First Look

«Bonding»: Von einer sensiblen Domina und ihrem schwulen Assistenten

von

In der neuen Netflix-Serie geht es zwar sexuell hoch her: Doch am intimsten und spannendsten ist sie immer dann, wenn es gerade nicht um Körpersäfte geht.

Cast & Crew

Produktion: Blackpills und Anonymous Content
Schöpfer: Rightor Doyle
Darsteller: Zoe Levin, Brendan Scannell, Micah Stock, Kevin Kane, Stephanie Styles, D'Arcy Carden, Theo Stockman u.v.m.
Executive Producer: Rightor Doyle, Dara Gordon, Jacob Perlin, Nina Soriano, Tom Schembri und David Sigurani
Seit ihrem High-School-Abschluss vor ein paar Jahren haben Tiffany (Zoe Levin) und Pete (Brendan Scannell) so gut wie keinen Kontakt mehr. Damals – etwa zu der Zeit, als Pete sich als schwul outete – hatten sie mal etwas miteinander, doch weil beide emotional ungehaltene Seelen sind, wurde nie wirklich was draus. Jetzt hat sich Tiffany doch mal gemeldet, und bietet ihrem Chronisch-Pleite-Kumpel direkt einen Job an. Und der hat es in sich.

Tiffany braucht einen Assistenten, der ihr auf Arbeit das Gesindel vom Leib hält, die Utensilien organisiert und dabei behilflich ist, die Kunden zu befriedigen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wenn sich Tiffany nicht gerade durch die stinklangweiligen Vorlesungen ihres übergriffigen Professors quält, um ihren Uni-Abschluss in Psychologie durchzuziehen, peitscht sie nachts als Domina allerhand verklemmte Männer aus und quetscht in dieser Funktion deren sensibelste Körperteile in die abartigsten Vorrichtungen.

Obwohl Netflix nicht HBO ist und weder links noch rechts des Atlantiks jugendschutzrechtliche Narrenfreiheit genießt, geht es in «Bonding» von Anfang an hoch her. Es gilt derselbe Disclaimer wie für Romane von Elfriede Jelinek: Wer etwas zarter besaitet ist und ein intaktes Sexualleben behalten oder niemals Happy-Birthday-to-you mit sexuell divergierenden Hintergedanken vorgesungen hören möchte, sollte einen weiten Bogen um diese Serie machen.

Alle anderen erwartet ein Höhepunkt (pun very much… ach, lassen wir das) unter den kürzlich gestarteten Netflix-Serien und ein liebevolles Kleinod, das interessanterweise immer dann am überzeugendsten und intimsten erzählt, wenn es einen Moment lang nicht um diverse Körpersäfte und –öffnungen geht.

Sowohl Tiffany als auch Pete haben ihren Platz in der Welt noch nicht gefunden, sind gebrochene Helden, intelligent und selbstbewusst, aber irgendwie orientierungslos. Beide scheitern auf ihre Weise daran, Sexualität und Zuneigung in ihrem Leben zu verbinden: Tiffany muss lernen, nicht-sexuelle Aufmerksamkeit zuzulassen und sich selbst als wertvolle Persönlichkeit anzuerkennen, und gerade weil sie vermutlich schon alles Vorstellbare gesehen hat, ist sie im Privaten schüchtern, zurückhaltend, selbstverleugnend, auch wenn sie das durch übertriebenes Eigenbrötlertum gut kaschieren kann. Pete ist dagegen auch im Körperlichen vergleichsweise unerfahren und mit der Alltäglichkeit des Sexuellen in seinem betont progressiv-urbanen Milieu überfordert. Durch einige Kuriositäten, Abartigkeiten, aufrichtige, ehrliche, intime Gespräche und sanfte Gehversuche in der harten Welt da draußen wachsen beide Figuren aneinander, und es ist eine große Freude, ihnen dabei zuzusehen – ganz ohne Anzüglichkeiten, versteht sich.

«Bonding» ist bei Netflix verfügbar.

Mehr zum Thema... Bonding TV-Sender Netflix
Kurz-URL: qmde.de/108958
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