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Analoge Filme in einer digitalen Welt

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Das Digitalkino hat sich nicht derart durchgesetzt, wie seine Verfechter es vor wenigen Jahren prophezeit haben: Noch immer drehen zahlreiche Filmschaffende auf analogem Material. Aber warum ..?

Digitale Projektion mag im Kino längst Alltag geworden sein. Doch in der Welt des Filmemachens bleibt der Analogfilm eine Konstante. Zwar entstehen zahlreiche Kinoproduktionen unter Gebrauch von Digitalkameras, wie etwa sämtliche Marvel-Studios-Filme ab Phase zwei des Marvel Cinematic Universe, und auch diverse berühmte Regisseure wie David Fincher und Steven Soderbergh schwören auf Digitalkameras. Doch genauso gibt es Filmschaffende, die Analogfilm bevorzugen. Derzeit steht mit Quentin Tarantino jemand an der Spitze der deutschen Kinocharts, der auf Film schwört: Wie all seine Kinofilme zuvor, wurde auch «Once Upon a Time in Hollywood» analog gefilmt, in diesem Fall hauptsächlich auf 35mm, doch auch 8mm und 16mm kamen zum Einsatz.

Dass «Once Upon a Time in Hollywood», genauso wie das Neil-Armstrong-Biopic «Aufbruch zum Mond», Spike Lees 70er-Jahre-Rassismus-Thrillersatire «BlacKkKlansman» oder die im Jahre 1969 spielende Gangster-Dramödie «Bad Times at the El Royale», aus nostalgischen Gründen auf Film gedreht wurden, dürfte nicht überraschen. All diese Produktionen tauchen stilistisch tief in ihr zeitliches Setting ein, und da ist es sinnvoll, zum Nachahmen der Filmästhetik jener Zeit auch auf Analogfilm zurückzugreifen. Oder wie Regisseur Ang Lee, der zwischen Digital- und Analogkameras wechselt, in einem 'Empire'-Interview erklärte: "Ich mag beides. Es ist, wie Bananen mit Orangen zu vergleichen – ich weiß nicht, wieso Leute versuchen, mit digitalen Kameras den Look von analogen zu imitieren."

Kenneth Branagh bevorzugt analoges Filmemachen – zumeist auf 35mm, sein Agatha-Christie-Krimi «Mord im Orient-Express» dagegen drehte er auf 65mm. Als Grund nannte er, dass 65mm-Film sowohl eine greifbarere Tiefenschärfe als auch eine definierte Darstellung von Details gestatten würde. Somit könnte er gleichzeitig die klaustrophobische Stimmung, in einem Zug festzusitzen, als auch den pompösen Glanz der Kostüme und Requisiten seines Films einfangen. Für den Dreh nahm er die vier letzten 65mm-Kameras der Welt in Beschlag.

Doch nicht nur Filme, die in der Ära des Analogkinos spielen, verlassen sich heutzutage auf analoges Filmmaterial. Auch die Videospieladaption «Pokémon Meisterdetektiv Pikachu» wurde auf 35mm gedreht. Der zweifach für den Oscar nominierte Kameramann John Mathieson erläuterte gegenüber 'Newsweek' seine Entscheidung, auf analoge Kameras zu setzen: "Es sieht realistischer aus." Für Mathieson ist das Farbspektrum eines analog gedrehten Films angenehmer, vor allem Blautöne und Cyan kämen auf Analogfilm besser rüber, und Rottöne seien nicht so aggressiv wie auf Digitalkameras.

Die Entscheidung zwischen analogem oder digitalem Filmemachen kann aber auch von der persönlichen Präferenz der Filmschaffenden abhängig sein, wie der Prozess abzulaufen hat. So begrüßt «Inception»-Regisseur Christopher Nolan die Zeitersparnis beim Analogfilm. In einem Artikel für die Directors Guild of America erklärte er, dass man mit dem entsprechenden Vorwissen und Timing einen analogen Film innerhalb maximal 14 Stunden so entwickeln kann, dass er das erwünschte Farbspektrum hat, während die Farbkorrektur bei einem Digitalfilm bis zu acht Wochen in Anschlag nehme. Dieser digitale Prozess erlaubt jedoch detailliertere Einflussnahme auf die Ästhetik eines Films und einzelner Shots.

Schlussendlich ist die Wahl zwischen Analog und Digital wie die Wahl des Pinsels bei der Malerei: Es ist ein Handwerkszeug, und entscheidend ist, wie man es einsetzt. Kommende Filme, bei denen sich die Verantwortlichen für den analogen Weg entschieden haben, sind unter anderem Martin Scorseses Netflix-Gangsterfilm «The Irishman», «Star Wars – Der Aufstieg Skywalkers», «Wonder Woman 1984», der Thriller «Seberg» mit Vince Vaughn, Kristen Stewart, Margaret Qualley und Zazie Beetz über die wahre Geschichte, wie ein Schauspielstar wegen einer Beziehung zu einem Bürgerrechtler ins Visier des FBI geriet, der Kammerspiel-Horror «The Lighthouse» mit Willem Dafoe und Robert Pattinson, Greta Gerwigs «Little Women» sowie James Grays Sci-Fi-Drama «Ad Astra». Über die Ästhetik wird dann noch geurteilt …

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