First Look

«Nancy Drew»: Kleine Schüfflerin, ganz «Riverdale»

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Die kleine, quirlige Jugenddetektivin Nancy Drew ist erwachsen, gibt sich körperlichen Gelüsten hin und ist geknickter denn je zuvor: «Nancy Drew» wird durch den «Riverdale»-Filter gejagt.

Die junge, goldige Detektivin, die auf sich selber aufpassen kann


Serienfakten

  • Ausführende Produzenten: Lis Rowinski, Noga Landau, Melinda Hsu Taylor, Stephanie Savage, Josh Schwartz
  • Cast: Kennedy McMann, Leah Lewis, Maddison Jaizani, Tunji Kasim, Alex Saxon, Alvina August, Riley Smith, Scott Wolf
  • Musik: Siddhartha Khosla
  • Kamera: John S. Bartley
  • Schnitt: Jesse Ellis
Sie ist nicht so alt wie Micky Maus, aber älter als Donald Duck, Superman oder Batman: Die Detektivin Nancy Drew. Das erste Buch über die von zahlreichen Ghostwritern verfasste Schnüfflerin erschien 1930. Seither ist sie ein großer Bestandteil der US-Popkultur. Jahrzehntelang als 16-Jährige beschrieben und später in manchen Werken zur 18-Jährigen gealtert, sorgte sie für über 80 Millionen Buchverkäufe und zahlreiche Adaptionen in anderen Medien. Nancy Drew wird in ihren Jugend-Krimiromanen als selbstständige, bescheidene Ermittlerin skizziert, die psychologische Tricks beherrscht, sich in den feinen Künsten ebenso auskennt wie damit, diverse Gerätschaften zu bedienen, und die ihr Umfeld mit einer goldigen Persönlichkeit für sich gewinnt, selbst wenn sie sich selber nicht als attraktiv bezeichnen würde.

Über die Jahrzehnte variierte, wie proaktiv sie ist oder wie viel Glück ihr in die Karten spielt, genauso wie sich die Kernzielgruppe veränderte: In manchen Jahrzehnten als Unterhaltung für junge Kinder gedacht, gab es auch Phasen, in denen ihre Geschichten zwar familienfreundlich blieben, aber eher Jugendliche anvisierten.

Die knuffige Adaption


Vor wenigen Monaten erschien mit «Nancy Drew and the Hidden Staircase» ein Kinofilm, der die quirlig-aufgeweckte, kindliche Seite von Nancy Drew unterstreicht: Inszeniert von Katt Shea («Heimkehr in den Tod»), zeigt der Familienfilm die Titelheldin als aufgeweckte, auch dezent hibbelige 16-Jährige, die mit unschuldiger sowie unermüdlicher Energie gegen Kleingauner vorgeht, die mit den lokalpolitischen Bemühungen ihres Vaters Probleme haben. Zudem hilft sie einer älteren Frau, der Unbekannte Angst machen wollen.

Sophia Lillis, deren noch junge Karriere bislang von dunkleren Stoffen wie «Es» und «Sharp Objects» bestimmt ist, zeigt sich in «Nancy Drew and the Hidden Staircase» von ihrer unbeschwerten Seite – passend zur Regieführung und dem leicht verdaulichen Skript. «Nancy Drew and the Hidden Staircase» ist ein "flauschiger" Film, munteres Familien-Wohlfühlkino, produziert von US-Talklegende Ellen DeGeneres.

Der Fall des versteckten Kinofilms


«Nancy Drew and the Hidden Staircase» ist außerdem ein "versendeter" Kinofilm: Der Verleih Warner Bros. gab dem Neunzigminüter trotz der berühmten Produzentin und der ebenfalls sehr bekannten Hauptdarstellerin nur einen kaum beworbenen, limitierten Leinwandstart, ehe der Film ungewöhnlich rasch auf digitalen Plattformen landete. Die Beweggründe sind nicht bekannt, doch sogleich mehrere Branchenkenner mutmaßten, dass Warner den Film stiefmütterlich behandelte, damit er nicht von der diesen Herbst neu startenden The-CW-Serie «Nancy Drew» ablenkt. Denn auch wenn Warner nicht in die Produktion der Serie involviert ist, so trägt Warner das kleine US-Network zu 50 Prozent, zusammen mit seinem an der Serie beteiligten Mitbewerber CBS.

Ob diese Mutmaßungen zutreffen, werden wir wohl nie herausfinden – es sei denn, eine reale Nancy Drew nimmt sich dem Fall an. Die neuste Interpretation der fiktionalen Nancy Drew hat derweil ganz andere Dinge zu tun. Denn in ihrer neuen Serie ist sie 18 Jahre alt und wird zu Serienbeginn gemeinsam mit vier Freunden zur Zeugin eines Mordfalls. Der Polizeichef handelt die fünf Freunde zu deren Verwunderung als Hauptverdächtige – nicht zuletzt, weil er Nancy nicht leiden kann, da er sie als neunmalkluge Störenfriedin erachtet …

Die deprimierte Nancy mit aktivem Sexleben


Anders als der "Wir aktualisieren die Technologie, mit der Nancy Drew arbeitet, doch davon abgesehen gehen wir zurück zu den kindlich-munteren Wurzeln"-Kinofilm ist die neue «Nancy Drew»-Serie eine Produktion, die voll auf der «Riverdale»-Welle mitschwimmt, indem sie bisher kindertaugliches Material auf postpubertäre Weise interpretiert. So, wie die Helden der jahrzehntelang als Synonym für "Kinder-Comics" gehandelten Archie Comics in «Riverdale» mit Sex und Gewalt konfrontiert werden, ist auch diese Nancy Drew aus den Kinderschuhen gewachsen. Sie hat unverbindlichen Sex mit ihrem Kumpel Nick, und anders als sämtliche vorherigen Versionen von Nancy Drew steckt diese den Tod ihrer Mutter nicht einfach weg, sondern trägt ihn als emotionale Last mit sich.

Zudem herrscht in ihrem Umfeld ein launenhafter Tonfall vor, wie es ihn in «Nancy Drew»-Versionen noch nicht zu sehen gab. Und auch wenn frühere «Nancy Drew»-Geschichten ab und zu von vermeintlichen Geistern handelten, die sich aber alle als Humbug herausgestellt haben, spielt die neue «Nancy Drew»-Serie (nach jetzigem Stand) als einzige Version des Stoffes in einer Welt des magischen Realismus: Sofern eine spätere Episode Ereignisse aus der Pilotfolge nicht dieserweltlich erklärt, gibt es in der Serienwelt tatsächlich Geister, wenngleich sie (nach jetzigem Stand) nichts mit Nancys zentralem Kriminalfall zu tun haben.



Halbseiden kopiert, statt eigenständig adaptiert


Manche «Nancy Drew»-Puristinnen und -Puristen werden gewiss widersprechen, aber gemeinhin ist nichts dagegen zu sagen, der gewieften Schnüfflerin die «Riverdale»-Behandlung zu verpassen. Bedauerlich ist jedoch, wie verkrampft die von Nora Landau, Josh Schwartz und Stephanie Savage erdachte Serie auf das große Vorbild schielt. Zumindest der Serienauftakt findet keine eigene tonale oder inhaltliche Persönlichkeit, so dass es weniger wie eine Neuerfindung Nancy Drews anmutet und mehr wie eine verworfene «Riverdale»-Folge. Da hat «Chilling Adventures of Sabrina», eine weitere "erwachsene" Neuinterpretation einer einstigen Kinderfigur, allein schon in der Auftaktfolge mehr Eigenständigkeit entwickelt – und dabei teilt sich die Hexenserie diverse kreative Köpfe mit «Riverdale».

Natürlich wird sich erst noch zeigen müssen, ob «Nancy Drew» noch in ihre neuen "Erwachsenenklamotten" rein wächst. Visuell ist die Serie schon einmal vergleichsweise edel für The-CW-Verhältnisse (auch wenn die Lichtsetzung und Kameraführung noch immer nicht so stimmungsvoll ist wie bei … ihr ahnt schon, bei welcher Serie). Und der Cast hat ansteckende Spielfreude am Material, selbst wenn die Charakterzeichnung noch etwas schwammig ist und die dramatischeren Szenen eher forciert als gelebt rüberkommen. Da zünden schon eher die Momente, in denen Nancy Drew mit augenzwinkerndem Sarkasmus ihre Ermittlungen kommentiert – hier wird die Serie zu "«Nancy Drew» in erwachsen", ohne sich am «Riverdale»-Rockzipfel zu klammern.

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