Hingeschaut

«Obdachlos» bei VOX: Auf Augenhöhe mit den Schwächsten der Gesellschaft

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Wo andere wegschauen, guckt VOX ab Dienstagabend ganz genau hin: In «Obdachlos» begleitet der Sender wohnungslose Menschen durch ihren Alltag und zeigt sie bei ihrer Chance auf ein neues Leben. Den Respekt gegenüber den Protagonisten verliert man zu keinem Zeitpunkt…

Ich glaube an Menschen und Veränderung, dass jeder in seinem Leben noch mal einen anderen Weg einschlagen kann.
Oliver Ongaro, Streetworker von fiftyfifty
Obwohl Obdachlosigkeit zum festen Erscheinungsbild deutscher Großstädte gehört, werden die wenigsten Menschen in unserem Land schon einmal aktiv den Kontakt zu Obdachlosen gesucht haben. Die Gründe hierfür sind vermutlich vielfältig und dürften von Desinteresse über Berührungsängste bis hin zu Vorurteilen reichen. VOX hat sich davon nicht abschrecken lassen und konfrontiert seine Zuschauer ab dem heutigen Dienstagabend offen und schonungslos mit dem Thema Obdachlosigkeit. Allein diese Programmentscheidung verdient schon Respekt - und nach Sichtung der ersten Folge ist festzuhalten, dass der Produktionsfirma i&u TV mit «Obdachlos - Einzug in ein neues Leben» tatsächlich auch ein sehenswertes Produkt gelungen ist.

«Obdachlos» schaut auf die Biographien und den Alltag von acht Obdachlosen in Düsseldorf und begleitet sie dazu über den Zeitraum eines Jahres. Dabei arbeitet die Produktion eng mit den Sozialarbeitern von fiftyfifty zusammen. Der Düsseldorfer Verein hat „Housing First“ nach Deutschland geholt - ein Konzept, das aus den USA kommt und dort erfolgreich erprobt ist. Es sieht vor, dass Obdachlose zunächst ohne Vorbehalte eine Wohnung bekommen, die ihnen zu neuem Lebensmut verhelfen soll. Genau das ist auch die Idee der neuen VOX-Sendung: Nach einer längeren Vorstellung der Protagonisten ist sie mit der Kamera dabei, wenn die Obdachlosen mit ihrer ersten eigenen Wohnung seit Jahren überrascht werden.

Dass das Thema Obdachlosigkeit alles andere als ein Randproblem ist, beweist eine Zahl, die VOX seinen Zuschauer gleich zu Beginn der Sendung präsentiert. Demnach sind 680.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung. Dass sich die Schicksale von Person zu Person stark unterschieden, versucht VOX ebenfalls anzuschneiden. Unter den acht Obdachlosen, die die Produktionsfirma für das Projekt gewinnen konnte, sind Männer und Frauen, Jüngere und Ältere. Jeder hat seine ganz eigene Geschichte, die erklärt, wie er oder sie auf die schiefe Bahn geraten ist.

VOX hat also zweifelsfrei eine spannende Auswahl an Obdachlosen für das Format gefunden, die sich zudem wortgewandt zeigen und zum Teil sehr differenziert ausdrücken. Es ist müßig zu erwähnen, dass selbstverständlich niemand der gezeigten Obdachlosen mit seiner Situation zufrieden ist. „Ich möchte wegkommen von dem Dasein, das ich führe und es in ein Leben verwandeln“, sagt etwa der heroinsüchtige Helmut. Auch Einblicke in den Alltag eines Sozialarbeiters nehmen in dem Format eine wichtige Rolle ein, wobei dies vor allem in der zweiten Hälfte der Auftaktfolge wichtig wird, wenn die Obdachlosen von ihrer Wohnung erfahren.

Bei alledem begehen die Produzenten des Formats zu keinem Zeitpunkt den Fehler, sich über die Obdachlosen zu erheben. Wenn sich etwa der 62-jährige Helmut eine neue Ladung Heroin besorgt, ordnet dies die Sendung nicht weiter ein. Weder werden die Obdachlosen aus dem Off moralisch verurteilt noch versucht das Format, jedes Verhalten zu erklären oder zu rechtfertigen. Auf zusätzliche Musikuntermalungen wird ebenfalls häufig verzichtet - was gut ist, weil die Geschichten und Erlebnisse der Obdachlosen für sich sprechen. Sie erzeugen allein schon genügend Emotionen. Durch diese Herangehensweise weist das Format einen hohen Grad an Authentizität auf und überlässt das Nachdenken und Einordnen der Geschehnisse dem Zuschauer.

Man darf gespannt sein auf die Diskussionen, die «Obdachlos» anstoßen wird. Die nüchterne Erzählweise der Sendung könnte auf der einen Seite dazu führen, dass sich manch Zuschauer in seinen Vorurteilen sogar bestätigt sieht. Bei den meisten aber dürfte die ausführliche Auseinandersetzung mit den Protagonisten und ihren Geschichten mehr Verständnis für das komplexe Thema Obdachlosigkeit erzeugen. Wie erfolgreich der „Housing First“-Ansatz bei den Akteuren des Formats tatsächlich verlaufen ist, lässt sich nach der ersten Folge übrigens noch nicht absehen.

Fazit: «Obdachlos - Einzug in ein neues Leben» ist schwere Kost, die sich manch einer vielleicht nicht am Dienstagabend zur besten Sendezeit anschauen möchte. Dennoch ist unbestreitbar, dass das Format ein relevantes Thema anfasst, dabei den Finger in die Wunde legt und das Potenzial besitzt, das Publikum zu polarisieren. Es lohnt sich also zweifelsfrei, einen Blick in die Sendung zu werfen. Sie ist gut produziert, behandelt die Obdachlosen mit Respekt und gibt schonungslose Einblick in eine Lebensrealität, von der sich die meisten von uns wohl kaum ein richtiges Bild machen können. Wenn das Format auf diese Weise bei einigen Menschen ein paar Vorurteile abbauen kann, wäre vermutlich schon viel gewonnen.

Drei Folgen der neuen Doku-Reihe «Obdachlos - Einzug in ein neues Leben» zeigt VOX ab dem 11. Februar immer dienstags um 20.15 Uhr.

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