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Gar nicht göttlich: Wie eine Produktionshölle «American Gods» vermieste

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Als visuell bahnbrechend und innovativ feierten Kritiker das starz-Drama in Staffel eins. Nach viel Trubel hinter den Kulissen ist «American Gods» in Staffel zwei nur noch ein Schatten seiner selbst.

Facts zum Format: «American Gods»

  • Genre: Drama/Fantasy
  • Vorlage: "American Gods" von Neil Gaiman
  • Showrunner: Bryan Fuller & Michael Green (Staffel 1) / Jesse Alexander (Staffel 2)
  • Darsteller: Ricky Whittle, Emily Browning, Crispin Glover, Bruce Langley, Yetide Badaki, u.v.w
  • Staffelumfang: Je 8 Episoden
  • Produktion & Vertrieb: FremantleMedia
  • Weltpremiere: 30. April 2017 (Starz)
In nicht wenigen Serien-Hitlisten fand sich das starz-Drama «American Gods» im Jahr 2017 wieder. Die Serien-Adaption des Fantasy-Romans von Neil Gaiman aus dem Jahr 2001, die amerikanische Geschichte mit Fantasy-Elementen und Versatzstücken unterschiedlicher altertümlicher Mythologien vermengte, war nicht gerade der zugänglichste Stoff. Doch es war wahre Fernsehkunst. Gerade der visuelle Stil, den Showrunner und «Hannibal»-Visionär Bryan Fuller an den Tag legte, sorgte für Zungenschnalzen bei Kritikern. Sein Showrunner-Kollege Michael Green, der für DC Comics geschrieben und später «Heroes» geschaffen hatte, trug derweil zur Verflechtung der sehr unterschiedlichen mythologischen Hintergründe und Persönlichkeiten zu einer harmonischen Mischung bei. «American Gods» war eine der interessantesten Serien des Jahres und auch deutsche Zuschauer kamen dank eines Amazon-Deals schnell in den Genuss der Produktion. Trotzdem mussten Fans froh sein, dass die Serie überhaupt weiterging.

«American Gods» in der Produktionshölle


Das Format kennzeichnet ein leuchtendes Beispiel, was zu viel Trubel hinter den Kulissen bei einem eigentlich funktionierenden Format anrichten kann. Viele Fans fürchteten das Ende oder zumindest den qualitativen Niedergang des bereits verlängerten Formats schon ab der Hiobsbotschaft, dass Fuller und Green die Serie nach Staffel eins verlassen würden. Den Ausschlag gaben finanzielle und kreative Differenzen mit Produzent FremantleMedia North America. Damit nicht genug: Fanlieblinge vor der Kamera wie Gillian Anderson und Kristin Chenoweth, die ein gutes Verhältnis zu Fuller haben, traten ihre Rollen nicht wieder an und hinterließen einen Cast, der nun deutlich weniger beeindruckte.

Jesse Alexander, der zuvor schon mit Fuller zusammengearbeitet hatte, sprang als Showrunner ein, doch dann wurden Gerüchte laut, dass der Urheber der Vorlage, Neil Gaiman, selbst noch kaum an «American Gods» mitarbeitete, weil er schon alle Hände mit «Good Omens» zu tun hatte, einer weiteren Adaption seiner Stoffe. Die Produktionshölle hielt an. Nachdem Alexander im Februar 2018 die Verantwortung übernommen hatte, wurde er im August wieder aufs Abstellgleis verschoben, wobei das Wort „gefeuert“ mit allen Mitteln vermieden wurde. Man hatte schließlich schon genug schlechte PR. Alexander hatte Quellen gut informierter US-Medien zufolge sechs Drehbücher für das Staffelfinale eingereicht, die alle von Starz und Fremantle abgelehnt worden waren. «American Gods» befand sich sechs Wochen in Produktionsverzug. Eigentlich hatte Fremantle das Budget des visuell einzigartigen und daher sehr kostspieligen Formats reduzieren wollen (Staffel eins soll pro Folge knapp 10 Millionen Dollar gekostet haben). Nun wollte das Studio die Staffel nur noch irgendwie zum Abschluss bringen.

Es geht nicht voran in «American Gods»


Das gelang letztlich und fast hätten Starz und Fremantle es tatsächlich geschafft, für Zuschauer den Eindruck zu erwecken, dass Staffel zwei das hielt, was Staffel eins versprach, als die Serie am 10. März zurückkehrte. Doch die Serie plätschert in den ersten Folgen vor sich hin, ohne wirklich voranzukommen. Im Staffelstart befindet sich Mr. Wednesday, der eigentlich der nordische Gott Odin ist, weiter auf seiner Mission, die alten Götter gegen die neuen zu vereinen – wie schon in Staffel zwei. In Episode zwei bereitet sich Mr. Wednesday auf eine große Schlacht vor. Das hat er auch schon in den neun Folgen davor. Natürlich gibt es auch andere, neue Handlungsstränge, die Fans bei der Stange halten sollen. Diese fühlen sich aber mehr so an als hätten selbst recht ideenlose Autoren versucht, das zu konservieren, was Staffel eins inhaltlich noch abhob. Ideenlose Autoren? Nach dem Ausscheiden von Alexander hieß es eigentlich, dass Neil Gaiman nun doch mehr die Zügel übernehmen würde. Kommt dies seiner Vision wirklich nahe?

Weiterhin hat Darsteller Ricky Whittle (Foto), der den Hauptprotagonisten Shadow spielt, große Probleme damit, seine Figur wirklich menschlich genug darzustellen. Er wirkt wie eine Skulptur und Zuschauer bekommen nach wie vor kein richtiges Gefühl für seinen Charakter. Das ist deshalb ein kritischer Faktor, weil dem Zuschauer ohne einen Bezug zur Figur eigentlich nichts bleibt, um wirklich mitzufiebern. Mehr Einschaltargumente liefern da Pablo Schreiber als verrückter, aber im Herzen dennoch guter irischer Kobold und Emily Browning als langsam vor sich hinsiechender Zombie. Doch selbst der oft gefeierte Ian McShane wirkt diesmal als versuche er etwas zu arg, exzentrische Energie zu versprühen.

Die Starz-Serie verliert ihre Persönlichkeit


Was ist mit dem Look, der Staffel eins so stark von anderen Formaten abhob und der viele Fans sicher auch ganz ohne Geschichte dahinter zum Einschalten bewegt hätte? Dieser wurde nun zu einem ebenfalls üppigen, elektrischen Produktionsdesign verwandelt, der an Staffel eins aber einfach nicht heranreicht. Doch es ist schwer zu sagen, ob die neuerliche Enttäuschung über den Look des Formats nicht einfach daher rührt, dass es wirkt als würde eigentlich nichts in der Serie passieren. Es scheint, als habe Jesse Alexander ein für ihn überwältigendes Opus übernommen, in dessen Schönheit er sich derart verlor, dass er eine wirkliche Geschichte vergaß. Bei dieser Meinung müssen Kritiker allerdings auch auf Staffel eins verweisen, wo dies stellenweise ebenfalls der Fall zu sein schien.

Staffel eins war teilweise schmerzhaft langsam und maßlos erzählt, doch sie war resolut darauf bedacht, nicht den klassischen Regeln eines Premium-Kabel-Dramas zu folgen und genoss daher die Gunst vieler Zuschauer und Kritiker, die originelle neue Stoffe sehen wollen. Jede Episode startete mit einer Art Parabel, die die Bedeutung eines bestimmten Gotts in seiner Kultur erklärte. Diese Sequenzen wirkten visuell teilweise wie Musikvideos oder moderne Gemälde. Staffel zwei erscheint dagegen nur noch funktional für die eigentlich sehr dünne Erzählung und erlaubt sich weniger Wahnsinn und Freizügigkeit.

Wenn die visuelle Kreativität, Action und Sex heruntergedreht werden, die Show damit ihre Ästhetk und Persönlichkeit verliert, tritt die Geschichte mehr in den Vordergrund. Das ist eine einfache Rechnung. Und ist diese Geschichte nicht des Erzählens wert, langweilt das den Zuschauer. Das scheint in Staffel zwei von «American Gods» der Fall zu sein, die wie eine Light-Version der ersten Runde wirkt. Man muss der Fortsetzung der Starz-Serie wohl das vielleicht bitterste Urteil nach einem anspruchsvollen und innovativen Beginn geben: «American Gods» ist nur noch schaubar. Nicht mehr und nicht weniger. Und das, obwohl eine dritte Staffel bereits beschlossene Sache ist. Mit einem neuen Showrunner.

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