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Interview

Dietrich Brüggemann: 'Das Fernsehen ist hierzulande ein übertrieben bürokratischer Apparat'

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Der Regisseur und Autor findet, dass die ARD-Gremien einen Todesstern darstellen, aus dem oft reine Schnapsideen rauskommen. Mehr dazu und über seinen Murot-«Tatort» verrät er uns im Interview.

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Wenn du einen Kinofilm machst, dann nicht, weil du schlagartig ein Publikum von mehreren Millionen haben willst. Viele gute deutsche Filme laufen erstmal auf Festivals, laufen dann so lala regulär im Kino und dann gehen sie entweder unter oder entwickeln sich zu einem Film, der langfristig wirkt.
Dietrich Brüggemann
Mussten Sie sich bei der Arbeit an den beiden «Tatort»-Filmen nach all ihren Kinoarbeiten umgewöhnen, oder ist der Unterschied gar nicht so groß?
Ich weiß, dass manche deutsche Filmemacher über die Redaktionen schimpfen, aber meine Erfahrungen waren alle super. Ich bin mir bewusst, dass es auch damit zu tun haben dürfte, dass ich als Filmemacher beim «Tatort» erst rangetreten bin, nachdem ich mir einen Namen machen konnte. So oder so: Ich bin mit Respekt an den «Tatort» herangegangen, ich wollte zwar meine Freiheiten haben, aber dennoch mit den Leuten zusammenarbeiten statt überheblich da alles umzuwerfen. Das war wohl eine gute Mischung: Respekt und dennoch konkrete, eigene Vorstellungen – das hat alles geklappt.

Trotzdem: Das Fernsehen ist hierzulande ein übertrieben bürokratischer Apparat, auch wenn es mich als Filmemacher nicht direkt betrifft. Ich habe primär mit den Redaktionen zu tun, und da sitzen gute Leute, die für ihre Arbeit brennen und was Gutes erschaffen wollen. Aber sie sind in Apparate eingebunden, die viel, viel größer und komplizierter sind und weit, weit weg vom Filmemachen und der Passion dafür sind. Da stehen die Redateure oft auf einem hart umkämpften Posten und müssen sich gegen Leute stellen, die am liebsten nur Shows oder Polit-Talk oder Fußball zeigen wollen oder sontwas.

Die ARD-Gremien ergeben zusammen einen Todesstern, aus dem oft reine Schnapsideen rauskommen. Etwa der Gedanke, experimentelle «Tatorte» auf zwei pro Jahr zu begrenzen, obwohl keiner weiß, was nun ein experimenteller «Tatort» ist und was noch als normal durchgeht. Und auch wenn man dem nie direkt begegnet, spielt es schon irgendwie in die eigene Arbeit rein, und sei es nur in Form der Programmplanung.

Völlig unabhängig davon hat Kino ja seine eigenen Schwächen. Das Publikum ist wie gesagt viel kleiner. Wenn du einen Kinofilm machst, dann nicht, weil du schlagartig ein Publikum von mehreren Millionen haben willst. Viele gute deutsche Filme laufen erstmal auf Festivals, laufen dann so lala regulär im Kino und dann gehen sie entweder unter oder entwickeln sich zu einem Film, der langfristig wirkt.
Und das kann sehr unterschiedlich ablaufen. «3 Zimmer/Küche/Bad» etwa hat international kaum jemanden gereizt, hat sich aber im Inland auch weit, weit über die Kinoauswertung hinaus ein inniges Publikum aufgebaut – die Schauspieler werden heute noch auf der Straße auf den angesprochen. Sowas ist wahninng schön.

«Kreuzweg» ist da ein völlig anderer Fall: Der hatte nicht viele Zuschauer und wird auch nie viele haben. Aber er ist weit über die deutsche Grenze hinaus gekommen, er lief in sehr vielen Ländern und findet so seine Resonanz. Dann hat man da auf einmal Skype-Gespräche mit einem Typen in Bolivien, der eine Filmklasse unterrichtet und der den Film gezeigt hat. Oder man wird nach Kairo eingeladen, um über den zu referieren. Und mit «Heil» war ich in Jerusalem, das war ein unvergessliches Ereignis.

Und diese oder jene Wirkung hat man im TV mit Filmen nicht. Da läuft ein Film, erreicht ein größeres Publikum als aus dem Kino gewohnt und ist dann aus dem Sinn, es sei denn es wird ein absoluter TV-Klassiker. Daher: TV und Kino sind zwei verschiedene Felder, die ich nicht gegeneinander ausspielen möchte.

Ich weiß nicht, wie viele wanhsinnig tolle, mutige, originelle Projekte überhaupt eingereicht werden. Vielleicht werden die auch alle in vorauseilendem Gehorsam ausgebremst. Und die Fördergremien würden die finanzieren, würde jemand mit atypischen Ideen auf sie zugehen
Dietrich Brüggemann
Wenn Sie schon die Redaktionen in Schutz nehmen: Wie sehen Ihre Erfahrungen mit den von manchen Filmschaffenden kritisierten Filmförderungen aus?
Es ist schon was dran, dass die Finanzierung im Kino stressiger ist als der Versuch, einen Fernsehfilm in Gang zu bringen. Wenn ich einen eigenwilligen Fernsehfilm machen will, habe ich im Prinzip genau einen Ansprechpartner: Die Redakteurin oder den Redakteur. Sie oder er muss das dann im eigenen Haus durchfechten, aber für mich ist es stressfreier, weil ich warten kann, bis ich irgendwann höre: "Das machen wir" oder "das machen wir nicht".

Bei einem Kinofilm dagegen ist das langwieriger: Wir brauchen erstmal einen Sender, ohne Fernsehsender geht seit Jahrzehnten fast gar nichts mehr im deutschen Kino. Das fing schon mit dem Neuen Deutschen Film der 60er und 70er an, das wäre ohne Sender undenkbar gewesen. Und, weißt du was: Am besten nimmst du noch einen zweiten Sender dazu. Und oft muss noch ein dritter dazu. Es ist auch echt nicht schlecht, wenn einer der Sender arte ist.

Und dann stapeln sich die Sachen erst einmal bei den Sendern. Das heißt also: Warten. Und leider werden die Kino-Koproduktionsbudgets der Sender gnadenlos zusammengekürzt. Ich habe meine ersten Filme mit dem SWR gemacht und daher meine jüngsten beiden Sachen zuerst da eingereicht. Aber da hieß es: "Nö. 'tschuldigung. Wir haben schon sowas ähnliches, nochmal sowas können wir gerade nicht machen." Es ist dann auch egal, dass ich denen zuvor noch einen «Tatort» gedreht habe – das sind andere Abteilungen.

Und dann kommen halt die Fördergremien, mit denen man gar nicht reden kann, um Dinge zu erklären. Die sind irgenndwie ominös. Andererseits weiß ich nicht, ob sie wirklich ihren schlechten Ruf verdient haben. Ich weiß nicht, wie viele wanhsinnig tolle, mutige, originelle Projekte überhaupt eingereicht werden. Vielleicht werden die auch alle in vorauseilendem Gehorsam ausgebremst. Und die Fördergremien würden die finanzieren, würde jemand mit atypischen Ideen auf sie zugehen. «Victoria» etwa wurde gefördert und ist weit weg vom typischen deutschen Film. Und auch mein nächster Kinofilm bekam Förderung, er ist da sogar traumhaft durchgeglitten. Er trägt den schönen, kurzen Titel «Nö» und ist das mit Abstand eigensinnigste, was ich je gemacht habe. Er ist wirklich, wirklich wahnsinnig – ob im guten oder im schlechten Sinne, das sehen wir dann ja … (lacht)

Ich muss aber einräumen: Je seltsamer meine Filme wurden, desto schwieriger war es vor «Nö», sie zu finanzieren. Mein Debüt wurde problemlos gefördert, schon bei «3 Zimmer/Küche/Bad» war schwer zu vermitteln und «Kreuzweg» war wahnsinnig schwer. Und dass das mit «Heil» geklappt hat, liegt allein am Erfolg von «Kreuzweg». Da haben wir sofort losgelegt, ehe jemand nachdenken und Einspruch erheben konnte. (lacht) Daher … Ich glaube, was ich sagen will: Wenn andere Filmemacher stressfrei mit der Förderung arbeiten wollen, müssen die vorher ackern, ackern, ackern und dann noch eine gute Prise Glück haben.

Große Regiekarrieren basieren oft darauf, dass Leute häufig dasselbe machen – das beste Beispiel ist wohl Wes Anderson, dessen Filme alle in derselben Puppenhauswelt spielen. Ich bin wirklich kein Fan von ihm. Mir wäre das zu langweilig, mir einen Stil festzubetonieren
Dietrich Brüggemann
Obwohl Sie «Nö» als Ihren wahnsinnigsten Film bezeichnen, gibt es ein Element, das ihn in Ihrer bisherigen Filmografie erdet: Wie in «Neun Szenen» und «Kreuzweg» wird er in einigen, wenigen Szenen in festen Einstellungen erzählt. Ist das Stilmittel eine "Stütze", ein Kompromiss, um dem Publikum den Zugang zu erleichtern? Oder ist es einfach Ihr Lieblingsstilmittel? (lacht)
Ich versuche ja eigentlich immer, möglichst unterschiedliche Sachen zu machen. Es reicht ja schon, das ich immer derselbe bin. (lacht) Also habe ich mir selber die Pflicht gesetzt, jedes Mal wenigstens zu versuchen, das Rad neu zu erfinden. Nur: So, wie der Betrieb funktioniert, ist das keine danbkare Aufgabe. Denn will man sich in den Künsten etablieren, sollte man sich zu einem Spezialisten in einem Feld aufbauen, als eine klare Marke mit deutlich erkennbaren Elementen. Große Regiekarrieren basieren oft darauf, dass Leute häufig dasselbe machen – das beste Beispiel ist wohl Wes Anderson, dessen Filme alle in derselben Puppenhauswelt spielen. Ich bin wirklich kein Fan von ihm. Mir wäre das zu langweilig, mir einen Stil festzubetonieren. Aber ich muss anerkennen: Das funktioniert ja offenbar.

Ich ziehe es derweil vor, mit der Form zu spielen. Ich muss natürlich gestehen, dass ich mit diesen festen Einstellungen auf etwas gestoßen bin, das sehr gut funktioniert und das bislang nur ich in dieser Form mache. Trotzdem hoffe ich, dass ich diese Form stark zu variieren weiß. Mein großes Vorbild ist ja Roy Andersson, der auch Filme mit gewissen Ähnlichkeiten hat und dennoch immer völlig unterschiedliche Ergebnisse daraus gemacht hat. Und wer auch was drauf hat, ist übrigens Paul W.S. Anderson. Der Typ kann was, der inszeniert richtig, richtig knackig. Der segelt so immer unter dem Radar … dabei ist er sehr interessant!

Vielen Dank für das Gespräch.
«Tatort – Murot und das Murmeltier» läuft am 17. Januar 2019 ab 20.15 Uhr im Ersten.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Sentinel2003
16.02.2019 14:13 Uhr 1
Joar, der heilige Gral des tatort - Vorspanns.... :roll:

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