Die Kritiker

«Dead End»

von

Der Stoff wird dem Titel gerecht: Denn die neue ZDFneo-Serie um ein gerichtsmedizinerndes Vater-Tochter-Gespann führt erzählerisch nirgendwo hin als in die Sackgasse.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Antje Traue als Dr. Emma Kugel
Michael Gwisdek als Dr. Peter Kugel
Victoria Schulz als Betti Steiner
Lars Rudolph als Michael Schubert
Fabian Busch als Lars Herbert
Corinna Kirchhoff als Dr. Eva Distelfink
Nikolai Kinski als Kevin Dorsett

Hinter der Kamera:
Produktion: Real Film Berlin GmbH
Drehbuch: Magdalena Grazewicz und Thomas Gerhold
Regie: Christopher Schier
Kamera: Thomas Kürzl
Produzentin: Katrin Goetter
Es beginnt ein bisschen wie im Western, als Dr. Emma Kugel (Antje Traue) nachts am menschenleeren, schummrigen Bahnhof des Brandenburger Kleinstädtchens Mittenwalde ankommt, sich mit ernster Miene die Kapuze überzieht und losmarschiert zum etwas abgelegenen Haus, wo ihr alter Vater Peter (Michael Gwisdek) lebt.

In gewisser Weise ist sie in seine Fußstapfen getreten: Beide sind Gerichtsmediziner. Doch während er sein ganzes Leben in der ostdeutschen Provinz verbracht hat und mit Leichen wie Beweismitteln eher rustikal umgeht, lebt Emma in Amerika, wo man Tatorte standardmäßig penibel abscannt, mit Tablets Knochenteile erfasst und alles feinsäuberlich in Datenbanken hämmert.

Dem eingebildet-prolligen Bürgermeister des Ortes ist es trotz nostalgischer Flirtversuche bald nicht mehr recht, dass die Wahl-Tennesseerin den weiten Weg aus Knoxville zurück in die Heimat angetreten ist. Denn seit ihrer Rückkehr stellen sich immer mehr Todesfälle als Morde heraus – auch weil ihr Vater trotz seines scharfen Auges und Sachverstands langsam tüddelig wird.

Dass er – sehr zu Emmas Entsetzen – in seinem Kühlschrank die Beinknochen eines vor Jahren verbrannten Landstreichers aufbewahrt, ist jedoch nicht seinem geistigen Verfall, sondern einer gewissen ländlich-rückständigen Exzentrik zuzuschreiben. Und schon hier muss man recht viel interpretieren, denn die Drehbücher verzichten weitgehend auf eine kohärente Ausführung ihrer Charaktere: Der alte Mann ist ein bisschen von gestern, aber trotz beginnender Alzheimer-Erkrankung immer noch auf Zack, die Tochter dagegen geradezu verstörend reserviert, gefühllos, kalt. Erst spät merkt man, dass dadurch ein dunkles Geheimnis in ihrer jüngeren Biographie etabliert werden soll, das eine gewisse Ambivalenz zu ihr als Figur voraussetzt.

Doch den größten Teil ihrer Laufzeit verbringt die ZDFneo-Serie mit ihren sechs Procedural-Fällen: So ist der verbrannte Landstreicher gar nicht an seinen Verbrennungen gestorben, sondern war schon dahingemeuchelt gewesen, als er in Brand gesteckt wurde, wie Emma schnell entdeckt hat. Noch dazu scheint der Fall etwas mit der dümmlichen Fitnessstudiobetreiberin zu tun zu haben, die vor kurzem fast wegen eines ihrer Sportgeräte aus dem Leben geschieden wäre.

Hier wie auch in all den anderen Fällen helfen Emma und Peter weniger ihr Ermittlungstalent als allerhand Zufälle, die in dieser außerordentlichen Häufung nur auf eine gewisse Schreibfaulheit der Autoren zurückgeführt werden können: Emma wird genau zur rechten Zeit angefahren, um auf die Idee zu kommen, sich das Bein des Brandopfers noch einmal genau anzuschauen. Eine Folge später fällt ihr beim Hähnchenschenkel-Essen auf, dass die aktuell zu bearbeitende Leiche einen Abdruck auf der Schulter hat, der genauso aussieht wie eine der Keulen. „Is‘ das nich‘ ‘n bisschen weit hergeholt“, fragt da nicht nur Vater Peter.

Irgendwie folgerichtig, aber trotzdem leicht verstörend ist schließlich, wie betont uncharismatisch und von der Welt entfremdet Hauptdarstellerin Antje Traue diese Bei-uns-in-Amerika-Emma anlegt. Und spätestens wenn sie ihrer Freizeitbeschäftigung – Taxidermie – nachgeht und dabei über einem aufgeschnittenen Kaninchen geistesversunken ihre düsteren Gedanken vor sich hin spricht („Das ist die wahre Welt, alles andere ist nur eine Idee, eine Vorstellung, es ist wunderschön.“), wird einem beim bloßen Zuschauen ganz anders.

Doch diese Wirkung bleibt Stückwerk und ist wohl nur zum Teil so intendiert. Wirklich atmosphärisch wird die Serie nie – dazu bleibt zu unklar, was sie eigentlich sein will: ein Stoff, der die Abgründe hinter der ländlichen Beschaulichkeit ernsthaft erkunden will, oder der sich mit ein paar flotten Gags, Anspielungen, Referenzen und oberflächlichen Dekonstruktionen zufrieden gibt? Dass sie ihre finale Folge mit einem Cliffhanger beendet, ist in diesem Kontext mutig: Nur steckt sie da schon längst in der titelgebenden Sackgasse fest.

ZDFneo zeigt sechs Folgen von «Dead End» dienstags ab dem 26. Februar, jeweils um 21.45 Uhr.

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