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«Dead to Me»: Trauern in den Suburbs

von   |  2 Kommentare

Eine Tragikomödie über trauernde Frauen? Netflix macht vor, wie dieser augenscheinlich perverse Genre-Mix funktionieren kann – vor allem, wenn man die Hauptrolle mit Christina Applegate besetzt.

Cast & Crew

Produktion: Gloria Sanchez Productions, Visualized, Inc. und CBS Television Studios
Schöpferin: Liz Feldman
Darsteller: Christina Applegate, Linda Cardellini, James Marsden, Max Jenkins, Sam McCarthy, Luke Roessler, Edward Asner u.v.m.
Executive Producer: Liz Feldman, Will Ferrell, Adam McKay, Jessica Elbaum, Christina Applegate und Christie Smith
Wenn plötzlich ein geliebter Mensch verstirbt, steht man nicht nur vor einem seelischen Ausnahmezustand. Zumindest wenn man in einem dieser amerikanischen Vororte mit weißgestrichenen Zäunen und überbreiten Doppelgaragen lebt, muss man sich dann auch noch die wohlmeinenden Housewives vom Hals halten, die einem mit ungenießbar verkochten Casseroles in den Händen die Bude einrennen. Das zehrt neben der ohnehin schon enormen psychischen Belastung noch zusätzlich an den Nerven.

So geht es auch Jen Harding (Christina Applegate), deren Ehemann kürzlich beim Joggen überfahren worden ist. Seitdem fotografiert sie in einem Umkreis von mehreren Meilen jeden Wagen mit eingedellter Kühlhaube, dessen Fahrer der unbekannte Schuldige sein könnte. Wenn sie für ihre beiden Söhne nicht die tapfere Witwe gibt, schließt sie sich auf der Toilette ein und heult Rotz und Wasser.

Seit kurzem hat sie Anschluss an eine Trauergruppe gefunden, wo sie sich schwer tut, den sentimentalen Bullshit der übrigen Teilnehmer unkommentiert stehen zu lassen. Aber wenigstens lernt sie dort Judy (Linda Cardellini) kennen, eine etwas durchgeknallte gleichaltrige Frau, die bei den Lass-es-raus-Stuhlkreis-Gesprächen ihr halbes Dutzend Fehlgeburten verarbeitet. Die Beiden finden durch gemeinsame Hobbys, Interessen und Lebenshindernisse – genauer: alte Serien im Nachtprogramm, Marihuana und Schlaflosigkeit – schnell zueinander. Was Jen nicht weiß: In einer Garage am Ortsrand hat Judy ein Auto untergestellt: mit völlig zerbeulter Front und gesprungener Windschutzscheibe.

Chefautorin Liz Feldman weiß, dass das Warten auf die Konfrontation für eine ambitionierte Serie bei weitem nicht genug wäre. Ohnehin ist ob der Gesetzmäßigkeiten solcher Stoffe klar, dass Judy ihr düsteres Geheimnis nicht ewig wird verbergen können. Doch Feldmans wache Beobachtungsgabe für die Lebensrealität dieser zwei Frauen und ihre unkomplizierte, ohne jegliche Berührungsängste erfolgende Annäherung an die Themen Schicksalsschlag und Trauer erweitert den Reiz dieses Formats beträchtlich.

Im Kern steht – alles andere wäre bei einer amerikanischen Serie auch nicht zu erwarten – eine lebensbejahende Botschaft, die auch in der Phase von Depression und Verarbeitung unweigerlich auf einen strahlenden Morgen deutet und von deutschem Weltschmerz meilenweit entfernt ist. Doch diese Botschaft kennt keinen Kitsch, sondern wird durch eine ernsthafte und zugleich komödiantisch treffsichere Begegnung mit dem harten Tobak ihrer Themen erreicht. Die starken darstellerischen Leistungen von Christina Applegate und Linda Cardellini machen diese Serie mit ihrer großen Spielfreue und ihrer mühelosen Beherrschung aller tragikomödiantischen Nuancen umso reicher.

«Dead to me» ist bei Netflix verfügbar.

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Kurz-URL: qmde.de/109222
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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
Sentinel2003
10.05.2019 11:58 Uhr 1
joar, eine geniale serie.
berlinertyp
10.05.2019 13:17 Uhr 2
Ich war sehr positiv angetan von der Serie. Leider wurde sie als Comedyserie angepriesen und für mich ist es eher eine extrem starke Dramedy - wenig überraschende Wendungen, aber im Großen und Ganzen war es eine starke erste Staffel!

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