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Sexualität in der Pubertät: Netflix wagt den Bruch eines alten Tabus

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In Netflix-Produktionen rückt immer öfter Sexualität im Teenager-Alter in den Fokus. Ein Thema, das das Fernsehen zuvor nur mit Samthandschuhen anzufassen wagte, aber ungemein wichtig ist.

Schon vor ein paar Jahren hat Netflix die große Marktlücke in der Serienwelt entdeckt, die sich mittlerweile so richtig auszahlt für den Streaming-Dienst. Es begann im Jahr 2016 mit «Stranger Things», worauf Serien wie «Tote Mädchen lügen nicht», «Dark», «American Vandal», «The End of the F***ing World» oder das eingekaufte «Riverdale» folgten. Heute gehören Teenie- oder Young-Adult-Serien zu den meistgesehenen Formaten überhaupt auf Netflix. Das beweisen nicht nur die wöchentlichen Video-On-Demand-Charts, sondern auch die internationalen Nutzerzahlen, zu deren Veröffentlichung sich Netflix jüngst ausnahmsweise hinreißen ließ. 40 Millionen Nutzer sollen die Teen-Dramedy «Sex Education» bis zum 23. Januar 2019 bereits gesehen haben, dabei hatte Netflix seine Eigenproduktion erst am 11. Januar veröffentlicht. Der spanische Highschool-Thriller «Elite» soll innerhalb der ersten vier Wochen auf dem Streaming-Dienst außerdem ebenfalls astronomische 20 Millionen Abonnenten zum Einschalten bewegt haben.

Sexualität wird bei Teenie-Serien zum Genre-Trend


Der Erfolg von «Sex Education» und «Elite» steht stellvertretend für einen neuen Genre-Trend innerhalb des mittlerweile großen Netflix-Universums an Teenie-Serien. Denn sie behandeln immer öfter ein Thema, das früher nicht nur im Fernsehen als Tabu verstanden wurde: Sexualität in der Pubertät. Während bei «Elite» zwar ein Mordfall im Vordergrund steht, aber dabei recht zügellos auch das Sexualleben der Schüler einer spanischen Privatschule im Vordergrund steht, widmet sich das brandneue «Sex Education», von dem bereits eine zweite Staffel bestellt wurde, einer großen Bandbreite an Themen sexueller Natur, die pubertierende Teenager beschäftigen.

Weil die von Gillian Anderson gespielte Mutter der Hauptfigur Otis als Sexualtherapeutin ihr Geld verdient, steigt der Außenseiter in seiner Schule schnell selbst zum Ratgeber für unerfahrene Teenager auf. Es geht um Themen wie die Akzeptanz des eigenen Körpers, Sex ohne Liebe, unterdrückte Gefühle oder gleichgeschlechtliche Beziehungen. Von Kritikern erhielt der Neustart viel Lob, weil die Serie die Vielzahl unterschiedlicher sexueller Erfahrungen in den Teenager-Jahren abbildet, ohne je darüber zu urteilen, sie in eine Fantasie für Zuschauer zu verwandeln oder mit dem warnenden Zeigefinger zu wedeln. Dabei ist das Thema in den Medien eigentlich seit jeher unterrepräsentiert. Schlimmer noch: während höchstens Dr. Sommer, Freunde oder Familie Teenager aufklären, was häufig mit starken Einschränkungen oder sogar Fehlinformationen verbunden ist, erhöhte sich im Internet-Zeitalter der Zugang zu Pornografie massiv, sodass bei vielen jungen Menschen ein toxisches Bild von Sexualität entstand. Daher die Frage vieler Beobachter: warum gab es solche Serien nicht schon früher?

Blickt man zurück auf Teenager-Serien der Vergangenheit, offenbart sich ein unrealistisch keusches Bild junger Serienfiguren, auf deren Sexualität höchstens ansatzweise Bezug genommen wurde. Später erkannten viele Zuschauer dann, dass sowohl die Dinge, die im Fernsehen gezeigt wurden, als auch dass, was Schüler im Sexualkunde-Unterricht gelernt hatten, der Realität nicht wirklich nahekommt. Während sexuelle Aufklärung in Deutschland zumindest bundesweit auf dem Lehrplan steht, ist Sexualkundeunterricht in den USA nur in 24 der 50 Staaten verpflichtet. Umso besser, dass die Serienwelt gerade eine Goldene Ära sex-positiver Darstellungen in der Pubertät und im jungen Erwachsenenalter erlebt, die einer Generation junger Menschen dabei helfen, sich selbst und ihre Körper besser zu verstehen.

Die goldene Ära sex-positiver Serien mit Teenagern


Teenie-Serien auf Netflix

  • «American Vandal»
  • «Atypical»
  • «Big Mouth»
  • «Chilling Adventures of Sabrina»
  • «Dark»
  • «Degrassi: Die nächste Klasse»
  • «Eine Reihe betrüblicher Ereignisse»
  • «Elite»
  • «Everything Sucks!»
  • «One Day at a Time»
  • «Riverdale»
  • «Sex Education»
  • «Stranger Things»
  • «The End of the F***ing World»
  • «The OA»
  • «Tote Mädchen lügen nicht»
Formate, produziert oder koproduziert vom Streaming-Anbieter (alphabetisch)
Sexualität im Teenager-Alter war im Fernsehen nie komplett abwesend, aber die Behandlung des Themas schwankte bis vor kurzer Zeit meist zwischen zwei Polen: zwischen der idealisierten, melodramatischen Romanze, die die Unsicherheiten des echten Lebens völlig ignorierte und den „After-School Specials“, die vor sexuellen Übergriffen, Krankheiten oder ungewollten Schwangerschaften warnten und im Grunde nur alle negativen Facetten des Themas beleuchteten. Ausnahmen gab es trotzdem: zum Beispiel das britische «Skins», das bald eine US-Adaption erhielt oder «Thirteen», wobei diese Serien sich auf sexuell aufgeklärte Figuren bezogen, die im echten Leben eben auch nicht die Regel sind.

Die Figuren in «Sex Education» sind dagegen sehr unterschiedlich - in Sachen ethnischer Herkunft, sexueller Orientierung, Erfahrung, Persönlichkeit und psychologischen Hintergründen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt der Netflix-Cartoon «Big Mouth», der sich ebenfalls ganz und gar dem Thema Sexualität verschreibt, dabei aber noch früher im Leben der dargestellten Figuren ansetzt – nämlich ganz zu Beginn der Pubertät, als überhaupt erst einmal ein sexuelles Bewusstsein einsetzt, Haare wachsen, wo vorher keine waren oder die erste Periode einsetzt. Den Charakteren der animierten Comedy-Serie von Nick Kroll und John Mulaney erscheint darin ein „Hormon-Monster“, das in den Kids plötzlich Gefühle auslöst, die ihnen in ihrer kindlichen Unschuld vorher fremd waren. Nicht kindlich, dafür kindisch ist häufig auch der Humor des Formats, der jedoch das bekannte Chaos der Pubertät häufig tiefgründig abbildet, authentische Emotionen bedient und auch Erkenntnisse für Zuschauer schafft, die sich vorher nicht damit auseinandergesetzt haben, wie es eigentlich ist, im Körper eines anderen Geschlechts aufzuwachsen.

Doch nicht alle Netflix-Serien bilden Sexualität als etwas Normales oder sogar Positives ab. Das kontrovers diskutierte «Tote Mädchen lügen nicht» befasst sich mit sexuellen Übergriffen in mehreren Fällen, die verschiedene Serienfiguren in tiefe psychische Probleme stürzen. Für die teilweise sehr belastenden Szenen wurde das Format bereits mehrfach gerügt. Es wurden sogar Vorwürfe laut, das Format ergötze sich am Leid seiner Figuren.

Serien-Trend als Zeitzeugnis


Alle drei genannten Netflix-Formate sind dabei auch Zeugnis ihrer Zeit. In den vergangenen Jahren standen sexueller Missbrauch und ein moderner Feminismus im Mittelpunkt öffentlicher Debatten. Während «Tote Mädchen lügen nicht» also die teilweise schreckliche, häufig totgeschwiegene und vertuschte Alltagsrealität sexuellen Missbrauchs behandelt, schreiben Serien wie «Sex Education» und «Big Mouth» die Periode unseres Lebens um, in der Sexualität langsam Formen annahm und begutachten sie aus einer feministischeren und auch sex-positiveren Perspektive, um so dem patriarchalen, unmodernen Verständnis des Themas zu entkommen.

Der neue Zugang zu dem Thema eröffnet aber wiederum neue Debatten: sollen pubertierende Teenager mit derlei Serien wirklich derart offen mit Sexualität konfrontiert werden? Das ist die Frage, die sich zeitgleich unter Eltern stellt und die häufig noch verneint wird. Doch das ist der Knackpunkt: diese Serien empfehlen sich nicht bloß für Teenager, sie können auch sehr wertvoll für die Eltern von Teenagern sein. Denn sie erinnern die Eltern daran, wie schwer und endlos diese Jahre im eigenen Leben erschienen und dass Empathie, Offenheit und Akzeptanz die besten Werkzeuge sind, um mit den „Hormon-Monstern“ umzugehen, zu denen sich ihre Kinder mitunter entwickeln. Am Ende wird die Erkenntnis stehen, dass viele Eltern diese Art von Serien selbst gerne gesehen hätten, als sie selbst Teenager waren und ihr Körper auf sie wirkte wie ein Rätsel, das schier unglaublich zu lösen ist.

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