgeht, ohne dass er die Szenen unkollegial auf sich lenkt. Und Olderdissen sowie Kameramann Sten Mende packen den Film gemeinhin mehr in eine abgeklärte Jugenddrama-Optik statt in Reiterhof-Kitsch. Nur einige Zeitlupenmontagen und dudeliger Radiopop im Hintergrund sägen dann und wann an diesem Status "Drama mit Pferden, statt Pferde um der Pferde Willen", was dem differenzierten Skript widerspricht. Dennoch: Wer nach diesen Zeilen (oder unserer Kinokritik) nicht abgeschreckt ist, dürfte vom Film wohl kaum enttäuscht werden!

«Mein wildes Herz» ist am 30. Mai 2020 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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