Die Kino-Kritiker

«Beale Street» - Liebe in Zeiten des Rassenhasses

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Nach Barry Jenkins‘ furiosem Kritikererfolg «Moonlight» legt er mit «Beale Street» nach und erzählt darin eine berührende Liebesgeschichte, eingebettet in eine Milieustudie der Siebzigerjahre, in denen sich Schwarze aktiv gegen Vorurteile und Hass zur Wehr setzen mussten.

Filmfacts: «Beale Street»

  • Start: 7. März 2019
  • Genre: Drama
  • Laufzeit: 119 Min.
  • FSK: 12
  • Kamera: James Laxton
  • Musik: Nicholas Britell
  • Buch und Regie: Barry Jenkins
  • Darsteller: KiKi Layne, Stephan James, Regina King, Colman Domingo, Teyonah Parris, Michael Beach, Ed Skrein
  • OT: If Beale Street Could Talk (USA 2018)
Seit «Moonlight» 2017 den Oscar für den „Besten Film“ gewann, hat sich dieser Moment für alle Zeiten ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Fälschlicherweise wurde kurz zuvor nämlich «La La Land» als Sieger ausgerufen, eh ein paar Minuten später der Irrtum aufgeklärt wurde, der «La La Land»-Cast ein wenig bedröppelt abtrat und stattdessen dem «Moonlight»-Ensemble die große Bühne überließ. Diese so einige Folgen nach sie ziehende Anekdote hat gefühlt mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als der Gewinnerfilm selbst. Zugegebenermaßen ist ein knallbuntes Hollywood-Musical eben auch einfach der größere Crowdpleaser als ein herbes Milieudrama, auch wenn dieses nicht minder schön bebildert ist und erzählerisch zweifelsohne die größere Relevanz besitzt. Es wird spannend sein, zu sehen, wann sich Regisseur Barry Jenkins davon frei machen kann, einfach nur der Macher des Films zu sein, der «La La Land» den Oscar vor der Nase weggeschnappt hat; vielleicht schon mit seinem neuen Werk «Beale Street», basierend auf dem Roman «If Beale Street Could Talk» von James Baldwin.

Das Drama über ein Liebespaar, dessen junges Glück auf eine harte Probe gestellt wird, trägt überdeutlich die Handschrift des gebürtig aus Miami stammenden Autorenfilmers, der sich inszenatorisch klar auf die Stärken seines letzten Films verlässt. Die wirken immer noch – «Beale Street» ist aussagekräftiges Gefühlskino vor anklagender Kulisse, doch in «Moonlight» fühlte sich das alles noch ein klein wenig frischer an.

Unschuldig im Gefängnis


Im Amerika der Siebzigerjahre steht der Rassismus gegenüber Farbigen auf der Tagesordnung. Die 22-jährige Tish (KiKi Layne) und der Bildhauer Fonny (Stephan James) sind ein junges Paar im ärmlichen Viertel Harlem. Fonny wird fälschlicherweise der Vergewaltigung an einer Puerto-Ricanerin beschuldigt und kommt ohne Prozess unschuldig ins Gefängnis. Kurze Zeit später erfährt Tish, dass sie von Fonny ein Kind erwartet. Mit Zuversicht versichert sie ihm, ihn noch vor der Geburt aus dem Gefängnis zu holen. Mit Hilfe der Familie versucht sie mit allen Mitteln seine Unschuld zu beweisen…

Der zwischen 1924 und 1987 lebende Schriftsteller James Baldwin wurde selbst im Problemviertel Harlem geboren und erlebte offen ausgelebten Rassenhass seiner Zeit am eigenen Leib. Da ist es naheliegend, dass seine Romane, Essays und Erzählungen oft von genau diesem Thema handeln. Einige davon fanden sogar bereits ihren Weg auf die Leinwand: Etwa die preisgekrönte Dokumentation «I am Not Your Negro». In «Beale Street» erzählt Baldwin zwei Geschichten auf einmal, die sich gegenseitig beeinflussen. Auf der einen Seite ist da die Liebesgeschichte zwischen Tish und Fonny, auf der anderen Seite der Kriminalfall rund um Fonnys angebliche Vergewaltigung einer Frau (die auf eigene Faust unternommenen Ermittlungen von Mutter Sharon wirken leider arg fehl am Platz). Man könnte sogar noch eine dritte Ebene hinzunehmen, denn «Beale Street» steht stellvertretend für das Schicksal ausgegrenzter Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten der Siebzigerjahre.

Viel Stoff für einen noch nicht einmal zweistündigen Film, der nur deshalb funktioniert, weil Barry Jenkins die schon in der Romanvorlage eng verzahnten Erzählebenen hier noch stärker miteinander verknüpft. Lediglich in Rückblenden sprechen Szenen auch mal für sich und den Moment. Es sind die unbeschwerten Aufnahmen einer sich langsam entwickelnden Liebe, in denen sich Mann und Frau selbst genügen, ganz gleich, was sich um sie herum abspielt. Doch damit ist es nicht getan. In «Beale Street» hängt alles mit allem zusammen. Die Liebe kann sich in dieser Umgebung nicht frei entfalten, Fonnys Anklage stellt das junge Glück auf eine harte Probe und zwischen alledem entwickelt sich die Frage, ob man wirklich ein Kind in diese Welt setzen sollte.

Eine starke Liebesgeschichte in fantastischen Bildern


Barry Jenkins stellt sein Protagonistenpärchen vor eine solch gewaltige Masse an Problemen, dass es hin und wieder so wirkt, als existierten diese wahlweise zum Selbstzweck, oder aber nur, um die enge Verbindung der beiden zusätzlich zu unterstreichen. Da werden Tishs von der Schwangerschaft überraschten Schwiegereltern schon mal so sehr überzeichnet dargestellt, dass die Ereignisse in «Beale Street» an Glaubwürdigkeit verlieren. Dasselbe gilt für die betonte Überdramatisierung von Szenen wie dem ersten intimen Kontakt zwischen Tish und Fonny, oder der Geburt des Kindes. Alles wirkt inszeniert und filmisch; aber genau deshalb heben sich die beiden Hauptdarsteller KiKi Layne («Native Son») und Stephan James («Zeit für Legenden») umso stärker vom Rest ab. Die Gefühle zwischen den beiden Figuren fühlen sich zu jedem Zeitpunkt echt an – und letztendlich geht es in «Beale Street» vornehmlich um genau das. Tish und Fonny sind ein absolut glaubhaftes Liebespaar, dem man sein Glück von Herzen gönnt.

Hier sind die Szenen am stärksten, in denen sich die beiden mit jenen Problemen auseinandersetzen müssen, die Jenkins zum Teil zu sehr forciert. Die Schwierigkeit eines afroamerikanischen Pärchens bei der Wohnungssuche oder ein von Unruhen begleiteter Ausflug in einen Supermarkt – Tish und Fonny zeigen dem Publikum ihr Harlem in den Siebzigerjahren und damit ganz nebenbei, was Rassenhass damals (und zum Teil heute noch) wirklich bedeutet.

Schon «Moonlight» war optisch über jeden Zweifel erhaben – und zwar nicht, weil es den Machern gelang, drei Schauspieler zu finden, um ein und dieselbe Figur in drei verschiedenen Altersstufen so zu verkörpern, dass man den Eindruck haben konnte, hier tatsächlich einem einzigen Menschen beim Altern zuzuschauen. In «Moonlight» war der Name Programm, als Kameramann James Laxton zwei Stunden lang eine visuelle Bandbreite auffuhr, die von purer poetischer Magie bis rauem Charme reichte, um das schwierige Leben der Jungen im sozialen Brennpunkt von Miami stimmungsvoll zu bebildern. Der wiederkehrende Laxton scheint «Beale Street» wie eine optische Antithese zu «Moonlight» zu verstehen. Diesmal spielt er anstatt mit dem Mond- mit dem Sonnenlicht, um seine Bilder damit regelrecht zu durchfluten. Szenen, in denen Tish und Fonny einfach nur eine Straße entlang gehen, werden durch das Spiel mit verschiedenen Braun- und Orangetönen zu magischen Begegnungen zwischen zwei Menschen.

Das ist zwar alles andere als subtil, zumal der auch an «Moonlight» beteiligte Komponist Nicholas Britell («Vice – Der zweite Mann») all diese Szenen mit einem Score untermalt, der hier und da zu sehr vorgibt, was der Zuschauer zu fühlen hat. Doch am Ende fügt sich eben alles doch wieder so passend zusammen, wie der Zuschauer es bereits aus «Moonlight» gewohnt ist.

Fazit


«Moonlight»-Regisseur Barry Jenkins beweist mit seinem Drama «Beale Street», wie sehr er die Lebenssituation der schwarzen US-Bevölkerung verinnerlicht hat und liefert ein rührendes Portrait über zwei Liebende ab, das sich allerdings ein bisschen zu sehr auf seinen Status als Milieustudie verlässt.

«Beale Street» ist ab dem 7. März in den deutschen Kinos zu sehen.

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