Die Kino-Kritiker

«Vice - Der zweite Mann» - Wie «The Big Short», nur mit Politik

von   |  1 Kommentar

Für Adam McKays Politsatire «Vice - Der zweite Mann» verwandelt sich Christian Bale in den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney.

Filmfacts: «Vice - Der zweite Mann»

  • Start: 21. Februar 2019
  • Genre: Komödie/Drama/Satire
  • Laufzeit: 132 Min.
  • FSK: 12
  • Kamera: Greig Fraser
  • Musik: Nicholas Britell
  • Buch & Regie: Adam McKay
  • Darsteller: Christian Bale, Amy Adams, Steve Carell, Sam Rockwell, Alison Pill, Eddie Marsan, Jesse Plemons
  • OT: Vice (USA 2018)
Diesem Adam McKay lässt sich schwer in die Karten schauen. Lange Zeit war der gebürtig aus Philadelphia stammende Filmemacher der kreative Kopf hinter allerlei Will-Farrell-Produktionen oder verdingte sich als Inszenator und Schreiber verschiedener Episoden von «Saturday Night Live», wodurch er sich in der Comedyszene einen fabelhaften Ruf erarbeitete. Diesen nahm er mit hinüber, als sein Name 2014 erstmals im Zusammenhang mit einem Film über die US-amerikanische Finanzkrise aufploppte. Ein Comedyspezialist als treibende Kraft hinter einem derart komplexen Stoff? Kann das gut gehen? Doch «The Big Short» ging nicht einfach nur gut. Er entwickelte sich über die Monate zu einem der Frontrunner in der Award-Season, gewann am Ende den Oscar für das Beste Drehbuch und wurde in vier weiteren Kategorien nominiert. Für McKay war es der berühmt-berüchtigte Absprung vom Unterhaltungs- zum Anspruchskino, an dem sich viele versuchen und an dem genauso viele scheitern. Nur mit einem Unterschied: McKay ist sich als Regisseur und Autor immer treu geblieben. Das gilt nicht nur für «The Big Short», für dessen satirische Ausarbeitung der Filmemacher auf inszenatorische Mechanismen zurückgriff, mit denen er genauso gut eine seiner harmlosen Blödelcomedys hätte inszenieren können.

Erst kürzlich trat er wieder einmal in der Produzentenposition eines Will-Farrell-Films auf («Holmes & Watson»), der sich aktuell sogar auf der Nominiertenliste für den Schmähpreis Goldene Himbeere wiederfindet. Das muss man sich einmal vorstellen: Ein Mann, zu gleichen Anteilen nominiert für den besten als auch für den schlechtesten Film des Jahres.

Die rechte Hand von George Bush


Er galt als einer der mächtigsten US-Vizepräsidenten aller Zeiten: Dick Cheney (Christian Bale). Doch das war nicht immer so: Erst schlägt er sich als versoffener Arbeiter durchs Leben, dann droht ihm seine Frau (Amy Adams), ihn aufgrund seines Alkoholproblems zu verlassen. Es ist der dringend nötige Weckruf, denn nachdem er über ein Praktikum erstmals Kontakt mit der US-amerikanischen Politik erhält, scheint er seine wahre Berufung gefunden zu haben. Donald Rumsfeld (Steve Carell) führt ihn in die Gepflogenheiten des Regierungsapparates ein, wo er seine Karriere als Politiker beginnt. Neben George W. Bush (Sam Rockwell) und unter dessen Vater (John Hillner) steigt er sogar zum Verteidigungsminister auf. Doch dieser kometenhafte Aufstieg zu einem der einflussreichsten Politiker der Welt geht mit (Fehl-)Entscheidungen einher, die das Land bis heute prägen…

Während er als Produzent von «Holmes & Watson» aber nur indirekt an den kreativen Entscheidungen seiner Macher beteiligt war, liegt die Inszenierung im Falle von «Vice – Der zweite Mann» einmal mehr vollständig in seiner Hand. Bei seinem nachdichtenden Porträt des ehemaligen US-Vize-Präsidenten Dick Cheney führte er nicht bloß Regie, sondern schrieb auch das Skript selbst. Das merkt man. «Vice» ist durch und durch ein Film aus McKay’scher Hand, was schnell dazu verleiten ließe, ihm vorzuwerfen, sich ja nur selbst zu zitieren. Und wenn man einmal ehrlich ist, dann könnte man an dieser Stelle sämtliche Vor- und Nachteile eines «The Big Short» aufzählen, sie auf «Vice» anwenden und hätte letztlich eine immerhin halbwegs korrekte Analyse des Films, ohne sich dabei den größten Aufwand gemacht zu haben. Für «Vice» spielt Adam McKay ein weiteres Mal mit verschiedensten filmischen Stilmitteln, um seinem Publikum ein eigentlich recht trockenes Thema möglichst unterhaltsam nahe zu bringen.

Doch während andere Filmemacher sich eben damit begnügen, die erklärenden Dialoge möglichst abwechslungsreich und flott zu schreiben (so ist es hier ja auch), geht es McKay vielmehr um die Präsentation derselben. Wir erinnern uns: In «The Big Short» empfing uns plötzlich Margot Robbie in einem Schaumbad, ums und wichtige Zusammenhänge der US-amerikanischen Immobilienblase zu erklären, einfach weil das Thema an sich ja schon langweilig genug ist, da sollte man es wenigstens spannend präsentiert bekommen.

Christian Bale gegen alle


Auch «Vice» geizt nicht mit derartigen (Meta-)Spielereien, die er von der Art und Weise, wie sie hier vorgetragen werden, genügend variiert, um nicht in lahme Wiederholung zu verfallen. Mal debattiert eine Gruppe zu Marktforschungszwecken über die im Film geschehenen Ereignisse (und verteilt ganz nebenbei auch noch Seitenhiebe auf Dinge, die mit Politik überhaupt nichts zu tun haben), ein anderes Mal lässt er seinen Film bereits nach rund der Hälfte der Laufzeit enden – inklusive erklärender Texttafel und Abspann – eh die skandalösen Verwicklungen Dick Cheneys überhaupt erst passieren. Wäre er doch bloß nicht an dieses verdammte klingelnde Telefon gegangen… Und wieder ein anderes Mal spielt McKay ein und dasselbe Ereignis mehrmals durch, immer in der Vorstellung einer anderen Person.

Das sind natürlich erst einmal nur inszenatorische Sperenzchen, gleichzeitig demaskieren die Macher so mit leicht nachvollziehbarer Hand das kontroverse Verhalten ihrer Protagonisten, zu denen nicht bloß die Cheneys gehören. «Vice» entlarvt neben dem titelgebenden Vize auch Zeitgenossen wie Donald Rumsfeld und die Bushs, wenngleich der Film gerade gen Ende immer weniger seinen amüsanten Tonfall beibehält, je dramatischer die Umstände werden. Das passt zur Thematik: Irgendwann lassen sich die Bilder von gefolterten Gefangenen auch mit größtmöglicher satirischer Distanz nicht mehr in ein halbwegs erträgliches Entertainment-Korsett zwängen.

Das ist auch der Grund, weshalb «Vice» mitunter ein wenig unentschlossen wirkt und gerade in den USA für ein äußerst zwiegespaltenes Kritikerecho gesorgt hat. Hinter all der Aufopferungsbereitschaft, aus «Vice» eine kurzweilige Geschichtsstunde der US-Politik zu machen, muss der Wert des Films als nüchternes Porträt Dick Cheneys zurückstecken. Das sorgt dafür, dass aus dem beleibten Zeitgenossen (Christian Bale nahm für seine Rolle über 45 Pfund zu) alles wird, vom ernst zu nehmenden Politiker zum sich selbst überschätzenden Idioten bis hin zur absoluten Witzfigur; aber einfach nur ein normaler Mensch ist er nie. Bale («American Hustle») hält diese Karikatur eines solch mächtigen Zeitgenossen gekonnt zusammen und wird dabei nie widersprüchlich, schafft es aber zu keinem Zeitpunkt, auch einen Blick hinter die Fassade preiszugeben. Selbst in den sehr intimen Momenten zwischen ihm und seiner Frau, wenn er etwa wieder einmal das Opfer einer Herzattacke geworden ist, ist all das nur ein Teil des Gesamtbildes von Dick Cheney als Loser. Und wenn er zum Schluss dann auch noch persönlich zum Publikum spricht und es indirekt mit dafür verantwortlich macht, dass alles kam, wie es kam, könnte der Schmerz kaum größer sein, unter dem er das Publikum gerade vor den Kopf stößt.

Da muss Amy Adams («Arrival») als seine Frau zwangsläufig zurückstecken, deren Wichtigkeit innerhalb dieses Zirkus zwar gut zur Geltung kommt, die jedoch buchstäblich im Schatten ihres Mannes bleibt. Das gilt allerdings nicht nur für sie: Auch Steve Carell («Foxcatcher»), Sam Rockwell («Three Billboards Outside Ebbing, Missouri»), Eddie Marsan («Atomic Blonde») und Jesse Plemons («Game Night»), um nur eine Handvoll all derer zu nennen, die Adam McKay für kleinere wie größere Nebenrollen verpflichten konnte, werden von Christian Bales einnehmender Präsenz an den Rand gedrängt. Und das passt zum Auftreten des unverhofften Politstars dann ja doch wieder ganz gut.

Fazit


Überträgt Regisseur Adam McKay sein bereits in «The Big Short» angewandtes, inszenatorisches Erfolgskonzept einfach nur vom Thema Immobilienblase auf die US-Politik? Schon irgendwie. Macht sein neuer Film «Vice – Der zweite Mann» entsprechend genauso viel Spaß und ist obendrein so richtig schön bissig? Auf jeden Fall!

«Vice – Der zweite Mann» ist ab dem 21. Februar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Nr27
20.02.2019 19:52 Uhr 1
Schon interessant: In den USA sind die Kritiken ja sehr gemischt ausgefallen, aber hierzulande habe ich bislang nur Positives gelesen. Ich freue mich jedenfalls darauf, schon wegen der schauspielerischen Leistungen ...

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